Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Meine 44 Fragen

Inspiriert durch Pirmin Stadlers 44 sehr sinnvolle Fragen an Schule, Lehren und Lernen, deren Wurzel wiederum auf einen Blogbeitrag Martin Gaedts zurückgehen, meine Fragen an das Leben. Wild, ungeordnet, subjektiv, also wie immer:

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“Das ist der Mann zu meinem Beruf … “

Neulich hatte ich in einer entzückenden sechsten Klasse Vertretungsunterricht. Die Kinder arbeiteten an der von der Politiklehrerin verordneten Aufgabe, ihre Zukunft auf A3 zu malen. Ich habe mir mittlerweile abgewöhnt, innerlich zusammenzubrechen, wenn sich zwölfjährige Mädchen als Mütter und Teilzeitkräfte im Büro malen und zwölfjährige Jungs im Mercedes und Nadelstreifenanzug. Nur eine Zeichnung fiel mir auf: Ein Mädchen hatte sich als Archäologin in einer antiken Grabungsstätte gemalt, mit breitem Grinsen im Gesicht, und am Rand stand ein Mann mit zwei kleinen Kindern an der Hand. Auf die Frage, wer das sei, antwortete das Mädchen “Na, das ist mein Mann, und das sind unsere beiden Kinder. Ich gehe davon aus, dass mein künftiger Beruf eine Menge Zeit in Anspruch nehmen wird, und ich will Kinder, und das geht nur mit einem Mann, der diese Kinder mit mir erzieht.”

Warum ich diese Geschichte hier erzähle? Weil sie für mich symptomatisch für unsere Gesellschaft ist. Jedes Vierteljahr wieder geistern durch die Medien Berichte über Altersarmut, die Teilzeitfalle, Einstellungs- und Rückkehrprobleme junger Mütter. Medial wird uns der Eindruck vermittelt, die Welt sei mütter- und kinderfeindlich. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Wir haben meines Erachtens allzu lange den Fehler gemacht, Frauen mit Kindern als Objekte, Opfer der Personalpolitik patriarchaler Firmenstrukturen zu betrachten, die man staatlicherseits durch eine komplizierte Schutzgesetzgebung sowohl vor dem rauen Arbeitsalltag als auch den Härten des Kapitalismus behüten müsse. In einer Zeit, in der Frauen 12-14 Stunden in Fabriken stehen und danach Haushalt und Nebenerwerbslandwirtschaft bewältigen mussten, hatte dieser Schutz durchaus sehr viel Sinn, und auch ich bin dankbar, dass ich mein Wochenbett zu Hause verleben durfte.

Mütter sind aber auch und immer Subjekte und Regisseure ihres eigenen Lebensentwurfs. Nicht platt und im Sinne von “Selber schuld, wenn dich keiner einstellen will”, sondern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Alle Menschen, Frau und Mann, sind in Deutschland frei und gleich an Rechten. Bis das erste Kind kommt. Da geht es mit der Freiheit und Gleichheit den Bach herunter. Männer arbeiten mehr, Frauen nicht oder mit einer Wochenstundenzahl, die Vollzeitkräfte locker an einem Tag wuppen. Manchmal kommt das nächste Kind und der oben skizzierte Zustand verfestigt sich. Ich kenne zwar keine Zahlen, nehme aber an, dass diese Modelle in den einzelnen Partnerschaften auf freiwilliger Basis zwischen Mann und Frau ausgehandelt werden und nicht unter Zwang – und wenn, dann unter ökonomischem, wodurch sich aber – vicious circle – die Einkommensunterschiede zwischen beiden Geschlechtern vertiefen.

Es sind die Teilzeit arbeitenden Mütter, die nicht an Meetings und Konferenzen teilnehmen können, weil sie ihr Kind aus dem Kindergarten, der Schule abholen oder am Laternenbasteln teilnehmen müsse. Sie bleiben im Falle von Windpocken aller Kinder vier Wochen am Stück zu Hause und halsen allen anderen Kollegen sehr viel Zusatzarbeit auf. Und nein, bei all diesen Beispielen handelt es sich nicht um alleinerziehende Mütter, sondern Frauen, die mit gut verdienenden Männern zusammenleben. Jüngst fragte mein Chef eine Kollegin, die sich wegen eines Eltern-Kind-Grillens spontan eines wichtigen Treffens entziehen wollte, etwas sorgenvoll und durchaus ernst gemeint: “Aber Sie sind doch nicht alleinerziehend, oder? Könnte vielleicht auch mal Ihr Mann zu dieser Veranstaltung gehen?” Diese Nachfrage löste im Kollegium einen Aufschrei unter den jungen Müttern auf. Vom familienfeindlichen Chauvinisten war da die Rede, wie man denn so etwas fragen könne – und so weiter. Man kann auch analoge Shitstorms veranstalten. Bitte Frauen, wer ist hier der Chauvinist? Der, der die Väter in die Pflicht nimmt oder all die Väter, die ihre Frauen mit dem ganzen Vereinbarkeitsscheiß psychisch und physisch allein lassen?

Nein, ich kann sie nicht mehr hören, weder die Klagen darüber, dass das alles nicht klappt mit den Kindern und dem Job, noch die Fragen, wie ich das denn alles schaffe mit den drei Kindern, dem Vollzeitdeputat und Zusatzaufgaben. Ich vereinbare nicht, ich arbeite und lebe einfach mit den Menschen, die meine Familie sind. Nicht mal nach einem Masterplan. Ja, meine Kinder erleben mich als Menschen, der nicht über grenzenlos viel Zeit verfügt, der sie auch mal vor die Tür des Arbeitszimmers katapultiert, weil konzentriertes Arbeiten nötig ist. Und nein, ich nähe nicht die Kostüme für die nächste Theateraufführung und ich lese auch nicht in der Grundschule vor. Ich fülle meine Tage nicht damit, dass ich stellvertretend für sie ihr Leben lebe, ihre Hausaufgaben mache, ihre Freizeitaktivitäten durchplane und ihre Butterbrote kunstvoll zurechtschnitze. Aber meine Kinder erleben mich als erfüllt mit dem, was ich tue. Und diese Zufriedenheit ist eine gute Basis für unser Verhältnis zueinander.

Vielleicht besteht das Geheimnis nur darin, dass ich meine Kinder nicht parthenogenetisch auf die Welt gesetzt habe, sondern unter Beteiligung eines anderen Menschen, und dass sich dieser Mensch nicht – womit die Brücke zur Nachwuchs-Archäologin aus der sechsten Klasse geschlagen wäre – nur als Erzeuger, sondern als Elternteil versteht, der Kinder in Betreuungseinrichtungen bringen und abholen, Kinderkrankentage ein- und Kotzeimer anreichen kann, das Essen kocht und Geburtstagsgeschenke kauft. Ich kann das auch. Wenn er es macht, sieht es anders aus als bei mir. Aber das ist okay. Wir haben elterliche Mindeststandards definiert ;-).

Und nein, der Mann hat einen ebenso verantwortungsvollen Job. Und wo ich gerade dabei bin: Der oft gehörte Satz “Bei uns wäre das aber nicht möglich. Mein Mann darf nicht eher von der Arbeit nach Hause, sein Chef will das nicht”, dieser Satz gehört in die Mottenkiste. Wege entstehen dadurch, dass Mann sie geht. Oder aber dadurch, dass Frau sitzen bleibt: zum Beispiel im Meeting, und das Telefon ausstellt. Gut, letzteres ist die brachialere Methode. Aber manchmal hilft nur der Betonpfeiler.

Und was mir noch fehlt in der Liste der Totschlagargumente: Die Wahlfreiheit. Das ist doch etwas Feines. So viele Frauen sitzen zu Hause, weil sie es so wollen. Dinkelkekse backen und den Ziegenkäse selber herstellen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Nur drei Dinge:

Erstens: Manchmal macht man sich zu wenig Sorgen darum, wie dieses Leben aussehen könnte, wenn der Verdiener krankheits- oder lebensphaseninnovationsbedingt wegfällt. Plötzlich sind sie weg, das Haus, die Kekse und die Ziegen, und jenseits der Komfortzone lauert das Leben, das viel milder sein könnte, hätte man sich früher mit ihm angefreundet.

Zweitens: Wer die Wahlfreiheit für sich beansprucht, darf sie anderen nicht absprechen. Wer Toleranz einfordert, muss sie leben. Auch denen gegenüber, die es anders machen. Das gilt auch für mich ;-).

Drittens: Wer ein Ziel hat, findet Wege, wer etwas nicht will, findet Gründe.

 

 

Trauerarbeit

Seit ich aus Polen wieder da bin, schlafe ich schlecht. Einer der Träume, der mich regelmäßig einholt, ist der vom großen Nichts. Ich stehe inmitten einer grauen Fläche, vor mir ist nichts, hinter mir nichts. Das alles wäre auszuhalten, wüsste ich noch meinen Namen, wo ich herkomme oder wo ich hinwill. Aber da ist – nichts. Als ich den Traum zum ersten Mal geträumt hatte, schweißgebadet wach geworden war und Minuten brauchte, um mich zu verorten, dachte ich an einen Schlaganfall. Wenn der Traum ein gutes Ende nimmt und ich nicht wach werde, gibt es so etwas wie eine sachte Ahnung, dass hinter dem Nichts ein Neuanfang stecken könnte. Continue reading

Warum das Schneewittchendasein doch keine ganz private Entscheidung ist

Einen Tag nach Weihnachten schrieb Anna Papathanasiou in der ZEIT unter dem Titel “Ach du Schreck, so viele Schneewittchen!” über das Phänomen der gut ausgebildeten Hausfrau und Mutter. Weil ich den Text für lesenswert hielt und er meine Erfahrungswelt spiegelt, habe ich ihn getwittert. Für mich nicht nachvollziehbar waren zum einen die Kommentare unter dem Artikel, die sich vorrangig aus vorgestrigen Ansichten von zumeist Männern über die natürliche Bestimmung der Frau speisten, zum anderen musste ich mir den Protest innerhalb meiner Timeline erklären lassen. Einen Großteil dessen, was ich zum Thema zu sagen hätte, hat Journelle in ihrem Blogbeitrag zum ZEIT-Artikel zusammengefasst, den ich einfach so unterschreiben könnte, inclusive der Zweifel daran, ob das selbst gewählte Modell das richtige ist, und des gelegentlichen Haderns damit, dass wochentags wenig bis keine Zeit für mich selbst bleibt.

 

Da ist nur ein Punkt, der mich stört: Die Entscheidung für die Schneewittchengrube ist keine private, sondern eine, der von Politik und Gesellschaft  die Weichen gestellt werden. Da wäre zum einen das deutsche Steuersystem, das durch das Ehegattensplitting die Nichterwerbstätigkeit des geringer verdienenden Elternteils bezuschusst, oder, wie manche Männer sagen, meine Ehefrau ist mein größter Steuervorteil. Ein Steuernachlass von bis zu 15.000 Euro pro Jahr für die Nichterwerbstätigkeit eines Ehepartners müsste durch Arbeiten erst einmal erwirtschaftet werden. Nun mag man noch argumentieren, dass der Staat damit ja die Erziehungsarbeit zumeist der Mütter bezuschusse. Dieses Argument ist aber hinfällig, wenn  man sich die Zahlen anschaut und feststellt, dass viele Ehefrauen mit erwachsenen und/oder gar keinen Kindern durch dieses aus der Adenauer-Zeit stammende Steuerprinzip bevorzugt werden.  Gleiches gilt für die kostenlose Mitversicherung der nicht arbeitenden Ehegatten in den gesetzlichen Krankenkassen. Platt formuliert: die Steuergemeinschaft finanziert Schneewittchens Leben im Privaten mit den sieben Zwergen mit. Auch wenn die Zwerge längst aus dem Haus sind.

Weiterhin: Kindergarten, Schule, Sozialverbände und Kirche leben gut damit, die Arbeitsleistung von Frauen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, zu beanspruchen. An unserer Schule gibt es Vorlesemütter, Einmaleinsmütter, Bibliotheksmütter, Busmütter, Schwimmmütter und Bastelmütter. Wer vor Weihnachten keine Zeit hat, den wochenlanden Bastelexzessen in der Grundschule beizuwohnen, wird von den Lehrerinnen schief angeschaut, das eigene Kind, das die anderen Mütter als Maßstab nimmt, lässt sich auch nicht recht vom eigenen Lebensentwurf überzeugen usw … Eine Erleichterung für das eigene Muttergewissen, nur im Minijob oder gar nicht zu arbeiten, um den Ansprüchen der Gesellschaft als Supermutter gerecht zu werden. Insofern: Auch hier oftmals keine private Entscheidung, sondern eine, in die aktiv geschoben wird. Dass es in all diesen Jobs wenig bis gar nichts zu verdienen gibt, dass niemand in die Rentenkassen dieser Frauen zahlt, ist für mich skandalös, steht aber auf einem anderen Blatt. Mein Verdacht ist ja, dass das Dasein als berufstätige Mutter in Deutschland eben deshalb so anstrengend ist, weil wir den Anspruch hegen, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden (oder aber einfach mit gehörig viel Spott drüber zu stehen, aber besser zu leben).

Und zuletzt: Wenn wir nicht losgehen, werden wir nicht ankommen. Das Lamentieren darüber, dass die Arbeitswelt groß, fies, böse, gemein und kinderunfreundlich ist. Ja, ich könnte hier auch mein Liedchen singen von Konferenzen, die um 18 Uhr noch nicht vorbei sind, von zehntägigen Klassenfahrten, für die es keine einzige Entlastungsstunde gibt, von Fortbildungen, die auf meinen kurzen Tag fallen. Lasse ich aber. Wenn ich etwas ändern möchte, muss ich dabei sein, will heißen, mit dem Kollegen um 16 Uhr aufstehen und wegen Kita-Schließungszeiten die Sitzung beenden oder aber die Woche vorher so gut absprechen, dass der andere Elternteil die Kinder abholen kann (denn auch bei dem muss sich was ändern), es bedeutet auch, mal gehen zu dürfen, wenn das Kind Ohrenschmerzen oder eine Weihnachtsfeier hat, aber auch, wenn alle Kollegen viral bedingt am Stock gehen und man selbst noch sprechen kann, Zusatzstunden zu übernehmen. Die Arbeitswelt ändert sich nicht durch Rückzug ins Private.

Und insofern gilt für mich weiterhin das, was ich anfangs auf Twitter schrieb: Papathanasious Artikel ist für mich weniger ein Pamphlet gegen nicht arbeitende Mütter, sondern eher ein Zeitdokument für die Resignation vieler Frauen vor politischen und gesellschaftlichen Realitäten. Eine Resignation, die ich an manchen Tagen nachvollziehen kann, der ich mich aber niemals nie hingeben werde. Und ketzerisch verlinke ich darum zum Schluss mal auf Frau Brüllens Artikel “Ich hab die Nase voll“.

 

So What?!

Der vielleicht größte Vorteil am Älterwerden ist die zunehmende Gelassenheit. Möglicherweise ist es auch Zeitnot, oder es sind Abnutzungserscheinungen, ich weiß es nicht. Als unser ältestes Kind zur Welt kam, entdeckte ich das Internet. Und stellte fest, es gibt keine Rede ohne Gegenrede. Ob Stillen, Papierwindeln oder Breikost – zu allen Dingen des Alltags hatten überwiegend Frauen eine Meinung, und die wurde rhetorisch militant verteidigt. Ab und an lief mein Fass über und ich beteiligte mich am verbalen Schlagaustausch. Meist aber blieb ich still und staunte. Das Blog wurde meine Nische. Und auch hier schrieb und schreibe ich nicht alles, was mir durch den Kopf geht. Mal ist es der Alltag, mal sind es die Kinder, mal ist es die Politik und mal das selbst gebackene Brot. Wenn  man mein Blog liest, kennt man nicht mich, sondern einige Facetten meines Lebens. Und ich gehe davon aus, dass es bei anderen Bloggerinnen genau so ist. Wenn ich ein Backblog im Design der 50er- und 60er lese, nehme ich die eine oder andere Inspiration mit, bedanke mich und gehe weiter. Wenn es mich langweilt, dass manche Frau nur übers Häkeln von Nachttischdeckchen schreibt, zwingt mich niemand, dieses Blog zu lesen. In der Regel denke ich nicht darüber nach, ob Frauen, die vom Handarbeiten oder Kochen schreiben, apolitische Wesen sind. Für mich sind Blogs kleine Fensterscheiben – die einen mit netten Gardinen und Topfblumen vorm Fenster, die anderen haben schonungslos Tür und Tor geöffnet für alle, die vorbeikommen, damit man sieht, welche politischen, philosophischen und feministischen Fragen am großen Esszimmertisch gewälzt werden. Ich halte es für müßig, Handarbeitsbloggern eine fehlende feministische Grundorientierung allein auf der Basis ihrer Netzpublikationen vorzuwerfen. Ebenso wenig lässt sich aus einem feministischen Blog darauf schließen, dass sich dahinter völlig verkopfte, unemotionale und geschlechtsneutrale Wesen verbergen. In den Ferien habe ich den Fehler gemacht, ein wenig tiefer und weiter in den Blogwirren zu lesen als sonst – und ich dachte mir, Leute, ihr habt doch alle ne Meise. Da streitet ihr unterhalb der Gürtellinie darüber, worüber Frauen in welcher Ausschließlichkeit schreiben dürfen, und statt mit Polemik lässig umzugehen, werden Morddrohungen ausgesprochen. In anderen Teilen der Welt sterben Menschen an Ebola, reduziert die UNO ihre Hilfslieferungen wegen Geldmangel, hier verprügeln Wachmannschaften Flüchtlinge und die Bürgermeisterin fordert mehr Polizeipräsenz bei Nacht – wegen der kulturellen Differenzen. Andere streiten um die korrekte Füllung der Butterbrotsdose und erläutern in langen Beiträgen, warum genau diese Frage ein Politikum ist.

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Wenn mich am Frauenbloggen (das ist jetzt nicht chauvinistisch gemeint, sondern nur das kürzeste Kompositum, das mir einfällt) etwas nervt, ist es ein Mangel an gewünschter Kontroversität, der akklamatorische Charakter so vieler Blogs und Kommentare. Frau schreibt etwas, 53 Menschen schreiben “toll”, “super”, “prima”, “wie recht du doch hast”. Der 54. Mensch, der eine kritische Nachfrage stellt, wird entweder von der Blogbetreiberin beschimpft oder von den 53 anderen. Wenn ich einen Text für Millionen LeserInnen publiziere und die Kommentarfunktion nicht deaktiviere, muss ich damit rechnen, dass Menschen anderer Meinung sind als ich. Solange sie in der Lage sind, diese Meinung freundlich und sachlich vorzutragen, freue ich mich – das Schwimmen in der eigenen Sippe Suppe ist mir auf Dauer zu langweilig.

Ich denke, das wahre gesellschaftliche Problem sind nicht die Blogs. Das Problem ist zum einen eines mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung unbezahlter Arbeit. Das Netz ist da wesentlich freundlicher als die eigene Familie, das Kompliment für die fremde Bloggerin geht einfacher über die Lippen als das für die Nachbarin vor Ort. Das nächste Problem: Frauen, die Kinder bekommen, werden häuslich. Eine Zeit lang ist das in Ordnung. Me, myself, das Baby, der Breitopf, die Nähmaschine – und parallel dazu gibt es eine Außenwelt, die alles tut, die Frauen möglichst lange in diesem Zustand zu lassen: durch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Degradierung in Teilzeitjobs, Kündigung oder Abfindung in Elternzeit u.ä. Bücher ließen sich füllen und sind gefüllt worden damit.

Liegt es nicht nahe zu sagen, ich mache haushalts- und elternnahe Dienstleistung (Stricken, Kochen, Nähen, Wohnungsaufhübschen, Tragen) zu “meinem” Projekt und verdiene Geld damit? (Die einen mehr, die anderen weniger …) – und wenn ich Geld damit machen kann, wäre ich ja schön blöd, ich täte es nicht. Dass es weniger ist, dass es vielfach nicht in der rauen Außenwelt, sondern in kuschliger Heimarbeit geschieht – so what?!

Ein wichtiger Indikator dafür, dass eine Frau echte Wahlfreiheit hatte bei ihrem Lebensentwurf, besteht für mich darin, dass sie diesen Entwurf nicht ständig mit Beißen und Klauen verbal verteidigt, rechtfertigt und zelebriert, dass sie nicht missioniert, sondern darin lebt.

Vom Konsequentsein, Krankenhäusern und dem Tod Michael Jacksons

Alles fing damit an, dass das große Kind vorgestern mit Gummistiefeln im matschigen Garten stand und darüber sinnierte, ob man bei solch einem Regen einen Kaninchenstall reinigen könne. Es siegte – wie so oft – der innere Schweinehund, und das Kind stapfte mit dreckverkrusteten Gummistiefeln die Treppe zur Haustür hoch, um mir diesen Entschluss mitzuteilen. Ich wies das Kind dezent darauf hin, dass da eine Mega-Dreckspur entstanden sei, die es dann bitte danke mal wegfegen müsse. Nach einer Nacht Bedenkzeit fügte sich das Kind in sein Schicksal und begann die Treppe zu reinigen – mit Gießkanne, Besen und Schrubber. Plötzlich hörte ich ein “Au”, nicht irgendein “Au”, sondern eines, das ich in dieser Schärfe noch nicht gehört hatte. Das Kind stand schluchzend vor mir, und der kleine Finger, der saß dank eines formvollendeten Loopings auf der selbst geschaffenen Putz-Rutsch-Rampe irgendwie nicht dort, wo er hingehörte. Laiendiagnostisch betrachtet war der Sachverhalt einfach: glatter Bruch. In der Kinderunfallchirurgie war Hochkonjunktur: Offenbar sind die Herbstferien eine Zeit des Stürzens und Brechens. Kleine Menschen aus aller Herren Länder redeten aufeinander ein, während die Eltern vertieft ins Smartphone schon mal den Aufruf ins Sprechzimmer verpassten. Da die Notaufnahme des nahe gelegenen Armeekrankenhauses geschlossen hatte, sammelten sich nach und nach immer mehr Militärangehörige in Uniform im Warteraum (Frage einer Unwissenden: Müssen Militärs immer und jederzeit Uniformen tragen? Mich irritiert das). Nach dreieinhalb Stunden Wartezeit (warum müffeln Wartezimmer im medizinischen Bereich eigentlich so fürchterlich süßlich-eklig? Und warum klebt alles, was dort herumliegt, so widerlich? Warum hat das Spielzeug braune Ränder?) und drei Röntgenbildern bestätigte sich meine Erstdiagnose: Fingerbruch. In einem seltsamen minimalen Anflug von Humor (oder Unterzuckerung?) murmelte der übermüdete Arzt etwas von “jetzt mal etwas Lachgas zur Beruhigung” und “Fixierung mit Drähten”, “OP frei?”  Das Kind, bis dato nüchtern, entwickelte einen filmreifen Nervenzusammenbruch, der für niemanden vorhersehbar war. “Sie dürfen mich hier jetzt nicht so einfach operieren. Sie haben mich ja gar nicht gefragt! So ging das mit Michael Jackson auch los, mit Lachgas, das ist doch so eine Droge, oder? Und am Ende war er tot!” Tiefes Schluchzen und betretenes Schweigen in der Notaufnahme. Während ich überlegte, ob das Kind möglicherweise nicht doch auf den Kopf gefallen und mir dieses verschwiegen hatte, räusperte sich der Arzt: “Also, meines Wissens hatte sich Michael Jackson vorher nicht den Finger gebrochen.” Die Kollegin kam ihm mit einer Packung Kekse zur Hilfe: “Iss mal was, Junge, sicher bist du nur unterzuckert!” (Ich mag ja so pragmatische Menschen … ) Nach dem Verzehr einer halben Packung Butterkekse war das Kind wieder das alte. Jetzt: fescher Gips und OP in einer Woche – möglicherweise aber auch nicht. Lehrerkinder kriegen das immer ganz gut hin mit dem Kranksein in den Ferien …

Ferien!

Wird offenbar ein Ferienblog, dieses Dings hier. Und hier sitze ich, vor 28 Klassenarbeiten und 25 Klausuren, genieße die Ruhe und übe mich in Prokrastinationsstrategien de luxe. Die letzten Tage waren übervoll mit Eltern-Psychologen-Klinikgesprächen, mit Klassengrößen von 48 Kindern (die Kollegin sprach: “Neeein, bei mir sollen die Austauschschüler nicht sitzen, ich kann ja gar kein Englisch, nimm du die mal!” Notiz am Rande: Alles geht. Bilingualer Deutschunterricht ist spannend. Man wächst mit seinen Herausforderungen und sollte sich ihnen stellen), mit Fachkonferenzsitzungen, Rudern gegen den Strom, Kampf gegen fiese Gastroenteritisviren und so weiter. Ich habe vor ein paar Wochen einen neuen Weg zur Schule entdeckt und fahre nur noch 20 statt 30 Minuten, schöne Landschaften am Rande inclusive.

Ich koche mir einen Kaffee, suche meine roten Lamy-Patronen und beginne zu arbeiten. Jetzt. Sofort. Nun los!

 

Sonne, Ernte, Herbst

Walnüsse und Äpfel aus dem eigenen Garten, ergänzt um geschenktes Obst aus der Nachbarschaft. Ein Ausflug ins nahe gelegene Freilichtmuseum. Wärme am Mittag, Kälte am Morgen und Abend. Zufriedenheit und Entspannung, auch wenn das neue Schuljahr schon vier Wochen alt ist. Das Glück, das zu tun, was man mag, im Beruf, in der Freizeit. Ein guter Stundenplan in diesem Jahr. Und mehr und mehr Routine. Ich wünsche mir, dass es bleibt, das Gefühl der Ruhe mitten in mir.

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Wohlfühlsonntage

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Sonntagsbesuch

rehBei anderen kommt die Großtante, bei uns das Reh. Grast, macht aber ansonsten wenig Umstände. Sollte bitte die Baumstämme in Ruhe lassen.

 

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