Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: November 2011

Time Flies

Eine Woche in Schule A und dort unterrichtet, die nächste Woche in Schule B. In der letzten Woche dann pädagogisches Intensivtraining im Boot Camp im niedersächsischen Niemandsland. Um uns herum nur Nebel, Güllegeruch und Moor. Eine von außen betrachtet schauderhafte Woche. Das lag aber weniger daran, dass 130 angehende Pädagogen auf einen Haufen klaustrophobe Anfälle mit Fluchttendenzen erzeugen, als an dieser absolut ungastlichen Örtlichkeit. Fünfmannzimmer, Klo und Dusche für zehn Menschlein auf dem Gang, Essen, bei dem man nur mit viel Mühe die Ursprungszutaten erahnen konnte – begleitet von fürchterlich unfreundlichem Personal. Dennoch, oder gerade deswegen: viel gelacht. Sehr viel. Und Menschen gefunden, in deren Gegenwart ich mich wohl fühle. Seit langer Zeit mal wieder gesungen. Mütter mit noch mehr Kindern getroffen. Und am Freitagabend heimgekehrt – ins schöne, warme, saubere Zuhause, strahlende Kinderaugen, Umarmungen und Geborgenheit. Am Wochenende dann Weihnachts-Intensivphase. Plätzchen backen, Engel basteln, Kastanientiere und bunte Blätter von den Fensterbanken räumen, Adventskranz zusammenstückeln, in der Schule beim Adventsmarkt helfen, für den Kindergarten Mandeln verkaufen und und und … Ich plädiere für die Einführung eines völlig tätigkeitsfreien achten Wochentages. Leertag, Nirwanwoch oder so. Könnte ich gerade brauchen.

An einem Sonntag im November

 

Babysitter Casting

In der letzten Woche gab es zur abendlichen Unterhaltung einige Vorstellungsgespräche mit potenziellen Kandidatinnen für die nachmittägliche Kinderbetreuung.

Kandidatin 1 frage zuallererst, warum wir keine Putzfrau hätten und die bräuchte ich ja nun wirklich. Dann erzählte sie mir, wie fürchterlich müde und mager ich ausschaue und dass ich mal mehr essen solle. Danke. Als die Kinder mit Bilderbüchern zu ihr eilten, verriet sie ihnen, dass sie ja nun wirklich nicht gern lese und das Ganze lieber im Fernsehen anschaue oder auf CD anhöre.

Kandidatin 2 war sehr liebenswürdig, roch aber nach Zigaretten und Alkohol. Da ich bei dieser Geruchskombination immer fürchterliche Fluchtimpulse bekomme, überlegte ich fieberhaft, wie ich das Gespräch schnell zu Ende bringen könnte, ohne unhöflich zu wirken.

Kandidatin 3, die wir nicht via Anzeige, sondern über das Internet erreichten, riss glücklicherweise alles heraus. Angehende Erzieherin mit eigenem Auto, die neben der Erzieherinnenschule ein wenig Geld verdienen möchte, jung und fröhlich, eine Art Au Pair, das abends nach Hause fährt und am Wochenende keinen Familienanschluss sucht ;-) … in der nächsten Woche beschnuppert sie die Drei zum ersten Mal – und wenn alles gut geht, fallen weitere Steine von meinem Herzen.

 

Kein Problem hingegen: eine Putzfrau finden. Ca. 80% aller Bewerberinnen, die auf unsere Anzeige antworteten, fragten uns, ob wir nicht stattdessen eine Putzfrau bräuchten. Ich versteh das nicht. Wenn ich die Wahl hätte zwischen Vorlesen, Spielen und Singen und P.U.T.Z.E.N, ich würde den Teufel tun, mich für letzteres zu entscheiden.

Ja.

Es passt. Die erste anstrengende Woche mit ganztägiger Hospitation und eigenem Unterricht ist vorbei, und ich bin müde, aber glücklich. Es passt. Ich habe den Eindruck, dort angekommen zu sein, wo ich hinwollte. Ich weiß, dass ich erst am Anfang stehe und zwischendurch straucheln, jammern, hadern und zweifeln werde. Aber mittendrin stehen und denken “Es läuft”, “oh, sie haben es verstanden” oder gar “auf solch eine gute Idee wäre ich selbst gar nicht gekommen” – das ist ein sehr gutes Gefühl. Ich habe in den letzten Tagen viel gelernt, noch mehr gelacht und den Rückenwind genutzt. In der nächsten Woche steht die Schule von Fachleiter 2 auf dem Programm. Ich befinde mich in produktiver Unruhe.

Bleibt alles anders

Freiberuflich arbeiten ist recht nett. Frau kann ihre Zeit frei einteilen, kranke Kinder auf dem Sofa pflegen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen und stattdessen einfach die liegengebliebene Arbeit nachts nachholen, zwischendurch mal die Wäsche aufhängen oder ein Paket entgegennehmen. Das letzte Jahr war einerseits entspannt, andererseits aber auch sehr einsam. Ich habe viel Zeit mit mir selbst an meinem Schreibtisch verbracht, einige spannende Projekte gestaltet, einen säumigen Kunden monatelang genervt, bis er seine Rechnung bezahlte – ich weiß jetzt, dass ich das kann. Trotzdem hing da immer so ein “die arbeitet ja NUR freiberuflich” in der Luft, “die verdient ja nur dazu”, und die Vorstellung, mich bis zum 67. Lebensjahr nur mit Wissen auf Papier zu beschäftigen, immer zu bangen und zu hoffen, ob ich diesen oder jenen Auftrag nun bekomme oder nicht, die Sehnsucht, mal wieder etwas mehr Verantwortung zu tragen. Kurz und gut: ich bin seit zwei Wochen wieder im Schuldienst, diesmal nicht über die Hintertür, sondern ganz regulär als Referendarin, und ich freue mich (noch?) auf die Herausforderung. Die Schule liegt 25 Fahrminuten entfernt, das Seminar befindet sich in meiner Lieblingsstadt, und der eine sehr fordernde Fachleiter wird durch den anderen eher entspannten ausgeglichen.

Ich habe im Real Life nicht viel, eigentlich gar nicht über meine Pläne geredet, denn jeder, dem ich davon erzählt habe, hat versucht, mich abzuhalten. “Das schaffst du nicht!”, “Daran zerbricht deine Beziehung!”, “Am Ende schlägst du deine Kinder” (O-Ton einer Frau, die gerade fertig), “Sie zerbrechen dich, und dann formen sie dich nach ihrem Bild neu”. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ob ich meinen Mann schlage oder Geschirr zerbreche. Ich weiß nur, dass ich es will. Diesmal nichts hinwerfen, weil es mit der Kinderbetreuung nicht vereinbar ist. Die Arbeit im Haushalt und die Kinder mehr mit dem Mann teilen. So wie früher. Und natürlich mit der Mrs. Doubtfire to come.

Und der erste Mensch, den ich treffe und der mir sagt, es war eine nicht nur scheußliche Zeit, ich habe viel gelernt, dem werde ich sehr dankbar sein für die Zerstörung des Heldenmythos.

Wie Dreijährige addieren

Das kleine Mädchen sitzt auf dem Wohnzimmerteppich. Vor sich eine Kiste mit Bausteinen. Ein Baustein liegt auf dem Teppich. Das kleine Mädchen wirft von oben einen Bausteine auf den ersten und murmelt dazu “eins plumpst eins sind swei”. Höchst konzentriert. Danach nimmt es einen weiteren Baustein auf und wirft ihn auf den Boden. “Eins plumpst swei. Weißini wassas is.”

Das kleine Mädchen hat mit dem großen Bruder und der Schwester in den letzten Tagen häufig Schule gespielt. Und was kann eine Dreijährige schon mit dem Pluszeichen anfangen? Ich kann seither nicht mehr addieren, ohne an plumpsende Zahlen zu denken. Hoffen wir nur, sie kommt nie auf die Idee, eine Maus als ersten und ein Nilpferd als zweiten Summanden zu nutzen.

Gesucht: Mrs Doubtfire

Am Wochenende haben wir eine Anzeige aufgegeben. Wir suchen eine Kinderbetreuung, da die nächsten Monate auch nachmittags so turbulent werden, dass weder ich noch der Mann es schaffen, die Kinder regelmäßig von Bus (14 Uhr) und Kita abzuholen. Eine Kinderbetreuung suchen – das ist so ähnlich wie Marathon laufen. Ab Samstagmorgen 8 Uhr klingelte das Telefon. Manche der Menschen sprachen kein Deutsch, andere fragten zuerst, was man denn bei uns verdienen könne, wieder andere sagten, sie könnten nebenbei auch noch putzen und den Garten umgraben (nur komisch, dass ich das nie schaffe mit den Dreien im Schlepptau). Ein merkwürdiger junger Mann meldete sich, der sagte, er spiele gern mit Kindern, “nö?”. Gestern Abend hatte ich den spontanen Impuls, alles abzusagen, das Haus mit einer Zentralverriegelung zu versehen und meine Drei nie, nie, nie aus den Augen zu lassen. Heute Morgen dann kamen zwei vielversprechende Anrufe, und morgen Abend führen wir Vorstellungsgespräche. Der Große hofft heimlich darauf, dass Mrs. Doubfire zur Türe hereinspaziert, die Mittlere hat bereits Fragen vorbereitet (“Können Sie auch Plätzchen backen?” “Und stört es Sie nicht, wenn beim Essen dreimal das Wasserglas umkippt?”) – und die Kleine, die weiß noch nichts von ihrem Glück. Ich schätze, morgen Abend wird sie rufen: “Noch ne Oma, und noch eine, und noch eine!” Ich bitte um gedrückte Daumen. Ganz inständig.

Bleibt alles anders

Freiberuflich arbeiten ist recht nett. Frau kann ihre Zeit frei einteilen, kranke Kinder auf dem Sofa pflegen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen und stattdessen einfach die liegengebliebene Arbeit nachts nachholen, zwischendurch mal die Wäsche aufhängen oder ein Paket entgegennehmen. Das letzte Jahr war einerseits entspannt, andererseits aber auch sehr einsam. Ich habe viel Zeit mit mir selbst an meinem Schreibtisch verbracht, einige spannende Projekte gestaltet, einen säumigen Kunden monatelang genervt, bis er seine Rechnung bezahlte – ich weiß jetzt, dass ich das kann. Trotzdem hing da immer so ein “die arbeitet ja NUR freiberuflich” in der Luft, “die verdient ja nur dazu”, und die Vorstellung, mich bis zum 67. Lebensjahr nur mit Wissen auf Papier zu beschäftigen, immer zu bangen und zu hoffen, ob ich diesen oder jenen Auftrag nun bekomme oder nicht, die Sehnsucht, mal wieder etwas mehr Verantwortung zu tragen. Kurz und gut: ich bin seit zwei Wochen wieder im Schuldienst, diesmal nicht über die Hintertür, sondern ganz regulär als Referendarin, und ich freue mich (noch?) auf die Herausforderung. Die Schule liegt 25 Fahrminuten entfernt, das Seminar befindet sich in meiner Lieblingsstadt, und der eine sehr fordernde Fachleiter wird durch den anderen eher entspannten ausgeglichen.

Ich habe im Real Life nicht viel, eigentlich gar nicht über meine Pläne geredet, denn jeder, dem ich davon erzählt habe, hat versucht, mich abzuhalten. “Das schaffst du nicht!”, “Daran zerbricht deine Beziehung!”, “Am Ende schlägst du deine Kinder” (O-Ton einer Frau, die gerade fertig), “Sie zerbrechen dich, und dann formen sie dich nach ihrem Bild neu”. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ob ich meinen Mann schlage oder Geschirr zerbreche. Ich weiß nur, dass ich es will. Diesmal nichts hinwerfen, weil es mit der Kinderbetreuung nicht vereinbar ist. Die Arbeit im Haushalt und die Kinder mehr mit dem Mann teilen. So wie früher. Und natürlich mit der Mrs. Doubtfire to come.

Und der erste Mensch, den ich treffe und der mir sagt, es war eine nicht nur scheußliche Zeit, ich habe viel gelernt, dem werde ich sehr dankbar sein für die Zerstörung des Heldenmythos.

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