Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Januar 2012 (Seite 1 von 2)

Woran merkt man …?

… Überidentifikation mit dem Job?

a) Man hält Rettichmus für eine weltanschaulich-politische Strömung, ganz im Sinne von Liberalismus und Konservativismus – dass es sich dabei um ein Rezept aus der Gemüsekiste handelt, merkt man erst nach drei Minuten Studium des Folgetextes.

b) Man läuft nachmittags um drei in den Kindergarten, reißt die Tür auf und ruft „Guten Morgen, liebe Marienkäfergruppe“ (und überlegt, welche Hausaufgabe man eigentlich gestellt hatte), bevor einem einfällt, dass man eigentlich nur das Küken abholen wollte.

c) Man sagt zur Freundin, die sich über die zerkratzten CDs ihrer Kinder aufregt, „Also meine Hypothese zu diesem Sachverhalt ist ja …“ und merkt erst am Stirnrunzeln der Freundin, dass das wohl der falsche Sprachcode war fürs zwischenmenschliche Gespräch.

d) Man liest im Auto an der Kilometerstandanzeiger „Reichsweite“ und fragt sich, ob das preußische Territorium wirklich nur 387km umfasste, bevor man bemerkt, dass das Auto keine politische Landkarte ist und der Kilometerstand nicht in Quadratkilometern gemessen wird.

e) Man geht in die Küche und holt sich am Wasserhahn ein Glas Leistungswasser. Ob es hilft?

Aber jetzt: Wochenende! Aber so richtig!

 

Hülfe erbeten!

Es gibt da eine Jahrgangsstufe, eineinhalb Jahre vorm Abitur (G8), die habe ich vor einiger Zeit übernommen. Ich mag die Schüler, ich mag die Reihe, aber der Unterricht schleppt sich mangels Beteiligung nur irgendwie dahin. Der Fachlehrer hatte mich gewarnt, die Lerngruppe arbeite auf niedrigem Niveau, alle anderen seien weiter. Genau das sagten mir auch die Schüler. „Wir sind halt schlecht und doof, und das Fach X, das interessiert uns nicht. Wir machen das nur, weil wir müssen!“

Mit einem merkwürdigen „jetzt-erst-recht“-Idealismus ausgestattet, plante ich meine Stunden. Kooperative Lernformen, gruppenteiliges Erarbeiten von Themenbereichen, Schülerpräsentationen, Partnerarbeits-Murmelphasen, gemeinsame Abstimmung über die Themengewichtung, Gegenstände abseits des Schulbuchs, lebensweltlicher Bezug und und und … Der Unterricht funktioniert – irgendwie – aber er reißt niemanden vom Hocker. Am Freitag ist Unterrichtsbesuch, und die Phrase vom „ganz normalen Unterricht, der dort gezeigt werden soll“, ich fürchte, die wird in diesem Fall zutreffen. Für langjährig erprobte Aktivierungstipps abseits von „Jagen Sie die Lerngruppe mal ne Runde über den Schulhof“ enorm dankbar verabschiedet sich für heute Frau Kreis.

Meine Donnerstage

sind optimierbar.

Ich verlasse das Haus um 06.55 Uhr. Um 07.50 Uhr beginnt die erste Stunde. Bis 13.15 Uhr bin ich in der Schule. Um 13.45 Uhr beginnt mein erstes Fachseminar – 30km von der Schule entfernt. Unterwegs kaufe ich mir, während ich mit überhöhter Geschwindigkeit die Landstraße entlangdüse, ein belegtes Brötchen. Esse beim Fahren. Manchmal fallen mir Tomatenstücke in den Ärmel, geruchstechnisch unangenehmer ist Krautsalat. Die Seminare enden um 20.30 Uhr. Gegen 21.30 Uhr bin ich zu Hause. Nach vierzehneinhalb Stunden, einem Brötchen auf die Hand und einer Cola im Vorbeigehen. Fix und alle. Wenn ich Glück habe, ist am nächsten Tag kein Unterrichtsbesuch, und es kommt auch niemand auf die Idee, mich um 19.00 Uhr zu fragen, ob ich nicht die zwei Stunden Verfassungsgeschichte am nächsten Morgen um acht übernehmen möchte. An Donnerstagen gehe ich ein klitzekleines bisschen auf dem Zahnfleisch. Vorgestern fand ich beim Insbettgehen um 0.30 Uhr mein Handy nicht. Schüttete zwei Arbeitstaschen aus, krempelte das Auto um. Heulte eine Runde. Es lag seelenruhig auf dem Schreibtisch. Glücklicherweise gibt es ab Februar einen neuen Stundenplan.

Atemlose Zeit gerade. Manchmal denke ich an William Turners „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ – und irgendwie ist es gut so. Geruhsamkeit kann später kommen.

Neu in meinem Wortschatz

Die Malaysia-Mücke. Sie überträgt Malaysia und lebt in Afrika. Vielleicht sind schon Pharaonen an ihrem Stich gestorben.

Bismarcks Pixelhaube. In der Frage, wie vorwärts- oder rückwärtsgewandt das Deutsche Kaiserreich war, ein ganz neuer Aspekt. Digitale Köpfe quasi.

Der Rucola-Kranz: Wer sagt denn, dass die Kränze der römischen Kaiser immer aus Lorbeer sein mussten? Vielleicht irrten ja die zeitgenössischen Botaniker und Chronisten?

Arthur Schnitzel: Wenn der Geburtsort des Schriftstellers und Hunger in Klausuren im Gehirn sich paaren, denkt man vielleicht an Wiener Schnitzel und muss trotzdem weiterschreiben. Als von Grund auf verfressener Mensch habe ich großes Verständnis für solche Neologismen …

Sagte ich schon einmal …

dass ich Fünftklässler liebe? Heute im Unterricht. Kind A liest eine Hausaufgabe vor, die dem vorab erarbeiteten Kriterienkatalog so gar nicht entspricht. Damit Kind A nicht so traurig ist und weil Kind A in der Hausaufgabe so wunderbar mit Sprache gespielt hat, erkläre ich ihm und dem Rest der Klasse, dass die Hausaufgabe zwar nicht richtig sei, aber der Stabreim in seinen Sätzen ganz famos. Kind B zeigt auf und sagt: „Das ist ja witzig, das mit dem Stabreim. Wie gut, dass du diesen Fehler gemacht hast, Kind A, sonst hätten wir jetzt nicht einfach nebenbei erfahren, was ein Stabreim ist!“ Manchmal wünsche ich mir diese unbefangene Fehlerkultur auch unter Erwachsenen …

Ich habs satt …

Das kleine Mädchen läutete mit Magen-Darm die Ferien ein. Den Mittelteil der Ferien mit demselben Virus übernahm dann ich, und seit gestern Abend nun spuckt das Mittelkind. Sagte ich eigentlich schon mal, dass ich Magen-Darm hasse? Gern Forschungen darüber anstellen würde, warum uns diese Viren ständig in den Weihnachtsferien anspringen und offenbar resistent gegen Quarantäne der Erkrankten und Desinfektionsmittel sind? Und warum zum Teufel gibt es keinen ordentlichen Winter? Einen, in dem es friert, man im Schnee draußen spielen kann und eine hinreichende Sauerstoffzufuhr dazu führt, dass die Immunabwehr irgendwann wieder funktioniert? Stattdessen Regen, Sturm, umgestürzte Äste und Dienst an der Waschmaschine. Und da war doch noch etwas? Ach ja – die Ferien sind zu Ende. Aber ich weiß gar nicht, ob ich nicht sogar ein klein wenig glücklich darüber bin 😉 …

Visuelle Irritationen

Ich sitze im Auto. Irgend etwas ist anders als sonst. Ich überprüfe die Innenbeleuchtung. Ausgeschaltet. Ich schaue nach, ob ich nicht versehentlich das Fernlicht angestellt habe. Nein. Habe ich meine Brille auf? Ja. Etwa vergessen, Jacke oder Schuhe anzuziehen? Auch nicht. Woraus nur resultiert dieses Gefühl von Leichtigkeit? Dieses Helle? Nach drei Minuten merke ich. Die Sonne scheint!

Die Briefträgerin

Seit wir dort wohnen, wo wir wohnen, hat uns die Post dieselbe Haus- und Hofbriefträgerin zugeteilt. Sie ist zuverlässig, freundlich, nie krank und äußerst selten im Urlaub. Sie hat Kinder und Enkel, mit denen sie gern Eis isst (das wissen wir, weil wir selbst gern Eis essen und sie manchmal in der Eisdiele treffen). An manchen Tagen allerdings frage ich mich, ob sie nicht ihren Beruf verfehlt hat und eigentlich lieber Privatdetektivin wäre. Sie klingelt, überreicht ein Paket und sagt „Die Pantoffeln für den Mann sind da!“ oder „Rechtzeitig zu Weihnachten sind die letzten Naschereien eingetroffen.“ Das wäre ja alles noch einsehbar, wenn der Inhalt des Pakets von außen ersichtlich wäre. Ist er aber in vielen Fällen nicht. Oftmals hilft nur die scharfsinnige Kombination aus Absender, Gewicht des Pakets und eine eventuelle Schüttelprobe, um Mutmaßungen über den Inhalt anzustellen. Ein anderes Beispiel: seit dem Herbst erhalte ich regelmäßig Belegexemplare diverser Schulbuchverlage. Am ersten Tag der Weihnachtsferien begrüßte mich die Briefträgerin mit den Worten: „Na, da freuen Sie sich sicher, dass Sie jetzt auch endlich mal schulfrei haben.“ Ähm ja … Mit einem Blick erkennt sie Post aus Südafrika, Karten aus Norwegen und andere exotische Kleinode und drückt sie mir lächelnd in die Hand. Und wenn ich ihr mal die Tür öffne, während eine Haartönung auf meinem Kopfe schlummert, kann ich sicher sein, dass sie beim nächsten Zusammentreffen Sätze sagt wie „Oh, kastanienbraun, letztes Mal war es doch mahagonifarben. Steht Ihnen auch sehr gut!“ Diese Briefträgerin macht mich sprachlos. Und das bin ich nicht oft. Ich denke, sie ist eine Reinkarnation von Miss Marple. Oder ihre Fortsetzung. Nur hat sie leider nicht gemerkt, dass es in unserem langweiligen Haushalt keine Verbrechen aufzudecken gibt …

Die Feuerwehrfrau

Die Lieblingserzieherin der kleinen Tochter ist in ihrer Freizeit Feuerwehrfrau. Und die kleine Tochter ist, seit sie mithört, was die Erzieherin in ihrer Freizeit so alles erlebt, im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme. Nachmittags beim Heimfahren erzählt sie mir von trockengelegten Kellern, gelöschten Scheunen und riesigen Bäumen, die auseinander gesägt und von Straßen geräumt werden müssen. Bob der Baumeister lässt grüßen. Die Erzieherin ist tough. Nachts rettet, löscht, birgt und schützt sie, und am nächsten Morgen sitzt sie ab 7 Uhr im Kindergarten. Nicht etwa muffelig, sondern fröhlich und umgänglich. Manchmal schickt die Leiterin sie nach Hause und übernimmt ihren Job, damit sie ein wenig Schlaf nachholen kann. Ich bin enorm dankbar dafür, dass dem Tochterkind vorgelebt wird, dass Mut, Körpereinsatz und Risikobereitschaft nicht auf ein Geschlecht beschränkt sind. Und ich warte auf den Tag, an dem sie mir erklärt, dass sie Feuerwehrfrau werden möchte.

Gegrummelt

Ich Rabenmutter. Arbeite in der zweiten Woche der Weihnachtsferien. Bereite Unterricht vor. Und schicke die Kinder in Kindergarten und Schule. Hole sie nachmittags wieder ab. Heute war da ein Stau, der mich 20 Minuten Zeit kostete. Ich war eigentlich pünktlich. Als ich aber die Schule erreichte, war es zwei Minuten nach Schließungszeit. Ich entschuldigte mich höflich, wies auf den Stau hin und bekam ein pampiges „Ja, das haben wir auch gemerkt, dass Sie gar nicht kamen!“ zu hören. Verwirrt ging ich mit dem Kind zum Auto. Während ich losfuhr, begann es zu weinen. Der Erzieher habe zu ihm gesagt, er wolle schließlich auch mal nach Hause, und wenn ich nicht käme, könne es – das Kind – ja draußen vor der Tür warten und er, der Erzieher, endlich gehen. Zwei Minuten. Ein verheultes Kind. In den letzten eineinhalb Jahren war ich nie zu spät – im Gegenteil, das Kind war meist zwei Stunden vor Schließung der Ganztagsschule auf dem Heimweg. Den Kindergarten, den ich dann staubedingt ebenfalls zu spät erreichte, bot mir, statt mich verbal zu ohrfeigen, einen Kaffee an. „Jetzt entspann dich mal, wir sitzen im Warmen, sind satt und zufrieden, es geht uns gut und den Kindern auch!“

Warum nicht überall?

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