Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Month: März 2012 (page 1 of 2)

Es hat lange gedauert …

… erwachsen zu werden. Ursprünglich war ich ein fröhliches kleines Kind. Denke ich zumindest, wenn ich mir Fotos aus meiner Kindheit anschaue. Irgendwann dann nicht mehr. Meine Mutter trank, mein Vater schlug, und es gab keinen Hafen mehr für mich, die Welt war ein umgekippter Kahn. Ich verstummte. Verlernte für mich zu sorgen oder lernte es vermutlich nie. Suchte mir meine eigene Realität, wurde dünner und dünner. Sterben wollte ich nicht. Als ich auszog, entdeckte ich mich stückchenweise zurück. Aber immer noch war da die Angst, der Kahn könne wieder umkippen. Jahrelang. Jahrzehntelang die Angst vor Liebesentzug, ein großes Harmoniebedürfnis – und viel zu viel Ja und zu wenig Nein. Erst seit einiger Zeit habe ich dessen heilsame Kraft entdeckt. Ich kann Nein sagen, und es ist mir egal, ob ich dafür partiell nicht geliebt, gegrüßt, angelächelt oder zum Geburtstag eingeladen werde. Nein, ich bin nicht zum Neinsager geworden – aber mehr und mehr zum Fürsprecher meiner eigenen Bedürfnisse. Vertreter meiner eigenen Meinung. Wie banal das klingt. Und wie gut es doch tut. Erwachsene, dachte ich mit 20, sind fertig. Welch ein merkwürdiger Irrtum.

Unwort des Tages

Die „Schlecker-Frauen“:

Wahlkampf auf dem Rücken von mehr als 10.000 Gekündigten hat keinerlei Stil (von ethischen Fragen ganz zu schweigen). Die Mitarbeiterinnen des Konzerns sind nicht mit dem Konzern verheiratet. Ich assoziiere „Trümmerfrauen“. Warum arbeiten nur Frauen bei Schlecker? Pardon: haben nur Frauen bei Schlecker gearbeitet? Wieder einmal ein Indikator für prekäre Arbeitsverhältnisse, Jobs im Niedriglohnsektor, viele Stunden für wenig Geld.

Ich fuhr gestern mit dem Sohn am Schleckermarkt vor Ort vorbei und er fragte bekümmert, ob der Laden schließen müsse, weil wir nie unsere Windeln dort, sondern immer in der Lieblingsdrogerie (D.M.) gekauft hätten. Ich habe seit Jahren einen großen Bogen um Schle.cker gemacht, schlechte Arbeitsbedingungen, heimliche Kontrolle der Mitarbeiterinnen, keine Toiletten in den Filialen vor Ort, wenig ökologische und soziale Verantwortung. Bin ich als Verbraucher verpflichtet, Unternehmensketten zu unterstützen, deren Geschäftsgebaren ich für fragwürdig halte, um Kündigungen zu verhindern?

 

 

Manchmal

gehört ekelhaft viel Selbstdisziplin und eine Überdosis Vernunft dazu, bestimmte Dinge nicht zu tun.

Ausbeutungs-Komposita

Ich bin umgeben von Mütterlichkeitskomposita, von denen kein einziges auf mich zutrifft:

– Vorlese-Mütter

– Walkingbus-Mütter

– Bastel-Mütter

– Schwimmbad-Mütter

– Mitwander-Mütter

Bin ich überhaupt eine Mutter, wenn ich in der Gesellschaft keine mütterlichkeitsrelevanten unbezahlten Tätigkeiten ausübe? Im Sinne der deutschen Gesellschafts- und Familienpolitik vermutlich nicht. Nur: wer bezahlt sie, die Schwimmbad-, Vorlese-, Walkingbus-Bastel- und Mitwander-Mütter? Und warum sagt niemand unumwunden: Ja, uns fehlen LehrerInnen, SozialpädagogInnen, ErzieherInnen? Stattdessen werden mit großer Geste jahrhundertealte Familienpraktiken verkündet (da könnte die ältere Generation auf die Kinder aufpassen, Danke, Frau Schröder, auf diesen Gedanken wäre ich NIE, NIE gekommen …), statt einzuräumen, dass niemand das Geld in die Hand nimmt für eine adäquate Kinderbetreuung. Oder lautet der Deal: Frauen, ihr profitiert ja vom Familiensplitting, also könnt ihr im Dienste der Gesellschaft auch walken, basteln, schwimmen oder vorlesen, statt selbst zu arbeiten.

(nein, ich habe nichts gegen Ehrenämter, im Gegenteil, ich bin selbst im Elternrat und betreue die Senioren-Schüler-Patenschaft an der Schule, aber Frauen zu kostenlosen Aushilfskräften im sozialen Bereich zu degradieren – mit dem Argument, das Wohl und Wehe ihrer eigenen Kinder in Schule und Kindergarten hänge ja von ihrer unermüdlichen Mitarbeit ab, das macht mich immer wieder zornig …)

Postscriptum: Passend dazu dieser Artikel – wenn diese ganzen Aktivitäten ja wenigstens noch Minijobs wären …

(wobei eine Kollegin erzählte, ihre Tochter habe sie letztens gefragt, warum sie nicht auch – wie alle anderen Mütter auch – Supermarktregale einräume und dafür ab 12 Uhr Zeit habe … seufz)

 

Kleines mutiges Mädchen

Steht auf der Straße und schreit einen großen Jungen, der im Begriff ist, einen Feldhasen mit einem Stein zu bewerfen, an: „Du darfst den Hasen nicht bewerfen!“ Der Junge daraufhin: „Das ist mein Hase!“ Das kleine mutige Mädchen mit gefährlichem Funkeln in den Augen und vorgeschobener Unterlippe: „Das glaube ich dir nicht. Tieren, die einem gehören und die man lieb hat, bewirft man nicht mit Steinen. Und außerdem: wie heißt er denn, dein Hase?“ Der Junge schweigt, nimmt den Stein mit und geht. Töchterchen, das hausinterne Bundesverdienstkreuz geht in dieser Woche eindeutig an dich ….

Schülerfeder

„Augustus kommt im Vergleich zu Cäsar durch seine geschickte Absicherung der Macht gleich viel menschlicher rüber.“

„Kästner schrieb dieses krass realistische Gedicht 1931“

„Das französische Volk richtete viele Adlige hin, weil nur die Adligen Hasen jagen durften. Weil die Adligen aber zur Jagd zu faul waren, knabberten die Hasen am Salat der armen Bauern und verursachten Hungersnöte. Auch die Bauern wollten Hasen jagen.“

„Mit dieser Injektion möchte der Redner [hoffentlich gar nichts] verdeutlichen … “

(Korrekturlesen ist wie Überraschungseieressen)

 

Kindermund: Historisches

Frau Kreis ist spät dran. In einer Dreiviertelstunde muss sie im Seminar sein. Sie verabschiedet sich von den Kindern, sprintet zum Auto und stellt fest: draußen vor dem Carport auf dem kleinen, engen Weg steht eine riesige Gruppe Prozessions-Pilger mit einem Kreuz. Da unser Haus in einen Feldweg mündet, haben die Pilger hier Rast gemacht und sprechen ein Gebet. Ein langes Gebet. Schließlich ist Fastenzeit, Zeit der Um-, Einkehr und Buße. Frau Kreis weiß, dass es gegen ihre ethisch-moralischen Prinzipien verstoßen würde, Betende durch Hupen und Motoranlassen zu stören bzw. vom Weg zu verscheuchen. Also atmet sie tief ein und aus, stellt sich mit dem großen Kind neben die Betenden und betet mit (ein zentraler Punkt innerhalb dieses Gebets: Bitte, lass sie bald weitergehen, sonst schaffe ich es heute überhaupt nicht mehr bis in die Seminarstadt). Während der Pastor betet, die Messdiener das Kreuz heben und sich die Gläubigen bekreuzigen, fragt das große Kind laut und vernehmlich (so wie das Sams den Papa Taschenbier): „Mama?! Ich dachte immer, die Kreuzzüge gingen nach Jerusalem!“ Ich zog das Kind an die Seite, sonst hätte es sicherlich noch nach den Waffen der Kreuzritter gefragt.

(war es ein Zufall, dass sich die Prozession bald danach in Bewegung setzte und weiterzog?)

Vom Wohnen

Als wir in unsere Doppelhaushälfte zogen, hatten wir ein Kind. Ein Kind und zwei Erwachsene passen prima in eine Doppelhaushälfte. Drei immer größer werdende Kinder und zwei immer kleiner werdende Erwachsene nicht mehr so recht, auch wenn regelmäßige Entrümpelungsaktionen stattfinden und Schränke im Keller für etwas mehr Stauraum sorgen. Hinzu kommt: unsere Nachbarn mit Kind sind weggezogen, stattdessen wohnt seit einiger Zeit eine kinderlose verkniffene ältere Dame neben uns, die sich nach vier Wochen Wohnens endlich vorstellte, gleich verlauten ließ, sie höre uns aber durchaus mal (ja, unsere Kinder schleichen nicht immer die Treppe hinunter, und es gibt auch Phasen, in denen sie beim Räuber-Ritter-Prinzessin-Entführungsspiel im Garten die 30-cm-Stimme überschreiten), aber es sei ja „noch nicht so schlimm“. In mir wächst die Sehnsucht nach einem größeren Haus auf der grünen Wiese, umgeben von viel Land, einigen Obstbäumen und ohne dünne Wand zu den Nachbarn. Manchmal schaue ich mir die Immobilienanzeigen an, da ich aber nicht weiß, wohin mich das Schicksal in einem Jahr – nach Ende der Ausbildung – verschlägt, müssen wir bleiben. Und wohnen. Und hoffen. Und geräuscharm leben.

Anderwelten

Der Vorteil an der Berufstätigkeit ist der, dass einem manchmal das Backen von Brot und Kuchen und das Aufhängen der Wäsche im grünenden Garten wie Urlaub erscheint.

(außerdem fühlt es sich gut an, die kleinen und großen Staub- und Wäscheberge morgens – gut gekleidet – nur aus dem Augenwinkel zu mustern, sich daran zu erinnern, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt – was ist schon wichtiger als Lernen? 😉 – und das Haus zu verlassen)

Ich stelle fest: dies ist ein Winter, in dem ich keine rauen Hände bekommen habe. Ich wasche, spüle, schrubbe eindeutig nur genau so viel wie meine Haut verkraften kann!

„Ich denke …

… die Franzosen waren verwirrt. Erst haben sie monatelang über die Menschen- und Bürgerrecht beraten, und am Ende haben sie sie dann gleich wieder verabschiedet!“ (Schülerin mit großen Augen nach Lektüre des Geschichtsbuches; mein Teekesselchen des Tages!)

Liebe Schulbuchmacher: wenn manche Themen wegen G8 schon in der Unterstufe unterrichtet werden, sollten auch die Texte dem Sprachgebrauch Elfjähriger angepasst werden …

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