Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Month: April 2012 (page 1 of 2)

Teamwork?

Wenn ich mit den Schülern in Gruppen arbeite, geschieht das oft arbeitsteilig. Jeder arbeitet an einem anderen Aspekt des Themas, alle tauschen sich miteinander aus, jeder trägt ein Stück Verantwortung für den Gruppenerfolg. Aus der eigenen Schulzeit kenne ich Gruppenarbeit als etwas, bei dem maximal zwei Leute arbeiten, während sich vier ausruhen oder Privatgesprächen nachgehen. Mag ich in dieser Form so gar nicht, ist unproduktiv, ineffizient und auch blöd für diejenigen, die für die anderen mitarbeiten. Insofern weiß ich eigentlich, wie gute Gruppenarbeit abläuft. Eigentlich. Leider habe ich Schwierigkeiten, diese Erkenntnisse auf mein eigenes Leben anzuwenden. Ich plane gern und über den nächsten Tag hinaus: Reihen, Stunden, Phasen, das gibt mir Sicherheit und gleichzeitig Flexibilität, wenn die Dinge anders laufen als erwartet. Ab und an treffen wir uns in Lerngruppen. Und plötzlich fühle ich mich wie der Schüler in der Gruppenarbeit, der als einziger den Text gelesen hat und am Ende allein dasteht, um die Plakate zu bemalen. „Kann ich mal bei dir abschreiben?“ „Ich hab mal einen Teil deiner Reihenplanung für meinen Entwurf übernommen, du hast doch nichts dagegen, oder?“ Und ich öffne und schließe den Mund, während ich nach einer Antwort suche, die Sach- und Beziehungsebene (nein, ich will kein Kollegenschwein sein und kooperatives Arbeiten ist sehr sinnvoll) in Einklang bringt mit der Selbstkundgabe „Ich fühle mich ausgenutzt“ und dem Appell „Tu doch auch mal was!“ Schwierige Angelegenheit, das Ganze.

Wie viel Behütung braucht ein Kind?

Müssen Kinder wirklich jeden Tag mit dem Auto bis vor die Schule gefahren und wieder abgeholt werden? (oder reichen zwei gesunde Beine und ggf. ein Busticket?)

Muss eine Mutter ihrem Kind den Schulranzen bis in die Klasse tragen? (oder kann ein Kind im fünften Schuljahr ein bis zwei Kilo Buchmaterial in einem gut gepolsterten Ranzen allein von A nach B bewegen?)

Brauchen Kinder Sekretärinnen Mütter, die mittags die Hausaufgaben von der Tafel abschreiben, um sie nachmittags dem Kind zu diktieren? (oder braucht das Kind ein höheres Maß an Selbstorganisation?)

Müssen Zwölfjährige von ihren Eltern in der Badeanstalt beim Umziehen begleitet werden? (wer begleitet da wen?)

Dürfen Kinder nur noch pädagogisch begleitet durch Wälder streifen und auf eigens deklarierte Bäume steigen? (liegt das an der Rückkehr der Wölfe nach Mittel- und Westeuropa?)

Ich glaube, wir muten Kindern einerseits zu wenig zu, andererseits

laufen sie mit Smartphones durch die Gegend, auf denen sie sich alle kruden Inhalte dieser Welt anschauen können,

sitzen sie stundenlang vor Fernseher und PC und (s.o.),

essen und trinken sie Dinge, deren Zucker- und Fettgehalt mir schon beim Zusehen Pickel wachsen lässt,

haben sie im Alter von elf oder zwölf Jahren Stundenpläne mit acht und mehr Stunden ohne Pause und anschließende Freizeittermine, so dass ihr Tagesplan (wie die psychosomatischen Begleiterscheinungen) einem Manager jede Ehre macht.

Ist das Ranzentragen am Ende nicht mehr als eine Übersprungshandlung?

Liebe Frau Schröder,

ich gestehe, ich bin altmodisch. Ich bekenne hiermit, den Feminismus zu brauchen und ihm einen nicht unwesentlichen Teil meines Lebens zu verdanken. Anders als Sie, die da bisher offenbar mit großer Blindheit geschlagen großes Glück gehabt haben, befand ich mich häufiger in Situationen, in denen individuelle Aushandlungsprozesse in meiner Rolle als Frau, Mutter und Arbeitnehmerin für die Katz wirkungslos waren. Hätte es z.B. nicht meine Deutschlehrerin gegeben, die an diversen Elternsprechtagen auf meine Eltern eingeredet hat, dass sie ihre Tochter zum Studieren schicken sollten, so säße ich jetzt (denn ein Realschulabschluss mit anschließender Lehre genügt für ein Mädchen ja vollauf) an einem anderen Ort mit einem anderen Beruf und vermutlich auch mit einem anderen Mann. Vielleicht säße ich auch gar nicht mehr, sondern wäre im Rahmen einer persönlichen Existenzkrise nach Timbuktu ausgewandert. Mein Studium jedenfalls verdanke ich einer Frau, die es gewohnt war, dem pater familias ab und an über den Mund zu fahren. Hätte ich mich nie mit Gender Studies beschäftigt, hätte ich vielleicht auch bis zum heutigen Tag darauf vertraut, dass eine genügend große Klappe und genügend Selbstbewusstsein ausreichen, um ungehindert auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Als moderne Eltern, liebe Frau Schröder, wollten wir nach der Geburt unseres Großen alles richtig machen, meldeten beide Teilzeit an, um Beruf und Familie miteinander vereinen zu können – und bemerkten: Das Arbeitsleben mit Kind ist keine Hochglanzbroschüre. Mein Chef lehnte eine Weiterbeschäftigung nach der Geburt mit den Begründung ab, ich könne diese verantwortungsvolle Position mit einem Kind nicht wahrnehmen, da ich a) nicht mehr rund um die Uhr erreichbar sei und b) ein Kind erfahrungsgemäß selten schlafe und ich somithin außerstande sei, meinem Job konzentriert nachzukommen und c) seine Frau schließlich auch zu Hause sei. Mein Kind, Frau Schröder, war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal geboren, da ging es los mit der Diskriminierung. Nur eindeutige gesetzliche Strukturen, nicht individuelles Verhandlungsgeschick, verhinderten meine Kündigung und gaben mir die Möglichkeit, mich in einem anderen Bereich des Unternehmens (übrigens mit einer Frau als Chefin) zu profilieren (und daneben zwei weitere Kinder zu bekommen). Als ich mich mit meinen drei Kindern auf eine andere, enorm spannende, gut bezahlte, qualifizierte Stelle bewarb und das Gefühl hatte, das Ganze könne klappen, erzählte mir der Personalrat drei Tage später am Telefon, das habe ja alles so gut ausgesehen und warum ich denn um Himmels willen (es ging um eine Stelle im Weiterbildungssektor und ich zitierte ein Projekt in der Schule des Sohnes) zum Schluss meine Kinder erwähnt hätte. Sie, Frau Schröder, würden das sicherlich als mein persönliches Problem betrachten, was brauche ich auch drei Kinder und erdreiste mich noch, im beruflichen Kontext über sie zu reden? Warum arbeiten in unserem Ort hochqualifizierte Frauen als Verkäuferinnen im Supermarkt oder in der Essensausgabe? Haben sie sich einfach nur dumm angestellt bei individuellen Verhandlungen mit künftigen Arbeitgebern? Sicherlich nicht nur, weil ihnen niemand die Chance gibt zu arbeiten. Die Welt ist nie schwarz-weiß, Männer sind nicht böse und Frauen keine unschuldigen Opfer. Aber die Strukturen sind es, die verhindern, dass Männer und Frauen gleichberechtigt am Arbeits- wie umgekehrt am Familienleben partizipieren. Ein immenses Lohngefälle, das Ehegattensplitting, die kostenlose Mitversicherung beim Partner, eine lückenhafte Kinderbetreuung, Schulen und Kindergärten, die voraussetzen, dass Eltern pausenlos Kuchen backen, vorlesen, das 1×1 im Unterricht abfragen, bei Sportfesten an der Sprunggrube stehen, demnächst auch noch ein Betreuungsgeld – wer nur den Augenblick sieht, mag auf den Gedanken kommen, dass es schön blöd sei zu arbeiten. Strukturen schaffen auch mentale Dispositionen.  Hier und jetzt und in der Zukunft. Ich habe zwei Töchter. Sie sollen arbeiten dürfen ohne Grabenkämpfe, Kinder bekommen (oder auch nicht) und weiterarbeiten (oder auch nicht – aber bitte ohne ideologische Verbrämung). Ich fühle meine Anliegen und die meiner Kinder nicht vertreten. Und eigentlich hätte ich mir den ganzen Sermon sparen können und schlicht und einfach auf diese Seite verlinken: Nicht meine Ministerin.

Mit den Augen eines Kindes

Es ist Samstag und ich versuche mich in so etwas Ähnlichem wie einem Mittagsschlaf. Das kleinste Kind wühlt in meinem Bett herum, kuschelt sich an und zeigt auf einen kleinen Pickel auf meiner Stirn. „Was issn das?“ „Ein Pickel, Maus, sieht doof aus, nicht wahr?“ Das kleinste Kind strahlt und sagt: „Schööön, ein roter Pickel. Rot is meine Lieblingsfarbe!“ Schatzilein, das merke ich mir jetzt und tröste dich in zehn Jahren damit 😉 …

Mein unspektakuläres Leben

Ich bin nicht schwanger.

Ich habe kein Neugeborenes.

Ich stricke nicht.

Ich häkle nicht.

Ich nähe nicht.

Ich bastle nicht (mehr so viel).

Ich gehe selten ins Kino.

Ich bin nicht reich.

Ich bin nicht schön.

Meine Fotos sind Durchschnittsware.

Der Blick aus meinem Fenster zeigt keine Schluchten, Täler, Wälder, U-Bahnen.

Meine Kinder schlafen durch und essen alles.

Ich arbeite, lache, seufze, esse und schlafe.

In tiefer Sprachlosigkeit, geplagt und gebeutelt von der einen soziomedialen Existenzfrage: Was und wozu blogge ich? (im Sinne von common sense blogging?)

Mein Leben verhält sich umgekehrt proportional zu meinen Blogeinträgen: Je mehr ich erlebe, desto weniger blogge ich.

 

Heimaturlaub

Mit Kind und Koffern waren wir ein paar Tage im Revier. Lieblingsorte besuchen, und Lieblingsmenschen. Lieblingskneipen und Lieblingsmuseen. Es tat gut, und die Menschen, die Landschaft, die Industrie-Ruinen haben nichts von ihrer Faszination verloren. Am ersten Abend traf ich jemanden, den ich nicht, der aber dafür mich kannte. Aus dem Studium. Peinlich das. Auf der Toilette des Italieners eine nette Frau, die beim einen Kind wartete und mit ihm den Handtrockner testete, während ich das andere Kind zur Toilette begleitete. Überhaupt die Menschen. Man kommt miteinander ins Gespräch. Hier in der neuen Heimat ist das anders. Ich lebe in einer Sprach-Diaspora, und oft genug leide ich darunter. Man sagt nicht einfach solche Dinge wie „Boah, ist der Sprit teuer geworden!“ zueinander, ohne misstrauische Blicke zu ernten. Man hört auch keine fremden Sprachen in der Bahn. Außerdem gibt es so gut wie keinen ÖPNV. Immer, wenn ich in der alten Heimat bin, frage ich mich, ob das Leben in der Großstadt mit den Kindern ein besseres wäre. Ich komme meist zu dem Schluss, dass ich selbst sehr gut dort leben könnte, es mich aber nerven würde, ständig mit den Kindern zum Spielplatz laufen zu müssen, fünfspurige Straßen zu überqueren, diese Menschenmassen in U- und S-Bahnen mit kleinen Menschen zu bewältigen, die schon Probleme haben, Rolltreppen ohne Stolpern zu nutzen.

Am letzten Tag wanderten wir am Kemnader Stausee. Dort hatte eine Entenfamilie ihr Küken an einer Stauschwelle verloren (das Küken war über die Schwelle geplumpst und piepte unten allein und verloren vor sich hin, während die Eltern und Geschwister oben aufgeregt schnatterten). Wir beobachteten das Treiben, die Kinder fielen vor Mitleid beinah ins Wasser, der Mann überlegte, ob man den NABU anrufen solle, während ich die gierigen Raben verscheuchte. Endlich fasste sich der Entenpapa ein Herz und flog in das tiefere Gefilde. Leider zu spät. Das Entenküken war irgendwo in einer Seitenströmung verschwunden. Die Kinder weinten bitterlich. Natur ist manchmal ernüchternd.

Politische Lyrik

Mit meinem Deutschkurs habe ich vor den Osterferien die Reihe „Politische Lyrik“ abgeschlossen. Bürger, Heine, Kästner, Tucholsky, Enzensberger, Fried, Kunze und die üblichen Verdächtigen. Am letzten Tag vor den Ferien veranstalteten wir eine Talkshow mit dem Thema „Ist politische Lyrik eine aussterbende Spezies?“ Die einen spielten den advocatus diaboli mit der Auffassung, politische Lyrik sei doch im Grunde wirkungslos, trocken, reiße niemanden mehr vom Hocker und überhaupt – wer lese diese abgestandenen Verse denn? Wenn schon Lyrik, dann doch bitte Liebe, oder Natur, oder Herzeleid. Die anderen verteidigten mit Inbrunst Gedichte politischen Inhalts. Sie seien kurz, meist prägnant, man habe im Gegensatz zu Bundestagsreden wenigstens etwas, worüber man nachdenken könne, Ironie und Satire machten sich gut in sprachlich verdichteten Sätzen, und wenn auch die Bäckersfrau kein Interesse an politischer Lyrik habe und das heimische Käseblatt Gedichte politischen Inhalts verschmähe, sie doch nicht. Die Talkshow endete damit, dass man jedem Teilnehmer sein Recht auf freie Meinungsäußerung überließ. Wir gingen in die Ferien. Und nun das: da schreibt ein alternder Literaturnobelpreisträger ein politisches Gedicht, über dessen Inhalt sich vortrefflich streiten lässt, das nach Meinung der Mehrheit gar kein Gedicht darstellt (Pumuckl hat offenbar seine Spuren im literarischen Urteil der Bevölkerungsmehrheit hinterlassen, denn nur was sich reimt ist gut), das Gedicht ist politisch, aber nicht politisch korrekt, missverständlich, und das literarische und nichtliterarische Deutsch- und Ausland steht Kopf. Ich glaube, nach den Ferien gehen wir mit der Lyrikreihe in die Verlängerung 😉 … vielleicht mit diesem Gedicht:

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Und fertich!

Alphabetisch sortiert und sorgfältig korrigiert liegen die Klausuren vor mir. Kleine und große Überraschungseier. Insofern eine passende Osterbeschäftigung. Jetzt aber drei Tage (oder so) Ferien!

Lustiges Träumchen

Am Wochenende komme ich manchmal in den Genuss des Längerschlafendürfens. Ich schlafe meist unmittelbar wieder ein, wenn ich das turbulente Kleinkind dem Papa übergeben habe. Und ich träume interessante Dinge. Z.B. heute:

Ich stehe vor der Uni, trage meinen dicken grauen Mantel, der mich bis zum Abitur begleitet hat, es ist warm und die Sonne scheint. Ich bin noch nicht fertig mit dem Studium, aber es macht mir nichts aus. Toll, es gibt Vorlesungen über Julia Franck und Jana Hensel. Während ich nach der Vorlesung mit ehemaligen Arbeitskollegen (was die nun an der Uni treiben, weiß sicher nur Freud) durch die Sonne spaziere, fällt mein Mantel auseinander. Erst die Kapuze, dann die Kordeln, dann der Reißverschluss, danach der Rest. Und ich, die ich mich sonst immer ärgere, wenn meine Kleidung lädiert ist, freue mich unbändig wie ein Kind. Alles ist leicht und hell.

„Heinrich, der Wagen bricht!“  „Nein, Herr, der Wagen nicht,  Es ist ein Band von meinem Herzen,  Das da lag in großen Schmerzen,  Als Ihr in dem Brunnen saßt  Und in einen Frosch verzaubert wart.“

Autsch

Beim Anfertigen von Osterleckereien mal eben elegant tief in den Daumen hineingesäbelt.

Lektion 1: Man benötigt den linken Daumen für ungefähr fast alles und die Bezeichnung „Rechtshänder“ ist relativ. Lesen geht aber. Tippen auch. Aber für alles andere benötigt man Hilfe bzw. lernt interessante Daumennutzungsumgehungsarten.

Lektion 2: Es ist keine gute Idee, mit einem scharfen Küchenmesser Kuvertüre aus Plastikbechern auskratzen zu wollen, während ein Kleinkind auf seinem Hocker vor der Anrichte herumhampelt. Gut, dass es nur mein Daumen war.

Lektion 3: Ich wäre keine gute Ärztin geworden. Der Anblick tiefer Schnittwunden verursacht merkwürdige Schwummrigkeit in meinem Gemüt.

Lektion 4: Das Leben am Schreibtisch ist ungefährlicher als das in der Küche. (Es sei denn, man stolpert übers Telefonkabel, stürzt vom Bürostuhl oder schlägt sich, weil man am Schreibtisch einschläft, den Kopf am Notebook auf.)

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