Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Month: Juni 2012

Liebe Großeltern

schade, dass ihr euch genau so wenig um eure Enkel kümmert wie damals um eure Kinder. Schön, dass ihr allein Urlaub macht, alle paar Monate mal anruft, uns an Geburtstagen mit dudelnden Karten abfertigt und alle Jubeljahre einmal vorbeirauscht, um zu schauen, wie groß die Kinder geworden sind. Schade, dass ihr bislang auf keine unserer Ideen gemeinsamer Ausflüge, einzelner Übernachtungen eurer Enkelkinder bei euch und die ein oder andere zaghafte Äußerung unsererseits, dass wir doch sehr im Stress seien und uns über jede noch so kleine Hilfe freuen würden, eingegangen seid. Seid nicht erstaunt, wenn eure Enkel eure Namen und Wohnorte durcheinanderwerfen – sie kennen euch kaum, und ihr tut wenig, um das zu ändern. Kreist ruhig weiter um euren eigenen Bauchnabel und reist weiter auf dem Ego-Tripp, aber wundert euch nicht, wenn eure Enkel in sechs bis acht Jahren andere Dinge zu tun haben als euch zu besuchen. Liebe kann man nicht erzwingen. Zuneigung aber lernen. *modusdestages:angefressen*

Wochenende im Schnelldurchlauf

Einkaufen

Sommerfest in der Schule

Väterzelten im Kindergarten

Putzen

Kochen (Fenchelpizza, Auberginenpizza, Apfel-Quark-Torte)

Stadtbummel

„Almanya“ ist ein unglaublich witziger Film

Telefonieren

Mails schreiben

Rechnungen bezahlen

den Fluchtweg vom und zum Schreibtisch freiräumen

und schon ist wieder Sonntagabend …

 

Einfach nur sitzen

Drei Wochen vor den Sommerferien. Endspurt. Klausuren, Klassenarbeiten, eingesammelte Mappen, „Sommer“feste, zu denen ich als Frau Kreis eingeladen werde und „Sommer“feste in Kindergarten und
Schule. Der Tag könnte 36 Stunden haben und es würde nicht reichen. Gestern der sechste Unterrichtsbesuch, nachmittags Seminar, und während ich dasaß, sich in mir Entspannung breit machte und ich aus dem Fenster auf die wunderschöne große alte Birke schaute, über der dichte graue Wolken im feinsten Aprilmodus vorüberzogen, dachte ich, dass ich nach Phasen der Anspannung gern „einfach nur sitze“. Das ging mir auch früher so – sitzen, aus dem Fenster schauen, leer werden. Leider versteht das kaum jemand. „Wie? Einfach nur sitzen?“, fragte unlängst eine Friseurin. „Geht das überhaupt? Wollen Sie nicht etwas lesen?“ Nein. Ich sitze. Und werde leer. Nach und nach. Um mich langsam wieder zu füllen. Mit Leben, Liebe und anderen Dingen. Dazu gibts diese wunderbare Szene von Loriot:

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende. Und bleiben Sie vielleicht einfach mal sitzen. Möglichst in der Nähe eines schönen Baumes.

Aufklärung

„Aufklärung ist die Beendigung der von den Menschen selbst verschuldeten Unmüdigkeit.“

(morgens um acht bei trübem Wetter kann man als Schüler auf interessante Formulierungen kommen. Ich habe eigentlich nur darauf gewartet, dass jemand aufzeigt und fragt, ob es nicht Müdigkeit heißen muss … )

Muttis Helfersyndrom

Unsere Amseln haben Nachwuchs – drei kleine Vögelchen sperren Tag und Nacht die Schnäbel auf und werden von Mama und Papa Amsel mit Würmern, Beeren und ähnlichen Leckereien versorgt. Wir können die Familie gut beobachten, weil die Amseln praktischerweise direkt vor unserem Esszimmerfenster Brutpflege betreiben. Eben standen da unsere drei Kinder, tief schluchzend und todunglücklich – ein Amselkind war aus dem Nest gefallen und saß im Rasen. Da in unserem Garten Katzen ein und aus gehen und der Nabu auf seinen Seiten dazu rät, kleine, nicht flugfähige Vögel umgehend wieder ins Nest zu setzen, zog ich mir Handschuhe an und kletterte mit dem Küken in der Hand zum Nest. Ich hatte aber nicht mit dem renitenten Küken gerechnet. Zum einen war das Nest praktisch voll mit den anderen beiden, dann doch auf den zweiten Blick schon relativ großen Küken, zum anderen erwies sich das Küken, das ich wieder ins Nest befördert hatte, als äußerst flügge: es hüpfte erneut zum Rand des Nestes und ließ sich auf den Rasen plumpsen. Ich schalt mich ob meines Sorg-, Brüte- und Mütterlichkeitswahns und verließ den Tatort – in Vertrauen auf die Selbstregulationsfähigkeit der Amselfamilie. Und siehe da, eine Minute später saßen Papa und Mama Amsel neben ihrem Küken, stopften es mit Beeren voll und hüpften flügelschlagend vor ihm her. Küken hinterher. Dabei erhob es sich ca. 10 cm über dem Boden und bewegte sich Richtung Gebüsch. Mittlerweile sitzt es irgendwo in den Bäumen – hoffentlich sicher vor den herumstreunenden Katzen, und Mama und Papa bringen Essen vorbei. Fürsorge nicht nötig – sie kriegen das allein auf die Reihe.

Klausur-Erkenntnisse

– Wenn der Prinz in einem Drama im ausgehenden 18. Jahrhundert mit „nach unten niedergeschlagenen Augen“ den Raum betritt, bedeutet das nicht, dass vorher ein Massaker stattgefunden hat und der Prinz nun erblindet ist.

– Dass Lessing bei seinem Lebenswandel (Spielsucht, häufige Ortswechsel, teilweise misslingende Lebensprojekte) heute auf Hartz IV angewiesen wäre, ist eine kühne These – aber schön, dass der Gegenwartsbezug schon ohne mein Zutun eingebaut wird.

– Man kann erfolgreich an Rechtschreib- und Grammatikproblemen arbeiten.

 

 

Manchmal …

… bin ich ja froh, dass das jüngste Kind 2014 den Kindergarten verlässt.  Besser hätte ich es nicht sagen können.

… ärgere ich mich über bundespräsidentiale Aussagen. Wenn Muslime zu Deutschland gehören, gehört selbstverständlich auch ihre Religion zu Deutschland. Es sei denn, man redet einer Säkularisierung das Wort. Dann dürfte aber auch keine andere Religion zu Deutschland gehören. Der Islam ist präsent: es gibt Moscheen, NRW hat zum neuen Schuljahr islamischen Religionsunterricht eingeführt, Kopftuch und Ramadan gehören zum Alltag. Ja, das Christentum hat Europa geprägt. Jahrhundertelang. Und es geht auch nicht darum, abendländische Werte unter den Tisch zu kehren. Nur: Kulturelle Wertvorstellungen sind keine Betonpfeiler, sondern wandelbar, und wer sie wandelt, das sind wir, die Menschen, die in diesem Land leben und glauben. Anders ist Aufklärung und die Idee der universalen Freiheit nicht lebbar.

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen, Dulden heißt beleidigen.“ (J.W. v. Goethe)

mutterseelenallein

Es gibt Tage, da möchte ich davonlaufen. Vor allem und allen. Den Bergen an Klausuren, den zig Fachaufsätzen, die ich lesen muss, dem Ausbildungslehrer, der mir erklärt, warum das Beschriften der Tafel von links nach recht einen größeren Lernertrag zeitigt als das Beschriften von oben nach unten. Vor den Kindern, die an mir zerren, einander übermüdet anschreien, den Wäschebergen, den Staubmäusen in allen Ecken, vor der Frage, was ich zum Abendessen kochen soll, vor verschobenen Kinderarztbesuchen, unleserlichen Hausaufgaben des Großen, Schultütenbasteln in der Kita. Ich kehre mit den Kindern heim und habe mindestens drei Hände zu wenig, um zu tragen, zu trösten, zu räumen, zu kochen – und einen Kopf zu wenig, um all die Dinge zu denken, die ich mittendrin unterbrechen musste …. Ich stehle mich davon, weine in  mein Kissen und fühle mich mutterseelenallein. Heute so.

© 2017 Quadrat im Kreis

Theme by Anders NorenUp ↑