Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: August 2012 (Seite 1 von 2)

Diese Momente

… in denen der obercoole Neuntklässler freudestrahlend auf dem Schulhof auf mich zueilt und ruft „Frau Kreis, Frau Kreis, schauen Sie mal!“, seine Zähne zeigt und ungeduldig fortsetzt: „Sehen Sie gar nicht? Meine Zahnspange ist weg!“

… in denen die Siebtklässlerin am Stundenende versonnen auf den frühherbstlichen Schulhof blickt und sagt: „Ach, heute ist ein schöner Tag!“

… in denen der Neue bei der Partnerarbeit in der Oberstufe, ohne dass man selbst aktiv werden muss, gleich von einer Kurskollegin angequatscht wird: „Komm doch zu uns. Allein ist doch doof.“

In diesen Momenten denke ich, dass es um die Menschheit vielleicht doch nicht so schlecht bestellt ist.

Schulmilch?

Seit das Tochterkind in die Schule geht, flattern uns Zettel ins Haus, in denen Schulmilch angepriesen wird. 3,50 Euro für 10 Tage Milch. So es denn Milch wäre. Im Angebot sind Kakao, Bananen-, Erdbeer- und Vanillemilch, pappensüß und mit Geschmacksstoffen. Milch ohne Zusatzstoffe steht ganz am Ende der Angebotspalette – und damit auch keiner auf die Idee kommt, sie zu buchen, in der entrahmten Variante. Die EU bezuschusst nämlich nicht nur Schulmilch, sondern auch Milchmischerzeugnisse mit bis zu 7% Zuckergehalt. Mehr Infos dazu bei der Verbraucherzentrale NRW.

Mein erster böser Hintergedanke war zugegebenermaßen: Die EU muss ihre Milchüberschüsse loswerden und bringt sie in den Schulen ans Kind. Mal ganz abgesehen davon, dass mich der angeblich hohe Gesundheitswert von Milch nicht so ganz überzeugt: Man kann doch nicht ernsthaft das zunehmende Übergewicht von Kindern beklagen, vor dem Verzehr von Bubble Tea und anderen süßen Softdrinks warnen und die Kinder gleichzeitig mit dieser Plörre abfüllen?! Dabei ist es so wunderbar unkompliziert, einfach Wasser zu trinken. Aber vielleicht zu profan …

Stereotype

Kampagnen wie diese (Klick) mag ich nicht. Seit wann heißen alle radikalen Staatsgegner Achmed und tragen ein Kopftuch? Passend dazu gerade das Thema „Kreuzzüge“ in der Schule. In mehreren Klassen musste ich erläutern, dass Angehörige des Islam nicht Islamis.ten, sondern Muslime heißen.

Du sollst dir kein Bildnis machen. (5. Buch Mose)

Vom Kribbeln …

… die letzten Tage war ich unruhig. Ein neues Schuljahr, neue Klassen, neue Themen. Ein Kribbeln. Wie sind die Schüler drauf? Und so weiter. Viele Kollegen erzählen, dass sie das Kribbeln auch noch 30 Jahre später begleitet. Und ich glaube, das ist gut so. Wenn da keine Spannung und Neugier mehr ist, nur noch Routine oder gar ein „Oh Gott, schon wieder Schule“, sollte man den Beruf vermutlich an den Haken hängen. Und es kribbelte noch mehr: Das Tochterkind ist jetzt auch ein Schulkind. Oh Hilfe, wie alt wir sind. Die erste (halbe) Woche ist vorbei, und allmählich kehrt etwas Ruhe ein (wenn man mal davon absieht, dass mein Fachleiter die grandiose Idee hatte, mich einfach schon in zwei Wochen wieder besuchen zu wollen – „Je eher daran, je eher davon!“). Und nun eben nur noch ganz normaler Wahnsinn: Magen-Darm-Epidemie in der Grundschule der beiden Großen. Aufgeschlagene Knie. Eine wackelige Füllung am Schneidezahn (ganz prima – hätte die nicht in den Ferien wackeln können?) Nichts Besonderes also.

Küchenschnipsel

Ungeordnet und ohne tiefen Hintersinn. In den Sommerferien habe ich entdeckt:

– dass Reineclauden zusammen mit geschmolzenen Karamellbonbons eine sehr leckere Konfitüre ergeben.

– dass man Ricotta auch grillen kann (und das Ganze hervorragend schmeckt)

– dass ich jetzt auch in Torten mit Gelatine machen kann (bisherige Erfahrungen: irgendwo fanden sich immer Gelatineschlieren, oder aber die Torte wurde doch nicht steif. Manchmal lohnt eben doch das Lesen einer Verpackungsbeilage)

– dass selbstgemachtes Milcheis mit reingebröselten Baisers langfristig sicher eine Gefährdung für meine Kleidergröße darstellt

– dass jahrelanges Nichtkaufen von Fertigprodukten und Nichttrinken gesüßter und gefärbter Getränke zu einem gewissen Maß an Weltfremdheit („Mama, die J. hat gesagt, sie isst zum Abendbrot immer Fruchtzwerge. Sind das MENSCHEN?“), gepaart mit einem besseren Geschmackssinn, führt („Da gab es so einen Soda-Automaten und so Flaschen mit süßem, farbigem Zeugs. Auf dem einen stand Kirschsaft. Das schmeckte aber gar nicht nach Kirschen. Ich glaube, das waren geschmolzene Gummibärchen.“)

– dass das Essensangebot der örtlichen Ganztagsgrundschule ein Trauerspiel ist, das auch noch teuer bezahlt werden muss. (3 Euro für zu fettiges, zu süßes, zu salziges, ekliges Aufwärmessen. Ich sag da nur Rotkohl mit Weißwurst und Kroketten bei 30 Grad. Hallo? Rotkohl ist ein Wintergemüse. Frisches Obst und Gemüse der Saison ist günstig, und eine Köchin verrdient keine Schrillionen. Strategie vieler Eltern derzeit: Kind abmelden und mit üppig gefüllter Brotdose zur Schule zu schicken. Demnächst beginnt meine neue Versuchsreihe: Kalte, transportable, bei Zimmertemperatur lagerbare, kindertaugliche Gerichte.

– dass ein kalter Frühling offenbar zu einem Ausbleiben der Gemeinen und Deutschen Wespe im Spätsommer führt. Wo sind die alle? Da sitzt man mit Zwetschgenkuchen und Eis im Garten und die einzigen Tiere, die vorbeischauen, sind eine kleine Ameise, eine Amsel und unser domestiziertes Wildkaninchen.

– dass der „Ichwilldieschüsselauslecken-Reflex“ auch dann funktioniert, wenn sich in der Schüssel Dinkelvollkornteigreste befinden (sic!). Das Kind ist ein komisches. Manchmal.

 

Hänsel und Gretel revisited

„Vielleicht“, seufzte Herr Kreis unlängst angesichts des kleinen Mädchens, das sich wieder einmal in der Mitte des Elternbettes breit machte, „wollten die Eltern von Hänsel und Gretel auch einfach mal nur ungestörten S. … haben.“

Nein, keine Angst, wir setzen sie nicht aus!

Mein Schatten

So weit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter getrunken. Viele Nachmittage habe ich als Schulkind allein verbracht, während meine Mutter entweder in der Küche saß, trank und rauchte, oder aber auf dem Sofa lag, um ihren Rausch auszuschlafen. An Schul- und Familienfeiern nahm sie nicht teil, und wenn doch, dann betrunken, redete wirres Zeug oder machte Dinge, die mir fürchterlich peinlich waren (beispielsweise mit einer Torte die ganze Treppe hinabfallen). An manchen Tagen war es schlimmer als an anderen – ab und an fiel sie um und bekam einen Krampfanfall. Mit dem Prozedere, beim Nachbarn zu klingeln und einen Krankenwagen zu holen, war ich vertraut. Oft musste ich Bier und Schnaps kaufen. Wenn ich nicht wollte (was in der Pubertät immer häufiger vorkam), gab es Ohrfeigen. Ich habe mich oft in meinem Zimmer eingeschlossen – mit meinen Büchern und Schulsachen. Ja, Schulsachen. Schule war so ziemlich das einzige, was einen Sinn ergab in meinem Leben. Die Flucht ins Denken. Meine Gefühlslage zu jener Zeit pendelte zwischen Mitleid und Widerwillen. Mitleid mit diesem Häufchen Mensch, das da vor mir stand, und Widerwillen ob des Geruchs, der Unfähigkeit, teilweise die Toilette rechtzeitig aufzusuchen, sich regelmäßig zu waschen und sich wenigstens, wenn nicht um andere, dann doch wenigstens um sich selbst zu kümmern.

Mein Vater war oft nicht zu Hause. Entweder bei der Arbeit oder seiner neuen Beziehung. Irgendwann kam die Scheidung. Meine Mutter trank weiter, versuchte einen Entzug, floh aus der Klinik, trank wieder – und wurde irgendwann trocken. Die letzten beiden Jahre vor dem Abitur habe ich bei ihr verbracht, ihren Haushalt geführt, ihre Blusen gebügelt, alles dafür getan, dass sie normal wurde und blieb. Nach dem Abitur zog ich aus und begann zu leben. Neue Freundschaften, niemand kannte meine Vergangenheit, nicht diese ständige Unsicherheit, wenn ich nach Hause kam, was mich heute wohl erwartete, keine Angst mehr vor Liebesentzug und keine Wanderungen mehr über dünnes Eis, das jeden Augenblick brechen konnte.

Mit den Kindern kam der Schatten zurück, die Angst, so zu werden wie sie. Wenn ich müde und genervt war, befürchtete ich, ich könne liebeskalt sein. Wenn ich stapelweise Bücher kaufte, war da die Angst, ich könnte kaufsüchtig sein – und damit ebenso abhängig wie sie. Wenn ich zur Feier des Kindergeburtstags für die Erwachsenen eine Flasche Sekt kalt stellte, grübelte ich darüber, ob ich diesen Sekt jetzt brauchte. Mental. Und wenn ich arbeite, hadere ich mich mir, denn ich habe ja auch keine Zeit für die Kinder. Genau wie sie. Sie, die irgendwann, als mein zweites Kind kam, wieder zu trinken begann. Ich weiß nicht, warum. Je mehr Familie ich hatte, desto mehr zog sie sich zurück. Ich hatte gehofft, dass sie als Oma anders würde. Verantwortung übernehmen könnte, das tun, was sie als Mutter nicht geschafft hatte. Es gelang ihr nicht. Irgendwann stand ich mit allen drei Kindern in ihrer Küche, roch den frischen und alten Alkohol, den Zigarettenrauch, sah die leeren Bierdosen und wusste: Es reicht. Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mit ihr und meinen Kindern den Film aus meiner Kindheit noch einmal anschauen. Ich brach den Kontakt ab. Ab und an, in schlaflosen Nächten, besuchte mich das schlechte Gewissen. Es sagte Dinge wie „Aber es ist doch immer noch deine Mutter. Hilf ihr. Sie kann es nicht allein.“ Meine vollen Tagen verdrängten die nächtlichen Stimmen.

Am Wochenende kam ein Anruf. „Hilf mir. Gib mir Geld. Ich bin bankrott, ich muss ins Heim!“ Meine Mutter hat das Haus ihrer Mutter geerbt und innerhalb eines Jahres mutwillig verspielt. Die Kiste mit Erinnerungen hat sich geöffnet, ohne dass ich daran mitgewirkt hätte. Und mir graut vor so vielem: Dem Ausräumen der Wohnung, den Gesprächen mit den Behörden, und nicht zuletzt vor ihrem Anblick. She occupies my mind.

Anders als früher lebe ich aber nicht mehr in dieser Kiste. Sie ist ein Teil von mir, ich trage sie unter dem Arm, mal erscheint sie mir schwerer, mal leichter, und sie hat mich nachhaltig geprägt – aber sie ist nicht mein Leben. Ich sehe den Kindern nach, wie sie auf dem Waldweg Löcher in die Erde bohren, sich in den weichen Boden fallen lassen und lachen.

The Frau-Rotkohl-Syndrome

Es braucht kein Sams und Wunschpunkte, um wirres Zeug zu reden. Es braucht nur drei Kinder, einen Kopf, der zwischendurch mit anderen Dingen beschäftigt ist und eine ordentliche Portion verinnerlichte Phrasen. Frau Kreis bringt den großen Sohn zum besten Kumpel. Der wohnt an einem atemberaubenden Abhang, an dem man prima herumklettern, den man aber genau so gut Arsch Hals über Kopf herunterstürzen kann. Frau Kreis hat drei Kinder im Auto, denkt gerade noch über den Aufsatz zur Amygdala nach, den sie kurz zuvor gelesen hat, und erkennt, dass ihre Abneigung gegen Essig etwas mit dem Reinigungsmittel in der Grundschule bzw. ihrer fürchterlichen Lehrerin der ersten beiden Jahre zu tun haben muss. Währenddessen hört sie den Kindern zu und spricht zum aussteigenden Sohn: „Ich wünsch dir viel Quatsch heute Nachmittag, und macht nicht so viel Spaß!“ Dagegen sind Laschwappen und Brechtsbohnen ja noch harmlos 🙁 …

Das Bloggen und ich …

In letzter Zeit fühle ich mich wie Nina Hagen.

„Ich rede mit mir selbst. Ich bin mein eignes, universelles Radio.“

Ist da draußen noch wer im Blogger-Universum?

 

Multitasking

Frau Kreis fragt sich an der Ampel beim Blick auf das Auto neben sich erstaunt, wie man gleichzeitig ein Auto lenken, eine Zigarette rauchen und dabei mit der zigarettehaltenden Hand in der Nase bohren kann. Und sie fragt sich lieber nicht, wem der Typ danach noch die Hand gibt.

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