Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: September 2012

Wo bitte kann man Goldesel kaufen …

… oder Geld drucken? Die Autoreparatur kostet schlappe 1800 Euro, das Finanzamt möchte noch eine Nachzahlung aus der Zeit meiner Selbstständigkeit, die Kinderbetreuung frisst uns die Haare vom Kopf und die Benzinkosten steigen wöchentlich. Ist es normal, dass man mit zwei Gehältern und drei Kindern zwar irgendwie über den Monat kommt, aber nichts Unvorhergesehenes kaputtgehen darf – vorn Rücklagen, die man gar nicht bilden kann, weil am Ende des Monats nicht mehr viel übrig ist, mal ganz zu schweigen? Wir leben nicht in Saus und Braus, betreiben keine kostspieligen Hobbys und wohnen nicht in München – und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, wir könnten beide noch einen 400-Euro-Job annehmen, um alle unvorhersehbaren Kosten zu decken. Aber: es ist nur Geld (bitte 33x mantrenartig wiederholen!)

Montagmorgenmüll

Montage sind nicht nur deswegen anstrengend, weil Montag ist, sondern weil montags der Müll kommt. In der tiefsten Provinz kommt das Müllauto  nämlich gern mal um 05.45 Uhr laut piepend und hupend in verschlafene Siedlungen, rüttelt mit intelligenter Fern- und Computersteuerung (Müllmänner gibts hier nicht mehr) gefühlte Stunden an den Mülltonnen, bis auch der letzte Mensch wach ist, um gegen 7.30 Uhr, mitten im Berufsverkehr, die Mülltonnen auf Kreis- und Bundesstraßen zu leeren und dabei kilometerlange Staus zu verursachen, und danach, zwischen 8 und 10 Uhr, öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten zu bedienen. Sehr schön, wenn im Unterricht zehn Minuten nichts mehr geht, weil direkt vor dem Fenster alle Container geleert werden. Gibt es so etwas wie Müllabfuhr-Logistik? Wenn ja, läuft hier etwas grundlegend falsch.

(aus der Rubrik „kleinbürgerlich-spießige Alltagsprobleme, die keine sind“)

Mum Almighty

Unser einziger Apfelbaum trägt in diesem Jahr ca. 20 Äpfel. Wegen des so gut wie nicht vorhandenen Sommers fehlt es den Äpfeln leider an der notwendigen Süße, was das kleine Mädchen mit einer Grimasse und der Aufforderung kommentiert: „Mama, die Äpfel schmecken aber gar nicht gut. Kannst DU nicht mal Äpfel selbst machen?“

(im nächsten Sommer stelle ich mich mit Infrarotlicht und Wärmelampe an den Apfelbaum und tue mein Bestes …)

Die Mutterrolle

Heute aus der Rubrik: Fragen besorgter Mitmenschen

„Und können Sie denn Ihre Mutterrolle neben dem Beruf noch ausfüllen?“

Ich gestehe, ich gerate ins Schwimmen. Was ist damit gemeint? Dass ich meine Kinder um 12 von der Schule abhole, um 12.15 Uhr ein warmes Mahl auftische, um 13 Uhr mit ihnen oder für sie Hausaufgabe mache, um 14 Uhr mit ihnen gemeinsam Apfelkuchen backe und um 16 Uhr zum Spielplatz gehe, selbstverständlich ohne jedes Anzeichen von Müdigkeit, immer freundlich lächelnd und adrett gekleidet, so sage ich nein, nur bedingt. An manchen Tagen. Nicht immer. Schaffe ich nicht. Ich gestehe, ich gehe nicht auf in meiner Mütterlichkeit, und sehr zum Leidwesen der Kunstlehrerin des Kindes kaufe ich auch manchmal die falsche Pinselsorte (s.u.). Ich bin aber da, wenn die Kinder mich brauchen, ich höre ihnen zu, wir essen gemeinsam zu Abend und an kurzen Tagen backen wir auch mal einen Kuchen. Aber nicht immer. Und nicht, weil es zu meiner Mutterrolle gehört, sondern weil es mir Spaß macht. Mutterrolle. Komisch das. Werden Väter eigentlich auch gefragt, ob sie neben ihrem Beruf ihre Vaterrolle noch ausfüllen können?

„Ach, aber mit Kindern nimmt man das alles doch nicht so wichtig, da ist doch der Lebensmittelpunkt ein ganz anderer, oder?“

Nein, stellen Sie sich das mal vor – auch mit Kindern kann man seinen Beruf ernst nehmen. Ich habe mein Gehirn nicht mit der Nachgeburt vergraben, ebenso wenig die Ansprüche an mich und meine Leistung. „Tschuldigung, Leute, der Text für die Klausur ist wirklich Käse, über die damit verbundenen Fragen habe ich auch nicht nachgedacht, aber das Kind hatte arges Bauchweh, und der Kuchen für den Kindergeburtstag des Großen war auch noch nicht fertig.“ Wird Müttern mit Kindern eigentlich jegliches berufsorientierte Denken abgesprochen? Auch hier wieder: Wo ist der Lebensmittelpunkt der Väter?

Mein Mantra: MÜTTER SIND GANZ NORMALE MENSCHEN.

Soziales Lernen …

… mit der Holzhammermethode. In manchen Klassen gibt es Schüler, die am Rande stehen, aufgrund ihrer Leistung, ihres Aussehens, ihres Verhaltens. Sollte nicht so sein, bleibt aber nicht aus. Gruppenarbeit gestaltet sich dabei – vor allem, wenn die Pubertät hart durchgreift – manchmal schwierig. Und ich meine: Kinder müssen lernen, mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Später, im Job, sucht man sich seine Kollegen in der Regel auch nicht aus. Heute also von Frau Kreis zusammengestellte Gruppen, frei nach dem Motto: „Ihr müsst keine WG gründen, ihr sollt nur gemeinsam arbeiten!“ Großes Maulen in der Gruppe, der die zwei Außenseiter zugeordnet wurden, einer ziemlich leistungsstarken Gruppe übrigens. Nur das mit dem sozialen Lernen (s.o.). Frau Kreis, impertinent freundlich (und innerlich sehr angespannt und mit sich selbst im Disput: sollte man Kinder gegen ihren Willen gruppieren, aber was, wenn nicht, dann säßen sie allein da, während die anderen lustig arbeiten, hü, hott, grübel) setzt sich zur Gruppe und erläutert, warum alle miteinander arbeiten sollten und dass man, wenn man mal von seinen eigenen Befindlichkeiten absieht, oft voneinander lernen kann (und dass nur Schule so ein Ort ist, wo man das kann, miteinander und voneinander lernen, miteinander reden und auch gemeinsam lachen – Bücher lesen, Filme schauen und CDs hören geht auch zu Hause auf dem Sofa, etc … bla bla – hätte der Sohn gesagt). Die Gruppe schaut mich mit großen Augen an (ist Frau Kreis jetzt unter die Pfarrer gegangen, hat sie einen Kurs in Religionspädagogik belegt oder was?) und beginnt zu arbeiten. Und ich traue meinen Ohren nicht, als ich fünf Minuten später vorbeikomme: Alle reden über das Thema, die beiden Jungs, über die gemault wurde, schreiben eifrig mit, und hinterher präsentieren sie die mit Abstand durchdachteste Gruppenarbeit. Pfff … (keine Gelingensgarantie, ich weiß, das hätte auch ganz anders laufen können)

Entspannungsschnupfen

Nachdem UB 7 von 10 vorbei war und ich eigentlich entspannt aufatmen wollte, juckte es in der Nase, die Augen tränten, der Kopf brummte. Warum zum Teufel werde ich immer krank, wenn der Stress nachlässt? Vielleicht hätte ich den achten Unterrichtsbesuch gleich in die nächste Woche legen sollen, der Gesundheit zuliebe.

Genau so!

Hiermit bekenne ich: Ich bin eine Fremdplakatglotzerin. In Stillarbeitsphasen stehe ich gern vor den Plakaten, die in anderen Fächern erstellt wurden, und lerne dazu, über Schüler und Fächer. Heute z.B. stand ich vor einem wunderschön gemalten Apfelbaum, unter den ein Schüler geschrieben hatte: „So soll mein Leben sein. Wie ein Apfelbaum. Glücklich und zufrieden. Bunt. Und wild und aufregend. (wenn Kinder auf mir rumklettern oder ein Sturm kommt).“ Ich bekenne, ich musste mir ein kleines Tränchen wegwischen. In diesem Sinne: Lasst uns Apfelbäume sein! 🙂

Chancengleichheit: Ideal und Wirklichkeit

Alle bisherigen Pisa-Studien attestieren Deutschland eine traurige Spitzenreiterposition, wenn es um den Zusammenhang von Elternhaus und schulischem Erfolg geht. Nach jeder Pisa-Studie reden Politiker (weil es das ist, was sie am besten können, außer vielleicht Teppiche zollfrei schmuggeln) von der fehlenden Chancengleichheit, dass man etwas tun müsse, damit auch Kinder aus Familien mit Nicht-Muttersprachlern, Kinder, deren Eltern sich aus diversen Gründen nicht um die Hausaufgaben kümmern können, dieselben Startchancen erhalten wie Kinder muttersprachlicher Eltern mit intaktem Elternhaus. Seit mittlerweile zwölf Jahren geht das so.

Die Realität sieht so aus: Kind 1 kommt mit Stapeln an Arbeitsblättern nach Hause, Methodenzettel, die Dosen- und Laufdiktat erklären, mit der Bitte, diese Arbeitsformen als Eltern zu Hause für regelmäßig für bestimmte Texte durchzuführen. Danach soll Kind 1 mir noch eine halbe Stunde täglich etwas vorlesen (Kind 1 liest glücklicherweise gern. Auch mehr als eine halbe Stunde, und auch, wenn ich nicht zuhöre. Aber trotzdem.) Außerdem soll Kind 1 – wie alle Kinder in seiner Klasse – etwa eine halbe Stunde lang das kleine Einmaleins mit seinen Eltern üben. Macht eineinhalb Zeitstunden pro Tag.

Kind 2 erhält am Freitag von der Mathelehrerin einen Zettel mit einer Aufstellung aller Aufgaben, die die Klasse im Lauf der Woche rechnen sollte. (es handelt sich um ca. 200 Aufgaben) Diese Aufgaben sollen von den Eltern auf Vollständigkeit und Richtigkeit kontrolliert und ggf. ergänzt werden. Danke, liebes Kind 2, dass du die Aufgaben weitestgehend im Unterricht schon erledigt hast. Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit wir ansonsten – außer auf die Überprüfung dieser Aufgaben – noch gemeinsam auf die Vervollständigung aufwenden müssten. Auch Kind 2 soll mir eine Viertelstunde täglich etwas vorlesen. Weiterhin soll Kind 2 gemeinsam mit seinen Eltern zeitgleich zu den Buchstaben die Gebärdensprache (sic!) lernen. Nein. Wir befinden uns nicht in einer Gehörlosenschule, und es gibt auch keine Integrationskinder in der Klasse.

Bitte versteht mich nicht falsch: Ich mache gern mit meinen Kindern Hausaufgaben, gibt es nach sechs Unterrichtsstunden eben noch eine siebte, achte, neunte und zehnte Stunde Privatunterricht. Nur: Was machen die Kinder der Eltern, die den Methodenzettel zum Dosendiktat nicht einmal lesen können? Was die Kinder, deren Eltern nicht wichtig ist, dass sie Aufgabe 178 und 179 bis Montag erledigt haben?

In meiner Schule sieht es so aus, dass die Schüler ihre Hausaufgaben allein erledigen sollen – ich möchte auch keinen Eltern zumuten, sich in Historikerkontroversen zur Oktoberrevolution in Russland oder hermeneutische Interpretationszirkel nach Gadamer einzuarbeiten. Ist mein Job, ebenso, die Schüler daran zu gewöhnen, dass eigenständiges Arbeiten zwar anfangs mühselig, aber irgendwann sehr hilfreich und zeitsparend ist. Grundschüler aber, die gestern oder vorgestern noch Kindergartenkinder waren, die nicht einmal lesen können, was die Lehrerin ihnen ins Hausaufgabenheft schreibt, die brauchen Hilfe. Offen bleibt eigentlich nur, wer ihnen hilft. Schön, wenn es die Eltern tun. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der das erwartet wird, macht mir Angst. Weil sie am Ende nur eines bedeutet: Wer im Elternhaus keine Hilfe bekommt, bleibt auf der Strecke. Mit sechs. Oder noch früher. Dabei könnten wir es uns als reiche Industrienation erlauben, alle vernünftig zu beschulen. Pädagogen einzusetzen für die Nachmittagsbetreuung. Mehr Lehrer, die in Freistunden liegen gebliebene Hausaufgaben gemeinsam mit den Kindern erledigen. Ich bin kein Volkswirtschaftler, aber ich kann mir vorstellen, dass die frühe Investition in Bildung sich langfristig eher auszahlt als das Herumhantieren an gescheiterten Biografien. Aber wir retten lieber Banken als Bildungskarrieren.

Wann arbeiten andere Eltern?

Meine beiden großen Kinder besuchen morgens die Schule und nachmittags die OGS. Bis 14 Uhr. Danach kommen sie nach Hause und machen Hausaufgaben. Geht nur, weil ich in diesem Halbjahr einen nahezu luxuriösen Stundenplan habe und die beiden Großen mich nachmittags am Schreibtisch arbeiten lassen. Die Kleine spielt bis 16 Uhr im Kindergarten. Was mich in tiefes Grübeln versetzt: Sowohl in der OGS als auch im Kindergarten sind meine Kinder oft die letzten. Dabei hat die OGS bis 16 Uhr auf, der Kindergarten bis 16.30 Uhr. Wir nutzen die Öffnungs- und Schließungszeiten also gar nicht vollständig. Wann arbeiten eigentlich andere Eltern? Ja, ich weiß, ich lebe auf dem Land. Da erben die Familien oft die Häuser ihrer Eltern und müssen keine hohen Mieten oder Immobilienkredite abbezahlen. Ich weiß auch: viele Mütter hier arbeiten gar nicht und nutzen die zwei bis vier Stunden Schule und Kindergarten zum Reinigen ihrer Häuser, Nordic Walking und Einkaufen von Borstenpinseln in Größe 6, 8 und 14. Und dann frage ich mich, an manchen Tagen, an denen das Kleinste aufzählt, welche seiner Freunde schon vorm Mittagessen nach Hause geholt werden, ob ich bei der Reinkarnation einfach nur das falsche Abteil erwischt habe. An anderen Tagen frage ich mich, warum der Staat so merkwürdig widersprüchliche Botschaften aussendet: einerseits ist die Kinderbetreuuung qualitativ wie quantitativ oft so schlecht, dass man sich als Eltern kaum traut, eine vollzeitnahe Tätigkeit anzunehmen, andererseits wird die Politik nicht müde, uns vor Altersarmut zu warnen. Für mich sieht es an manchen Tagen nur so aus, als könne man arm und mit viel Zeit leben (und sich im Alter auf dem Sozialamt die Beine in den Bauch stehen) oder aber einen durchschnittlichen Lebensstandard erarbeiten (und im Alter ggf. wahren) und dafür Lebenszeit (mit den Kindern) opfern. Frau Kreis auf der Suche nach einem Weg irgendwo dazwischen …

Nächtlicher Dialog oder: Die Titanic in unserer Küche

Herr und Frau Kreis legen sich nach einem langen Tag ermattet zur Ruhe. Im Augenblick tiefster Entspannung, kurz vor dem Einschlafen, kracht und rumpelt es im Erdgeschoss furchterregend. Frau Kreis, die gern Krimis sieht, aber im realen Leben allen mysteriösen und unerklärlichen Phänomenen äußerst kritisch bis panisch gegenübersteht, steht im Bett und ruft: „Hilfe, was ist DAS?“ Herr Kreis dreht sich entspannt um und sagt – halb schlafend: „Da ist Leonardo DiCabrio wohl eben eben in der Küche mit dem Eisberg kollidiert.“ Und Frau Kreis fällt wieder ein, dass sie ja am Sonntagmittag beschlossen hatten, den Eisschrank abzutauen. Und wo getaut wird, fallen Eisbrocken. (Wider Erwarten habe ich heute Nacht aber nicht geträumt, dass Kate Winslet zwischen meinen Spinat- und Vanilleeisvorräten flaniert.)

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