Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Month: Oktober 2012 (page 1 of 2)

Nachts

lebe ich plötzlich wieder in meinem Kinderzimmer, muss im Kinderbett schlafen und habe große Angst. Wovor, weiß ich nicht. Als ich das Kinderzimmer verlasse, bemerke ich, dass überall große Hundehaufen herumliegen. Dort, wo ich bin, möchte ich nicht mehr sein. Ich mache die Haustür zu und erwache. In meinem Arm liegt eine knuddelige Vierjährige mit schlafroten Wangen und schnorchelt schnupfengeplagt vor sich hin. Manche Menschen wünschen sich,  noch einmal Kind zu sein. Ich nicht.

Spiegelungen

Montag, erste Stunde. Es ist kalt im Klassenraum, weil irgendjemand übers Wochenende die Heizung abgedreht hat und selbige Ewigkeiten braucht, den Raum zu erwärmen. Unser Atem dampft, man könnte uns darauf aufmerksam machen, dass in Deutschland sicher auch in Schulen ein Vermummungsverbot gilt. Die Schüler halten tapfer durch, ich lasse sie fünf Minuten eher gehen, damit sie nicht einfrieren. Die Schüler bleiben sitzen. Ich bin irritiert. Schließlich wird mir erläutert, dass man ja noch nicht gehen könne, weil ich dem Kurs noch gar keinen schönen Tag gewünscht hätte, das täte ich doch sonst immer. Eine Schülerin fügt hinzu: „Und heute könnten Sie zur Abwechslung passend zur Temperatur ergänzen: ‚Trinken Sie was Warmes. Einen Tee oder einen Kaffee oder so!'“ Ehrlich, ich wusste nicht, dass meine belanglosen Nachworte zum Unterricht mit solcher Spannung erwartet werden 😉 …

(ich musste spontan an Ulrich Wickerts Spruch im Anschluss an die Tagesthemen denken: „Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht. Wir sehen uns wieder morgen Abend zur gleichen Zeit!“)

Großwerden ist toll!

In vielen Blogs lese ich viel über kleine, aber wenig über große Kinder. Das mag dem Persönlichkeitsschutz geschuldet sein, der Tatsache, dass Eltern am Leben großer Kinder weniger partizipieren als am Leben kleiner, der Tatsache, dass die Kinder mitlesen und und und …

Mein erstes Schulpraktikum habe ich gemeinsam mit zwei anderen Studentinnen an einer Grundschule gemacht. Es war nett, witzig, die Kleinen waren bezaubernd ehrlich und haben uns schnell ihr Vertrauen, Herz und diverse Butterbrote geschenkt. Die beiden anderen Studentinnen haben danach ihr Lehramt für die Sekundarstufe I und II an den Nagel gehängt und sich in die Primarstufe begeben.

Immer wieder treffe ich auf Mütter, die klagen „Früher war er/sie ja noch sooo süß, aber jetzt? Nur  noch Probleme!“ Nach der Beerdigung saßen wir neulich noch kurz mit den Verwandten zusammen. Das jüngste Kind wanderte von Schoß zu Schoß, und alle beteuerten, was für eine süße kleine Hummel wir doch hätten. Die große Tochter stemmte im Anschluss ans Familientreffen empört die Hände in die Hüften und fragte mich, ob denn große Kinder für die Erwachsenen weniger wert seien als kleine. Ich erzählte ihr vom Kindchen-Schema, Zwergkaninchen und Meerschweinchen und davon, dass kleine Kinder, weil sie so anstrengend seien, mit einer großen Portion Niedlichkeit ausgestattet würden, damit die großen Menschen nicht so schnell die Geduld mit ihnen verlieren.

Mein Radius verschiebt sich. Ich habe eine Vierjährige zu Hause, eine Siebenjährige und einen Neunjährigen. In der Schule reicht die Altersspanne von zehn bis neunzehn. Und ich gestehe: ich mag sie, die Großen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich lieber Groß- als Kleinkindmutter bin.

Nein, meine Schüler sind nicht niedlich, und ich kann an ihnen auch nicht uneingeschränkt meinen Beschützerinstinkt ausleben, aber Großwerden ist toll. Witze werden plötzlich verständlich, Ironie muss ab Klasse 10 nicht mehr erläutert werden, Muffins werden ab und an allein gebacken und gemeinsam mit den Eltern, Lehrern und Mitschülern verzehrt, die Gedanken machen weite Ausflüge und bringen interessante Weltsichten mit. Das Denken bekommt eine ganz eigene Ästhetik (das Chillen ebenso). Und ab und an kracht es, weil Gegensätze aufeinander prallen, weil Selbständigkeit erprobt werden will, weil Lebensentwürfe anecken. Das Leben mit Kleinkindern ist ein ruhiger Fluss (auch wenn man das nach schlaf- und zahnlosen Nächten und vollgespuckten Tagen nicht so recht glaubt), das Leben mit großen Kindern ist Atlantik. Und doch: Wer einen Achtzehnjährigen sieht, der mitten in der Stunde fröhlich ausruft: „Es schneit. Schaut doch mal!“, der kommt nicht umhin zu denken: „Wie süß“ ;-).

Vanitas

Die Welt, die unsere Kinder umgibt, bröckelt. Die Eltern mehrerer Klassenkameraden lassen sich scheiden. Die Klassenlehrerin des Großen hat ihre Schwester verloren. Wir die Oma, die es zwar nicht real, aber in Erzählungen gab. Die Kinder belauschen argwöhnisch jedes unserer Gespräche darauf, ob wir uns streiten könnten. Ermahnen uns, bloß weiterhin gesund zu kochen und an die frische Luft zu gehen, damit wir nicht sterben. Ich kann es so gut verstehen, dieses Sicherheitsbedürfnis, geht es mir doch an vielen Tagen genau so wie ihnen.

Und gleichzeitig muss ich die Karten auf den Tisch legen: Glück ist eine Augenblicksaufnahme, Leben endlich, auf Sonne folgt Regen – und wer weiß schon, was morgen passiert? Oder, um es mit dem großen Herrn Opitz auszudrücken:

Schönheit dieser Welt vergehet

Schönheit dieser Welt vergehet,
Wie ein Wind, der niemals stehet,
Wie die Blume, so kaum blüht,
Und auch schon zur Erden sieht,
Wie die Welle, die erst kimmt
Und den Weg bald weiter nimmt.
Was für Urteil soll ich fällen?
Welt ist Wind, ist Blum und Wellen.

 

Als ich in den Ferien mit den Kindern vor diesem Bild stand, ging mir durch den Kopf, dass der barocke Mensch das mit den elementaren Einschnitten im Leben wesentlich besser im Griff hatte als wir mit unserem Glücksstreben, Machbarkeitswahn und Unsterblichkeitsdenken. Tod, Vergänglichkeit, Abschied – all das war präsent in jener Zeit, ohne dass man dabei den Blick auf die Schönheit der Dinge verlor. Die Blumen sind wunderschön und welken doch. Die zauberhafte Landschaft und die dicke Fliege auf der Fensterbank schließen einander nicht aus. Leben hat einen Anfang und ein Ende. Beides möchten wir gern ausklammern. Geburten gehören ins Krankenhaus, schleimige, blutige Neugeborene nicht auf Plakate, und Hospize mit Sterbenden nicht in Wohngebiete. Wir armseligen Menschenkinder.

Cute Little Boy

„Vielen Dank, Mama, dass du saugst. Die Wohnung sieht immer gleich viel schöner aus danach!“ „Ähm, Kind, dafür musst du dich nicht bedanken, das ist doch selbstverständlich, dass ich dich hier nicht im Dreck sitzen lasse!“ „Ja, schon, aber ich dachte, einer muss ja mal Danke sagen!“

Hundert auf einen Streich

Eben beim örtlichen Drogisten an der Kasse. Vor mir ein Bauarbeiter um die sechzig. Mit zehn Großpackungen Kon.domen. Genoppte, gerillte, verschiedenfarbige, mit Geschmack und ohne. Da Frau Kreis nicht nicht denken kann, stellt sie während des Wartens Hypothesen auf:

– Es handelt sich um einen gut getarnten Zuh.älter.

– Er ist Zu.hä.lter auf 400-Euro-Basis.

– Das hier ist der letzte Einkauf, bevor sich der Bauarbeiter auf eine mehrmonatige (-jährige) Montage Richtung Bohrinsel begibt. Moment: Gibt es auf Bohrinseln eigentlich Frauen? Vielleicht ein schwu.ler Bauarbeiter.

– Die Kondo.me werden beruflich benötigt, um die Dichtigkeit von Kanälen zu überprüfen. Aber warum in so vielen Farben und Oberflächenstrukturen?

– Er hält sie für Luftballons und bringt sie seinen Enkeln mit.

Frau Kreis beherrscht das mit dem Pokerface leider trotz ihres mittellangen Lebens immer noch nicht. Während sie ihren Gedanken nachhängt, trifft sie der Blick des Kassier-Azubis, und sie sieht ihm an: er kann ebenfalls nicht nicht denken. Frau Kreis zwinkert ihm zu. Der Azubi, dessen Mundwinkel bereits gefährlich zucken, zwinkert zurück, während er die Berge an Kon.domen einscannt. Der Bauarbeiter verlässt die Drogerie, der Azubi darf endlich lachen und wünscht auch Frau Kreis einen weiterhin lustigen Tag. Der entfährt ein „Mit oder ohne“, bevor sie die Drogerie endgültig verlässt. Wolkig mit viel Regen und einigen wenigen Aufheiterungen.

 

 

Meer

Ein paar Tage Auszeit. Der Mann, die Kinder und ich. Sand. Wind. Wellen. Regen. Und noch mehr Wind. Spüren, dass da etwas ist, das noch stärker ist als all meine Wut, meine Verzweiflung, meine Tränen und Verwirrung. Wolkenberge, die Schaumkronen, in denen sich die Abendsonne bricht, unzählige Diamanten im Augenwinkel. Und ich werde leicht. Spüre einen Moment lang keine Last mehr auf meinen Schultern. Körperlos und doch ganz bei mir. Später am Abend wärmende Suppe. Lange Abende. Kleine kalte Kinderfüße im Bett. Ich hätte was drum gegeben, wäre uns das Auto vor der Heimfahrt einfach geklaut worden.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus:

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,

und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

 

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

 

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(Rainer Maria Rilke)

Die Leute (Teil 7369)

Ich mache mir nichts vor. Momentan bin ich neben der Spur. Brauche ewig, meine Klausuren zu korrigieren, und die Dinge, die ich lesen wollte, streifen nur mein Auge, nicht meinen Geist. Ich telefoniere weiterhin mit der Bestatterin, die in diesem ganzen Chaos sehr mütterlich agiert, ohne dafür Geld zu verlangen (was für eine Paradoxie, nie eine Mutter zu haben, dafür aber eine mütterliche Bestatterin …). Heute dann explodierte Frau Kreis ein weiteres Mal: Mein Vater, der Ex-Mann meiner Mutter, rief an, veranstaltete eine Szene (würden meine Zehner sagen, deren Klausuren ich gerade lese), die Leute (sagte ich schon, ich hasse die Leute?!) würden ständig bei ihm anrufen, was er denn sagen solle, woran sie denn gestorben sei, wann die Trauerfeier stattfinde, ob ich nicht mal eine Zeitungsanzeige schalten wolle. Ja. Ich weiß. Ich bin das Kind. Ich organisiere, so gut ich kann, mein Autopilot funktionierte schon immer recht gut. Aber muss ich Pressemitteilungen für „die Leute“ herausgeben? Die Krankenakte in der B.lödzeitung veröffentlichen? Was wollen diese „Leute“ von mir? Streuselkuchen und dünnen Kaffee? Es kann nicht um Gedenken gehen bei Menschen, die seit Jahren jeden Kontakt zu ihr abgebrochen und statt mit ihr über sie geredet haben. Die Leute also. Eine nicht zu vernachlässigende Dimension in diesem Trauerspiel. Vielleicht Katharsis? Aber – das hier ist keine griechische Tragödie. Das ist das Leben. Leider.

Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes

Er verfolgt mich. Ich weiß, dass er mich umbringen wird. Ich flüchte in meine erste eigene Wohnung, verriegele die Tür und nagele die Fenster zu. Doch ich weiß. Es gibt kein Entkommen. Er kann durch den Ausguss hineinkommen; und wenn ich über einen Gulli gehe, wird er mich hineinziehen. Es gibt keinen Ausweg.

Szenenwechsel: Die Wohnung meiner Oma wird von dubiosen Menschen ausgeraubt. Ich wundere mich, denke aber, sollen sie doch alles nehmen, sind doch eh alle tot, hole die Klausuren, die ich  noch korrigieren muss, aus der Wohnung und fahre mit dem Auto zur Schule. Unterwegs muss ich aussteigen. Als ich wieder einsteige, fehlt mein Geld, und als ich weiterfahren will, bemerke ich, dass das Auto keine Räder mehr besitzt. Jemand muss sie in Windeseile abmontiert haben. Ich suche mein Handy und versuche den Mann zu erreichen. Während ich wähle, verknoten sich meine Finger unter meinen Augen. Ich weine. Ich werde wach.

Herr Freud hätte seine Freude an mir zur Zeit.

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