Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Januar 2013 (Seite 1 von 2)

Treue Seelen

Die Tochter ist ein halbes Jahr in der Schule. Ihre Klassenlehrerin hatte keinen festen Vertrag und nun eine Festanstellung irgendwo im Nirgendwo. Die Tochter ist ganz fürchterlich traurig. Der Lehrerin folgt ein junger Lehrer, ebenfalls ohne Festanstellung. Ich vermute, er ist nach den Sommerferien auch irgendwo im Nirgendwo.

An meiner Schule ist es üblich, auf die „Kleinen“ (Fünft- und Sechstklässler) keine Vertretungslehrer, Referendare u.ä. dauerhaft loszulassen, weil man davon ausgeht, dass Kinder, je kleiner sie sind, desto mehr Bindung und Kontinuität benötigen. Eine schöne Sache.

Heute habe ich einem Teil meiner zauberhaften Dreizehnjährigen mitgeteilt, dass ich sie zum Halbjahresende abgeben muss. Nicht damit gerechnet hatte ich, dass auch diese schlacksigen Menschlein noch Pi.ppi in den Augen haben können. Ich sagte ja, Dreizehnjährige sind faszinierende Menschen. (Vierzehn- und Sechzehnjährige natürlich auch).

Bindung jenseits des Kleinkindalters wird in unserem Bildungssystem ziemlich unterschätzt. (ja, das machen die Waldorfs besser – aber ob acht Jahre Ausgeliefertsein an einen cholerischen Klassenlehrer wirklich eine Alternative darstellt, weiß ich nicht …)

Schrecklich(es) Herumjammern

Das hier ist ja nicht die erste Prüfung meines Lebens, aber ich fühle mich schrecklich. Habe das Gefühl, nichts zu können, nichts zu wissen, alles falsch zu machen, blöde Stundenthemen ausgewählt zu haben, generell: unfähig zu sein. Die Angst, einer merkwürdigen Kommission ausgeliefert zu sein, dass die Schüler nichts sagen könnten, ich einen Blackout haben könnte, der Strom ausfällt, das Auto kaputtgeht, mich eine Grippe befällt. Eine bleierne Müdigkeit hat sich auf mein Hirn gelegt, vielleicht ist es auch Schockstarre? Dazu kommt, dass ich eigentlich gar keine Zeit habe, diese Prüfung vorzubereiten: Ständig ist ein Kind krank, es sind Zeugniskonferenzen, Seminare, Bewerbungstrainings (besonders lustig, wenn gar keine Stellen ausgeschrieben sind) und schulinterne Fortbildungen. *seufz*

Bei der flüchtigen Bloglektüre stelle ich fest, dass ich kein guter Mensch bin. Ich friere Obst und Gemüse manchmal in Plastikschüsseln ein, kaufe ab und an auch im Supermarkt abgepackten Käse, twittere nicht zum Thema Sexi.smus und halte Regelschulen nicht für das größte Übel der Menschheit.

(und weiter im Text …)

Wenn das Gehirn verrückt spielt …

Ich gebe es zu, ich werde zunehmend nervöser. Meine Umwelt hat es sicher nicht leicht mit mir in diesen Tagen. Geldbörsen lagere ich in Kühlschränken, bei der Bank versuche ich mit meiner Kopierkarte Geld abzuheben (netter Kommentar der mich begleitenden Kollegin: der Kontostand lässt sich durch Kopieren nicht verdoppeln ;-)), ich frage in Supermärkten interessante Dinge wie „Und wo liegen die Kokosflossen?“ Und gestern, gestern ging ich mit dem kleinen Kind zur Post. Im Laden war es schneebedingt rutschig. Zur kleinen Tochter wollte ich sagen: „Pass auf, kleine Hummel, es ist glatt!“, sagte dann aber laut zur Postfrau: „Hallo, kleine Hummel!“ und zur kleinen Tochter, während ich sie an der Kapuze packte, „Guten Tag!“ (am liebsten wäre ich danach ausgerutscht).

Emanzipation zum Quadrat

Das Verhältnis der Frau Kreis zu Feminismus und Emanzipation lässt sich in verschiedene Phasen einteilen. Aus der Bekanntschaft mit feministischen Theorien im Studium resultierte eine zunehmende Sensibilisierung für bestimmte Missstände in der Gesellschaft, gepaart mit einem aus heutiger Sicht missionarischen Eifer, die Menschen meiner Umgebung von feministischen Positionen überzeugen zu wollen. Alltagsmüdigkeit und Zeitnot Die Gelassenheit des Alters führte in den letzten Jahren dazu, dass mein missionarischer Eifer nachgelassen hat. Eigentlich. In den letzten Wochen nun habe ich viele Gespräche mit Männern geführt, vor allem beruflich bedingt. Und hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, meine Haare lila zu färben und eine Latzhose anzuziehen (nur symbolisch, ich weiß, dass lila Haare und Latzhosen vordergründig nichts mit Emanzipation zu tun haben). Der Stellenmarkt für Lehrer in NRW sieht derzeit nicht rosig aus. Ich will aber unbedingt arbeiten. Ich.will.unbedingt. Weil es mir Spaß macht, weil ich Geld verdienen möchte, weil es mir unglaublich gut tut, mein Denken in alle Richtungen beweglich zu halten, weil ich Jugendliche in Lernprozessen faszinierend finde. So weit. Sobald ich diese Dinge äußere, kommt entweder die entsetzte Frage „Aber doch nicht Vollzeit?!“ oder aber das scheinbar gelassene Abwinken „Ach, das ist doch nicht so schlimm mit dem Stellenmarkt. Bleibst du halt eine Weile zu Hause. Ein Gehalt reicht doch.“ Sehr schön auch: „Und die Kinder haben ihre Mama dann wieder!“  oder „Bewundernswert, wie Sie als Mutter das schaffen!“

Würde jemand auch nur einen dieser Sätze im Gespräch mit einem Mann fallen lassen? Nein. Und mantrenartig wiederhole ich:

a) Ein Referendariat ist kein Yogakurs, sondern eine berufsvorbereitende Ausbildung.

b) Kennen Sie das neue Scheidungsrecht? Warum wohl sind so viele alleinerziehende Mütter von Hartz IV abhängig?

c) Meine Kinder haben ihre Mama nie verloren. Ich bin und bleibe da. Nein. Nicht 24 Stunden. Aber ich bin keine Säuglingsmutter mehr.

d) Auch ich als Mutter kann arbeiten und denken wie jeder andere Mensch auch. Meine Gehirnzellen waren nicht an die Plazenta gekoppelt.

e) Ich bin nicht nur Ich als Mutter, ich bin ich – unabhängig von meinem Geschlecht, meinem Familienstand, meiner Kinderzahl. Sind meine Wünsche und Bedürfnisse in dieser Gesellschaft sekundär? Nein, Moment, tertiär? (erst der Mann, dann die Kinder, dann die Frau?)

Und ich fühle mich allein gelassen. Kann es sein, dass die Theoretikerinnen der Emanzipation in Deutschland Frauen mit Kindern gar nicht auf dem Schirm haben? Weil die sich durch ihr Kinderkriegen dem Patriarchat so weit angenähert haben, dass man sie ideologisch aufgeben muss?

Ähm ja …

Ich sollte an meinem Wording arbeiten. Oder bald Prüfung machen. Ich betrete die Klasse, sehe einen Haufen Müll und bitte Schüler J., diesen zu beseitigen. Schüler J. steht auf, fegt den Unrat zusammen, dreht sich um, grinst und sagt:

„Sie sind echt anders, Frau Kreis. Jeder andere Lehrer hätte beim Anblick dieses Klassenraums gesagt: ‚Ihr seid die größten Schweine, die ich kenne!‘ Sie hingegen sagen: ‚Ihr geht bei der individuellen und informellen Gestaltung eures Klassenzimmers aber nicht nach allgemein anerkannten ästhetischen Kriterien vor, oder?‘

Habe ich das wirklich gesagt?

 

Wolfgang Erlbruch: Sinn des Lebens

Interessante Antworten auf eine elementare Frage:

Traum

Ich telefoniere mit meiner Mutter. Es ist ein liebevolles Gespräch. So eines, wie wir es zu ihren Lebzeiten nicht geführt haben. Im Traum fühle ich mich leicht und glücklich. Als sie auflegt, möchte ich sie gern umarmen. Mehr und mehr kehrt Frieden in die Beziehung mit ihr und zu ihr ein. Ich weiß nicht, ob es ein Verzeihen ist. Eher eine stumme Zwiesprache, die ich führe. Es ist paradox: ich habe 30 Jahre meines Lebens darum getrauert, keine Mutter zu haben. Diese Trauer ist nun weg. Ich habe eine Mutter. Sie kann aber nicht Mutter für mich sein, weil sie tot ist. Ist das nun Seelenruhe oder meine verdammte Rationalität, die die Dinge für mich einfacher macht?

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke, 8.1.1898, Berlin-Wilmersdorf

Gefährliche Limonadenpickel

„Der H. konnte heute nicht zur Schule kommen, der hat nämlich Schweppes!“

„Bitte was hat der H.?“

„Na, Schweppes! Das ist so eine Krankheit, bei der man lauter juckende Pickel am Mund bekommt!“

„Hmmm … ist der H. allergisch gegen Schweppes – möglicherweise?“

„Neeeein bist du blöd, Mensch, die Krankheit heißt so!“

„Ähm, Kind, meinst du eventuell Herpes?“

„Ach ja, genau!“

 

Mal ganz unverblümt …

„Wir lesen Gedichte von Menschen, die seit 300 Jahren tot sind. In diesen Gedichten werden Gefühle, die uns fremd sind, mit Wörtern beschrieben, die uns ebenso fremd sind. Anschließend filetieren wir diese Gedichte fein säuberlich in zwei Teile und nennen das Ganze Form und Inhalt, hacken alle Verse klein, bis auch die letzte Zweideutigkeit beseitigt ist – und dann wundern sich die Verleger, dass kein Mensch  mehr Lyrikbände kauft.“

(eine Sechzehnjährige bei der heutigen Vorabfrage im Kurs zu ihren bisherigen unterrichtlichen Erfahrungen mit Lyrik. Diese transparente Kommunikation der eigenen Position erstaunt und erfreut mich immer wieder. Erwachsenwerden ist beeindruckend.)

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