Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Februar 2013

Lehrereinstellungs-Schweinezyklus

Vor zwei Jahren war meine Fächerkombination enorm gefragt. Leider konnte ich vor zwei Jahren meine Ausbildung nicht zu Ende führen – das jüngste Kind war zu klein, zu viel krank, das Familienleben stand und fiel mit meinem zumindest partiellen Dasein. Jetzt habe ich meine Ausbildung mit einer eigentlich passablen Note (1,15) beendet, doch leider befinden wir uns mittlerweile in einer anderen Phase des Lehrereinstellungs-Schweinezyklus: es gibt wieder einmal zu viele Lehrer. Und so hört man nichts als ein „Ähm nein“, „Oh, tut uns leid“, „ach herrje“. Und so schielt Frau Kreis zyklusbedingt neid- und nur wenig verständnisvoll auf all die Kollegen, die eigentlich keine Lust auf ihren Beruf haben, dafür aber eine feste Stelle (in diesem Kontext fällt dann gern der Satz: „Naja, ich wollte halt einen Beruf, der mir Sicherheit verschafft. Freude war dabei eher zweitrangig.“ Ich schlucke an dieser Stelle oft wortlos.)

Zugänge

Der große Sohn ist ein Gern- und Vielleser. Man gebe ihm ein Buch und der Nachmittag ist gerettet. 300 Seiten lange Jugendromane schrecken ihn nicht, und wenn er nichts zu tun hat, schnappt er sich eines meiner Schulbücher, das Kinderlexikon oder die Tageszeitung – und liest. Er käme allerdings nie auf die Idee, die Anzahl der Kaffeetassen im Schrank im Kopf zu überschlagen, präzise nachzuzählen, die Form des Toilettendeckels als Oval zu bezeichnen oder alle Zahlwörter von eins bis hundert ausgeschrieben aufs Papier zu bringen. Ganz anders seine kleine Schwester. Die liebt Zahlen über alles, und eindeutige geometrische Verhältnisse der Schuhe im Flur sind für sie eine logische und ästhetische Notwendigkeit. Dafür sieht sie keinerlei Notwendigkeit darin, sich freiwillig mit der Lesefibel aufs Sofa zu begeben und das Lesen zu üben. Nun hat das kleine Mädchen eine dogmatische ambitionierte Lehrerin, die genau weiß, wie Kinder lesen lernen sollten. Alle Erstklässler-Eltern erhalten im Zweitagesabstand E-Mails mit Handlungsanweisungen zur elterlichen Lesenachhilfe, von denen ich bezweifle, dass man sie ohne Germanistikstudium überhaupt versteht. Wir befolgen diese Handlungsanweisungen brav, aber das kleine Mädchen langweilt sich mit der Fibel. Nun hat die Deutschlehrerin dem Kind verboten, etwas anderes als die Bibel Fibel zu lesen, weil in der Fibel ja alle Silben in unterschiedlichen Farben markiert seien und die Kinder nur so die Binnenstruktur von Wörtern erlernten. Das Kind weiß aber seit dem Kindergarten, was Silben sind. Wir sitzen also auf dem Sofa, eine Mutter mit einem maulenden Kind, das widerwillig langweilige Texte wie „Bea backt Brot“ (Bea ist schätzungsweise fünf Jahre alt, allein zu Haus, während Mama und Papa im Kino sind, und backt allein Brot??) und „Die Kuh sagt Muh“ (sehr interessant, wer  hätte das gedacht?) vor sich hin liest. Wenig später hole ich das kleine Kind aus dem Kindergarten ab. Als ich zurückkomme, sitzt die große Schwester mit geröteten Wangen auf dem Sofa und liest – verbotenerweise – in einem Gedichtband. Fließend. Und freut sich. Und sagt: „Schau mal, Mama, ‚ein‘ steckt in ‚Bein‘ und ‚Laus‘ in ‚Klaus‘. Gedichte sind toll. Soll ich dir was vorlesen?“ Der Groschen, so scheint es, ist gefallen. Schön, dass gereimte Gedichte oft so symmetrisch sind. Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Pädagogisch sinnvoll aufbereitetes Material ist gut, sinnvoll und notwendig. Aber man darf seine Schüler nicht unterschiedslos daran festbinden. Ich dachte bislang immer, in puncto individuelle Lernzugänge sei die Grundschule den weiterführenden Schulen meilenweit voraus … 

Leben 3.0

Irgendwie hatte ich mir das Leben nach dem Examen entspannter vorgestellt. Zumindest gedacht, die Welt würde mal einen Moment lang die Luft anhalten. Stattdessen: Vertretungsunterricht, eine Klausur für einen erkrankten Kollegen aus dem Ärmel schütteln, einen freundlicherweise vom Fachleiter angebahnten Kontakt zum Schulbuchverlag vertiefen, die didacta besuchen, längst fällige Termine mit den und für die Kinder wahrnehmen (to be contintued). Aber ich will mich gar nicht beschweren: der einzige Morgen, an dem ich zu Hause saß, war fürchterlich. Ich fühlte mich wie Herr Lohse in Loriots „Pappa ante portas“, völlig fehl am Platz zwischen all den Staubmäusen und Wäschebergen, und war froh, als das Telefon klingelte und ich vertreten durfte. Ungefähr eine halbe Woche hat es gedauert, bis in meinem Großhirn das „ich bin fertig!“ überhaupt angekommen war. Schön ist nun vor allem das erste Erwachen am Morgen, ungefähr so, als würde die Sonne aufgehen. Überhaupt, die Sonne: ich gehöre ja nicht zu den Menschen, die den Winter lieben. Und das ist noch leicht untertrieben. Ich hasse Kälte, Schnee und Pampe, diese dauerhafte Dunkelheit, den tagelangen Hochnebel. Und ich kann mir das Ganze auch nicht schönreden mit warmem Kakao, Schokoladenkeksen, meteorologischen Gesetzmäßigkeiten und der Option auf zauberhafte Winterfotos. Mein Körper ist anatomisch nicht für den Winter gemacht. Mir fehlt es an wärmenden Fettpolstern, und darüber hinaus frieren meine Gliedmaße, egal, wie viel ich mich draußen bewege. Als Kind hatte ich mehrere Winter lang dicke rote Beulen an den Fingern. Meine Eltern schleppten mich von einem Arzt zum nächsten. Bis an die Uniklinik. Dort konsultierte ich einen Experten. Der stellte fest, dass ich nicht unter Rheuma litt, sondern unter Frostbeulen. Meine Gefäße verschließen sich offenbar ab einer bestimmten Temperatur, Finger, Lippen und Füße werden blau und ich brauche dringend einen Kamin. So ist das mit mir und dem Winter. Und es wird nicht besser. Aber dafür liebe ich den Sommer. Wenn die anderen bereits schwitzen, ziehe ich meine Jacke aus. Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Sondern vom Leben 3.0. Und mitten am Tag nach Hause kommen, während die Kinder noch in der Schule sind, und sich einfach so in die Badewanne zu legen, das ist selten schön.

It’s over

Wochenlang vorher kann ich nicht richtig schlafen, weil mir Dinge im Kopf herumgeistern, die ich noch tun muss. Ich schreibe To-Do-Listen und grübele. Heute Morgen ist alles vorbei, und ich kann trotzdem nicht schlafen, weil die Bilder des gestrigen Tages nachklingen wie ein surrealer Film. Ein Tag, der sich anfühlte, als müsse man einen Sprint auf Glatteis hinlegen. An der einen Stelle etwas schlechter, an der anderen Stelle viel besser bewertet als erwartet, die Gesamtnote stimmt mich mehr als versöhnlich. Als ich geplättet aus dem Prüfungsraum trete, ungefähr so:

waermflasche

 

steht ein Bauarbeiter mit Helm und einer Atemschutzmaske vor mir. (die Schule wird umgebaut, und während der Prüfung tobte der Baulärm …). Durch die Schule komme ich nur noch mit Helm und Maske, erklärt er mir, da sei Asbest in der Decke. Das Komische an solchen Tagen ist ja, man wundert sich über gar nichts mehr. Auch nicht darüber, dass ein Kollege wenig später vorbeikommt und auf die Frage, wo man denn mal zum Klo könne, antwortet: „Warte, ich zeige dir die Behindertentoilette!“ Ebenso wenig darüber, dass die Mitglieder der Prüfungskommission ihre Autos nach der Prüfung nicht mehr wiederfinden und wir gemeinsam das Schulgelände abgehen müssen: „Ich weiß doch nicht, wo ich geparkt habe!“ (sind die eigentlich auch aufgeregt vor so einem Tag?) Jetzt habe ich ein neues Tagesprojekt: Resozialisierung in Familie und Freundeskreis. Da der Weg in den Wahnsinn langsam und schleichend war, gehe ich davon aus, dass auch der Rückweg lang und mühsam wird.

(das Schönste am Tag war aber eigentlich nicht die Tatsache, dass er irgendwann vorbei war, sondern die Aussage meiner Mädels, während ich wartete: „Wenn die da nicht endlich rauskommen und Ihnen eine anständige Note geben, gehen wir gleich rein und erklären denen mal, dass Sie gut sind und die mal aufhören sollen, hier rumzueiern … „)

Vielen Dank an alle, die mitgefiebert, Mut zugesprochen und mitgelitten haben :-)!

Im Parkhaus

… eines Spaßbades. Ich fahre rückwärts in ein Auto. Das Auto ist völlig kaputt. War es aber vorher schon. Während ich auf die Polizei warte, überlege ich, welchen semantischen Feldern ich die Gegenstände im Parkhaus zuordnen würde. Eigentlich könnte ich auch alle Gegenstände mit rotem und schwarzem Edding umkreisen. Ob ich es wohl schaffe, den kompletten Bus mit einem einzigen Edding einzukringeln? Ich notiere mir: noch einen zweiten und dritten Edding einpacken. Völlig meschugge, die Frau Kreis, jetzt auch in ihren Träumen.

Aus der letzten Bank …

… ertönt es: „Auf diesem Grundschulniveau können Sie hier wirklich nicht weiter Unterricht machen!“ Ich verlasse den Klassenraum und laufe davon. Hinter mir die Kommission. „Und jetzt sind Sie auch noch bei Rot über die Ampel gelaufen. Und so was will Lehrerin werden!“

Ich werde wach. Herr Freud würde es wohl Verschiebung nennen.

Aktueller Ohrwurm

Die beste aller Ausbildungsschulen

Auch wenn ich mich wiederhole, ich muss es tun. Kurz vor der Prüfung. Und wenn ich einen Schritt zurücktrete, denke ich, es war Fügung. Schicksal. Was auch immer. Ich habe ja ein Jahr zuvor die Idee der Lehrerausbildung an den Haken gehängt, weil das Ganze in Vollzeit plus Ausbildung nicht zu bewerkstelligen war. Im Roulette der Schulzuweisungen habe ich danach verdammt viel Glück gehabt. Erst nur geahnt, dann mehr und mehr gemerkt. Kolleginnen und Kollegen, die ein offenes Ohr haben, offen über ihre Fehler und Zweifel reden, spiegeln, Ideen anregen, ohne sie zu oktroyieren, auch sonntags Mails beantworten, darin bestärken, den eigenen Weg zu gehen. Ein Direktor, der mit offenen Augen durch die Schule läuft. Rückenwind, viel Lachen, Respekt und vor allem: Achtsamkeit. Ungefragt gute Lektüre im Fach. Schokolade für die Nerven auf dem Arbeitsplatz. Es sind so viele kleine Dinge, die bewirken, dass ich morgens gern zur Schule gehe. Ich kenne Schulen, in denen sitzen Referendare in separaten Lehrerzimmern, um die „echten“ Lehrer nicht durch dumme Fragen zu stören. An manchen Schulen muss jede Kopie bezahlt werden. An anderen werden unliebsame zehnte und elfte Nachmittagsstunden an die Lehrer in spe vergeben, oder aber die unliebsamsten Klassen. Zur Ernüchterung. Oder Einschüchterung. Oder warum auch immer. Eine gute Ausbildung ist keine Selbstverständlichkeit, aber so wichtig fürs eigene Rückgrat.

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