Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: April 2013

Wie man(n) weiblichen Erfolg erklärt

Ich habe im Abi eine glatte Eins. Die Erklärung des damaligen Klassenlehrers: Ich war ja immer so ein fleißiges Mädchen. Ich habe mein Studium sehr gut beendet. Die Erklärung des damaligen Freundes: Ich war so freundlich zu den Prüfern und hatte so ein tolles Outfit. Ich hatte lange Zeit einen richtig coolen Job in einem richtig coolen Unternehmen. Die Erklärung meines Vaters: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Körnchen. Und nun, nach einiger Zeit, wieder mal eine Prüfung. Und richtig gute Noten. Und die Erklärung dazu? „Ach, du kannst ja auch so gut mit Fachleiter 1“, „Fachleiter 2 ist sicher verliebt in dich“. Gestern ritt es mich, und ich erklärte dem Freundes-Lehrervater, nachdem der mir erklärt hatte, woher meine guten Noten kämen, ungefragt: „Ja, so ist es. Und dem Direktor habe ich 18 Monate lang die Hemden gebügelt, und im Abschluss-Kolloquium habe ich nackt auf dem Tisch getanzt. So kam meine Note zustande. Und für die Festeinstellung habe ich auch schon einen entsprechenden Plan. Der hat ebenso wie alles andere nichts mit Intelligenz und Leistungswillen, sondern nur mit meiner Weiblichkeit zu tun.“ Die Erklärungsmuster für gute Leistungen bei Frauen unterscheiden sich gravierend von denen, die bei Männern herangezogen werden, um Erfolg zu begründen. Ein Mann ist intelligent, ein High Performer, ein leistungsorientierter Mensch. Wenn ein Mann eine Prüfung besteht, wenn er den nächsten Karriereschritt erklimmt, wenn er Erfolg hat, so sicherlich nicht, weil er maßgeschneiderte Anzüge trägt, freundlich lächelt und die Personalerin unsterblich in ihn verliebt ist. Warum also sollte es bei Frauen anders sein? (nach Diktat in lila Schlafanzug geschlüpft und zu Bett gegangen …)

[Nachtrag: Nein, ich halte mich nicht für übermäßig intelligent oder leistungsbewusst. Mich stört nur dieses – darf ich sagen sexistische – Erklärungsmuster für die Dinge, die ich gut kann]

 

Wenn ich esse …

Seit ich ernsthaft arbeite (Studentenjobs mal ausgenommen), werde ich immer mal wieder zu Geschäftsessen eingeladen. Und soll ich euch was verraten? Ich hasse Geschäftsessen. Ich. kann. das. nicht. Es muss ein genetischer Defekt sein. Ich kann mich nicht auf eine ernsthafte Materie konzentrieren, dazu geistvolle Bemerkungen beisteuern und gleichzeitig Nahrung in den Mund schieben. Wenn ich esse, möchte ich genießen. Ich möchte mich entspannen, den Kopf lüften, plaudern, die Gemeinschaft genießen. Mehr nicht. Und so sitze ich wahlweise, esse, sage wenig und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, mein Gegenüber hält mich für einen Stummfisch, oder aber, und das kommt häufiger vor, ich esse nur ein paar Happen und bin dafür eine eloquente Gesprächspartnerin. So auch am Sonntag bei einem sehr netten Verlagstreffen. Vermutlich hält man mich dort jetzt für anorektisch, weil ich nur ein Viertelbrötchen geknabbert habe, während ich über meinen Werdegang referierte. Vielleicht liegt es ja auch nur am ewig eingehämmerten „Mit vollem Munde spricht man nicht“, dass ich an diesem Punkt so multitasking-unfähig bin? Einmal ging ich mit einem sehr bekannten Suchmaschinen-Experten zum Mittagessen. Der sehr redelustige Herr verriet mir während des Essens alle Tipps und Tricks zum Ranking in Suchmaschinen und lachte dabei gönnerhaft. Während er das tat, schossen mir Stücke seiner halbzerkauten Erbsen ins Gesicht. Ein anderes Mal aß ich mit meinem Professor. Während ich seinen Ausführungen über die preußische Verfassung um 1800 folgte, zersägte er seinen Nachtisch (eine harte Birne) mit Messer und Gabel. Das konnte nicht gutgehen. Die Birnenhälfte sprang in meinen Schoß, und es entstand eine unangenehme Situation, als ich sie von dort zurückholte (wer fasst sich bei einem wichtigen Essen schon gern z.wischen die Be.ine?) und überlegte, wohin ich sie legen könne. Auf seinen Teller? Auf meinen Teller? Wenn ich es mir recht überlege: Genau darum mag ich Essen in Verbindung mit Geschäftsdingen nicht. Vielleicht klappt es auch genau darum nicht mit der großen Karriere? Egal. Ich mag diese kleine Parabel darum so gern: Es kamen ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister. „Herr“, fragten sie „was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du.“ Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“ Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?“ Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich.“ Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend, fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“

Merkwürdiges

Irgendwann im Lauf des Bewerbungsprozesses hatte ich mich auf eine Sechs-Stunden-Stelle ganz am Ende der Welt beworben und war beinahe froh, dass gestern die Absage kam. Gewundert habe ich mich nur darüber, dass ich meine Unterlagen als Loseblattsammlung zurückerhielt, OHNE Bewerbungsmappe und OHNE Foto. Erst dachte ich noch: Arme Schule. Vielleicht konnten sie die Mappe noch irgendwie brauchen. Man kennt das ja: Materialmangel. Aber das Foto? Ich gestehe, ich bin verwirrt.

Die Vätermonate …

… führen dazu, dass ich demnächst an der Gesamtschule eine halbe Autostunde entfernt ein halbes Deputat habe. Erst einmal bis zu den Sommerferien.

(nein, das war jetzt nicht die Traumschule, von der ich sprach, da warte und hoffe ich weiterhin ganz stark auf die Zeit nach den Sommerferien, aber eine schöne, kleine, übersichtliche Gesamtschule mit viel Geradlinigkeit mitten auf dem Land. Ursprünglich war es ein ganzes Deputat. Angesichts der miesen Stellensituation haben wir (einer der 99.000 Mitbewerber und ich) uns für Job Sharing entschieden. So was ist möglich, nicht nur am Martinstag.)

Sprachzauber

Die elektrischen Leitungen unseres Hauses verlaufen nicht normgerecht. Das liegt daran, dass der Vorbesitzer zwar eine Elektrikerausbildung hatte, danach aber nie in diesem Beruf gearbeitet hat. Nichtsdestoweniger verlegte er die Leitungen. Da kann es schon mal sein, dass man eine Lampe anbringt und einen kleinen Stromschlag bekommt, obwohl alle Sicherungen ausgeschaltet waren. Manchmal rufen wir darum den Dorfelektriker. In der letzten Woche kam an seiner Stelle ein neuer Angestellter. Aus dem Kaukasus. Oder frisch von der Wolga. Ich weiß es nicht. Was mir von diesem Mann in Erinnerung geblieben ist, ist seine Sprache. Ein feiner, sehr melodischer Singsang, Deutsch zwar, aber keineswegs umgangssprachlich. „Einen wunderschönen Tag. Gnädige Frau. Der Herr bat mich, bei Ihnen eine Lampe zu befestigen.“ Mit einem Blick auf die Bücherwand im Wohnzimmer: „Oh, welch üppige Vielzahl an Büchern. Sie lesen. Welch seltene Beobachtung. Alle anderen jungen Menschen verwenden zur Zerstreuung den Computer.“ Ich gebe zu, ich war leicht irritiert. Hätte der Gute nicht parallel dazu die Lampe angebracht, hätte ich wohl beim Elektriker angerufen und gefragt, ob der Mitarbeiter echt sei. Während er auf der Leiter stand, dozierte er: „Es befindet sich Kriechstrom in der Leitung, weiterhin wird der Stromkreis von einem weitern Gerät genutzt. Sollte es Ihnen zuträglich sein, kann ich erforschen, welches Gerät das ist.“ Und weiter: „Gnädige Frau, bitte stellen Sie sich niemals auf den Tisch, um Lampen zu befestigen. Sie könnten stürzen und sich gar fürchterliche Verletzungen zuziehen.“ „Oh, welch bezaubernde Geschöpfe stehen dort am Fenster? Sie haben Kinder! Drei. Ein Geschenk Gottes.“ Allmählich war es an mir, mich peinlich berührt zu fühlen, nicht auf demselben sprachlichen Niveau antworten zu können. Der Gute packte seine Sachen zusammen, stellte die Rechnung aus: „Nein, nein, ich weiß, Sie haben zwei verschiedene Namen, Sie und Ihr Mann, das las ich der Klingel ab“ und wünschte mir danach einen „entzückenden sonnigen Tag“, bevor er ging. Sprachinsel in Russland, ausgiebige Lektüre deutscher Literatur vergangener Jahrhunderte oder VHS-Kurs „Poesie der Alltagssprache“?

(kennt jemand Bruno Ganz in der Rolle des Kellners in „Brot und Tulpen„? Genau so!)

Auf dem Land

Mehrmals im Jahr fahren wir mit den Kindern in richtig große Städte. Ich bin der Meinung, sie müssen mehrstöckige Häuser, ÖPNV, fremde Gerüche, Tauben, gute Museen und Menschen aus aller Herren Länder kennen lernen. Auf dem Land klappt das nur bedingt. Den Kindergarten des jüngsten Kindes besucht seit ein paar Wochen ein kleines Mädchen mit afrikanischen Wurzeln und dunkler Hautfarbe. Die erste Begegnung zwischen dem Tochterkind und dem Mädchen war faszinierend: beide standen voreinander, streichelten staunend ihre unterschiedliche Haut, berührten ihre Haare (Rasta-Zöpfe vs. Ronja-Räubertochter-Schopf) und lächelten verschüchtert. Gesprochen wurde wenig in den ersten Tagen, nur beschnuppert. Mittlerweile sind die beiden Freundinnen und schnattern fröhlich in einer Art Pidgin Deutsch miteinander, nur eines beschäftigte das Tochterkind letztens beim Einschlafen: Wann die S. denn eigentlich aufstehen müsse, wenn sie jeden Morgen aus Afrika anreise. Schätze, wir müssen mittelfristig in urbanere Gefilde ziehen, um die multiethnische Gesellschaft (be)greifbarer zu machen.

So viel Leben

Nach zwei Wochen eiskaltem Nordpolarurlaub an der Ostsee und einer äußerst günstigen, dafür aber nicht besonders komfortablen Ferienwohnung sind wir wieder zu Hause. Den Kindern hat es gefallen, die Eltern haben gefroren. Die Eltern konnten außerdem nicht schlafen, weil in der Ferienwohnung drunter bis nachts um drei gefeiert wurde. Dort wohnte eine Familie mit schätzungsweise zehn Kindern auf 65 Quadratmetern. Auch die Kinder waren um 23 Uhr noch wach, wurden ab und zu angebrüllt – vielleicht war es ja ein Casting für die Supernanny oder so … (die Sektflaschen vor der Tür am nächsten Morgen bereiten Alkoholikerkindern wie mir immer noch ungute Gefühle)

Wieder zu Hause warten Wäscheberge, Regenwolken, Hausaufgaben und all die Sorgen der Vorurlaubszeit auf mich. Um mich von der Stellensituation abzulenken, habe ich beschlossen, meinem letzten Schwangerschaftsüberbleibsel an den Kragen zu gehen, einer bösen, fiesen und gemeinen Krampfader am Oberschenkel, die zwar nicht sonderlich stört, aber irgendwie doch. Nachdem mir der Provinzarzt eine OP androhte – so richtig mit Herausziehen und Stützstrumpftragen bis zum Lebensende – habe ich ein wenig herumgelesen und bin auf Radiowellen gestoßen. Anfang Mai fahre ich nach HH und gehe hoffentlich nach einem kleinen ambulanten Eingriff leichtfüßig zurück zum Bahnhof. Und als anerkannter Gesundheitsschisser habe ich den Mann gebeten mitzukommen und in den nächsten 24 Stunden nicht von meiner Seite zu weichen, fürchte ich doch, dass mir in der darauffolgenden Zeit das Bein blau wird, abfault oder ich tot umfallen könnte. (und das im ICE zwischen HH und BI)

Als Gemüsekistenabonnentin und Nur-Sonntags-Braten-Esser verfolge ich die Diskussion über Nachhaltigkeit in der Ernährung, vegetarisches Leben und Veganismus gespannt. Da ich ab und an Kochbücher teste, habe ich beim Stichwort „vegan“ zugeschlagen, und ich staune. Wir werden als Familie nicht vegan leben, die Biomilch im Kaffee und Müsli lässt sich nicht ersetzen, das kleinste Kind liebt die Kinderwurst vom Biohof, und Sojaaufstrich schmeckt halt nicht wie Ziegengouda. Aber: meine Küche ist noch einmal bunter geworden, und ich glaube, auch noch ein wenig gesünder. Vom großen Sohn stammte der Vorschlag, doch einmal pro Woche vegan zu leben, und es klappt bislang problemlos, und zwar ohne Verzicht. Unglaublich, dass man Brownies ohne Ei und Butter backen kann und niemand was davon merkt. Sehr begeistert sind wir alle von der „veganen Leberwurst“ (in der sich weder Leber noch Wurst befindet, aber ich möchte hier keine semantischen Grundsatzdiskussionen …): sie sieht aus wie Leberwurst, schmeckt wie Leberwurst und ist völlig tierfrei. Ein gutes Rezept dazu befindet sich hier. (wichtig sind vor allem die Gewürze sowie der Rauch) – vegan leben heißt ansonsten aber nicht, möglichst viel Ersatz für Tierisches zu finden, sondern anders zu kochen – sonst wäre zu viel Entbehrung dabei. Und Entbehrung auf Dauer tut Körper und Geist nicht gut.

Die Stellenfront. Eigentlich wollte ich weder darüber nachdenken noch reden. Bringt das Unglück? Nun hatte ich in dieser Woche ein Sondierungsgespräch an einer traumhaften Schule, und es stimmte so viel. Die Werthaltung, die Auffassung von Schule als Raum, der in stetem Wandel ist, die ermutigende, zugewandte Haltung zu den Schülern – nun ist Warten angesagt, Geduld und Gelassenheit, Hoffnung und Gottvertrauen (und die zwar schwere, aber irgendwie doch vorhandene Gewissheit, dass das Leben weitergeht, auch wenn sich alle Hoffnung zerschlägt …) daneben: kleinere Bewerbungen auf Vertretungsstellen bis zum Sommer (danach hat ja NRW passend  zum Nichtvorhandensein von Planstellen auch noch die Hälfte des Vertretungsbudgets gestrichen. Irgendwie war meine Hoffnung bei Antritt der neuen Regierung eine andere. Stattdessen aber weiterhin: Steinkohlensubventionen. Irgendwie gar nicht ökologisch, grün dund nachhaltig. Egal. Kein Politikblog hier) – ich brauche ganz viele gedrückte Daumen und gute Gedanken! 🙂

Meine neue Grundhaltung: Scheiß-Egal-Stimmung Gelassenheit. Irgendwie und irgendwo in mir drin. Es gibt ein paar Menschen, die an mich glauben. Einen davon habe ich in der Prüfung kennengelernt. Immer, wenn ich mal wieder dabei bin, die Flinte ins Korn zu werfen, mailen oder telefonieren wir. Rückgrattherapie. Kann jeder ausüben und gebrauchen, auch ohne Therapeutenschein.

Und außerdem im Anflug: Frühling. FRÜHLING. Hey, ich kann mit offener Jacke aus dem Haus gehen. Die Hälfte der Wintersachen ist gewaschen und im Keller verstaut. Nächste Woche dann der Rest.

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