Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Juli 2013

Was kommt nach der Wut?

Vor ein oder zwei Wochen bin ich über den Artikel „Frauen hört auf zu jammern!“ auf SPON gestolpert. Ein paar Tage später las ich Sibylles Artikel. Am Ende dachte ich: Beide haben recht. Aus verschiedensten Gründen, die ich allesamt nachvollziehen kann. Zur Klärung meiner eigenen Position schreibe ich, auch wenn in unzähligen Kommentaren schon viel vom Dafür und Dagegen die Rede war.

In 14 Tagen wird unser Größter 10 Jahre alt. Uns war vor seiner Geburt klar: wir wollen beides. Kind und Arbeit. Der Mann und ich. Ich hatte wenig vorher eine tolle Stelle angefangen, viel Verantwortung, Auslandsreisen, ein eigenes Büro, ein Traumgehalt. Wir haben uns beim ersten Kind alles geteilt: den Job, das Kind, den Haushalt. Prima so weit. Nur: im Arbeitsleben waren wir die Autosignatur. Meinen  Job durfte ich in Teilzeit nicht mehr ausüben, weil „Frauen mit Kindern ja nicht rund um die Uhr verfügbar sind und auch nur unter Schwierigkeiten Dienstreisen antreten können.“ Ich selbst wurde überhaupt nicht zu diesem Sachverhalt gefragt – man fand die Jobs für mich, die man für angemessen hielt. Aschenputtel 2.0, beschäftigt mit Routinetätigkeiten, die ich Mitte der Woche erledigt hatte. Den Rest der Zeit quälte ich mich zur Arbeit. Willkommen in der Teilzeitfalle, könnte man sagen. Und im Nachhinein sage ich: ja, wir sind hineingetappt. Eigentlich hätte ich gleich zu Hause bleiben können. Oder der Mann. Beruflich vorwärtsgebracht hat uns das Experiment Teilzeit nicht. Ganz im Gegenteil. Es hat mich klein gemacht und an vielen Tagen gedemütigt. Nur: vor zehn Jahren gab es kein Elterngeld. Der Mann war ebenfalls Berufseinsteiger, und ein Gehalt hätte nicht gereicht, uns durchs erste Babyjahr zu bringen. Außerdem wollte ich in meinem Beruf bleiben. U3-Betreuung? Gab es nicht. Warum auch? Frauen gehörten an den Herd. Was der Mann dort machte, war vielen suspekt. Wegbewerben mit einem Baby kam auch nicht in Frage; wer nimmt eine Frau direkt nach der Geburt eines Kindes?

Bei Kind 2 herrschte Arbeitskräftemangel in der Firma. Man bedrängte mich, möglichst schnell in Vollzeit zurückzukehren. Wir suchten uns eine fähige Tagesmutter, die beide Kinder betreute. Ein Drittel des Gehalts landete bei ihr, und mehr als einmal habe ich die Vollzeitmütter beneidet, die mit Kinderwagen in der Eisdiele oder im Café saßen, entspannt Pekip- und Massagekurse besuchten und dabei über ihre Männer schimpften, die nie pünktlich heimkamen – „ich wäre selbst gern mal im Büro und würde mir die Nägel in Ruhe lackieren“, so das Credo einer dieser Mütter. Das wiederum hat mich wütend gemacht, ebenso Sprüche wie „Ach, die armen Kinder. Müssen immer bis 16 Uhr im Kindergarten hocken!“  Westdeutsche Weleda- und Reiswaffelmütter waren eine Zeitlang mein persönliches rotes Tuch. Auch traf ich in dieser Zeit auf Teilzeit-Mütter, die um 11.30 Uhr den Griffel fallen ließen, nach drei Stunden Arbeit, jede Dienstreise mit dem Hinweis auf Kinder verweigerten, nicht in der Lage waren, vom Home Office aus an Videokonferenzen teilzunehmen und sich hinterher beschwerten, nicht hinreichend informiert worden zu sein oder nicht richtig Karriere machen zu können. In dieser Phase hätte ich Artikel wie den auf SPON schreiben können. Mit Verve.

Kind 3 war das erste, das uns ein freies Jahr bescherte. Elterngeld. Und plötzlich konnte ich eine bastelnde Weleda- und Reiswaffelmutter sein. Ich entdeckte meine Leidenschaft zum Kochen. Mein Leben mit zwei Kindergartenkindern und einem Säugling war entspannt, aber auch deshalb, weil ich zu wissen glaubte, dass ich nach einem Jahr wieder zurückkehren konnte in meinen alten Job. Mitten in der Elternzeit verlor ich meinen Job. Die Firma meldete Konkurs an. Ich bewarb mich. Schaffte es mit dem Wegmogeln der Kinder in Vorstellungsgespräche, in denen ich dummerweise ab und an etwas von den Kindern erzählte. Und Absagen bekam. Auch noch mit der dummdreisten Begründung des Personalrats: „Wenn Sie das mit den Kindern nicht erwähnt hätten, hätten wir Sie eingestellt!“ In dieser Situation hätte ich gern Flugblätter mit dem Tenor aus Sibylles Artikel geschrieben und an Personalabteilungen verschickt: „Mein Hirn gehört mir. Das, was ich bei den Geburten abgegeben habe, war die Plazenta!“ Warum gilt das Antidiskriminierungsgesetz eigentlich nicht für Mütter?

Und nun? Die letzten zwei Jahre habe ich wöchentlich mehr als 40 Stunden gearbeitet. Trotzdem war ich oft für meine Kinder da. Auch in dieser Phase sind mir unzählige Mütter begegnet, die mich mitleidig anblickten, weil ich zum Kindergartenbazar keine Mützen gestrickt, zum Klassenpicknick nicht mit drei selbstgebackenen Kuchen aufkreuzen konnte und statt der Eltern-Kind-Aktion auf dem Spielplatz eine Eltern-Kind-Aktion in der Schule (wenn man den Elternsprechtag als solchen bezeichnen möchte) wahrgenommen habe. Weil ich so mit mir, der Familie und dem Job beschäftigt war, habe ich die Lebensmodelle um mich herum völlig wertfrei wahrgenommen. Auch die Tatsache, dass ich keine Vorlese-, Einmaleins- und Büchereimutti war, hat mich nicht gestört. Im Gegenteil: Wenn ich gewusst hätte, wie gern ich unterrichte, hätte ich die Weichen in meinem Leben früher anders gestellt. Flow nennt man das wohl. Im Frühsommer habe ich einige Vorstellungsgespräche geführt. Diesmal war ich ehrlich und habe keines der kleinen Wesen verheimlicht, die in meinem Haus leben. Es gab Stellen, die ich hätte antreten können. Und das Absurde, nach all dem Mütter-Bashing der Wirtschaft, das ich erlebt habe: die DirektorInnen, denen ich gegenüber saß, begründeten ihre Zusagen damit, dass ich es ja geschafft habe, drei Kinder zu erziehen und nebenbei zu arbeiten, das zeige ja ein hohes Maß an Arbeitsorganisation, Selbstdisziplin und Stressresistenz. Nach dem ersten Gespräch dachte ich noch „Häh? Will der mich veräppeln? Gibt es irgendwo eine politisch korrekte Direktive für Vorstellungsgespräche im öffentlichen Dienst, nach der Mütter erst einmal gelobt werden müssen, bevor man ihnen eine Absage schickt?“ Als Direktorin 2 und Direktor 3 aber ähnliche Dinge äußerten und statt der Absagen Zusagen kamen, begann ich nachzudenken. Warum war plötzlich das, was mir jahrelang als Einstellungshandicap erklärt wurde, plötzlich ein Vorteil? Lag das am Arbeitsort Schule? Und warum zum Teufel ist die Wirtschaft bis heute nicht in der Lage zu erkennen, dass es Frauen gibt, die arbeiten können und wollen? Vielleicht nicht bis 20 Uhr. Aber auch kein Mann ist in der Lage, 12 Stunden pro Tag konzentriert im Büro zu verbringen. Die Präsenzkultur in vielen deutschen Unternehmen ist pathologisch. Ebenso pathologisch ist die Familienpolitik der Frau, die mir manchmal vorkommt wie eine chinesische Grinsekatze. Da ist von Wahlfreiheit und dem Nebeneinander aller Familienmodelle die Rede; durch das Ehegattensplitting, arbeitnehmerunfreundliche Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen (wer bitte hat freitags mit 14.30 Uhr frei?), die dauerhaft beitragsfreie Mitversicherung der Ehepartner in der Krankenversicherung, durch Betreuungsgeld und nicht zuletzt durch eine Schulkultur, die ein Co-Teaching der Mütter erwartet, entsteht keine Wahlfreiheit, sondern ein Schieben bzw. Geschobenwerden in eine bestimmte Richtung: 400-Euro-Job, maximal 20 Stunden in Teilzeit, Altersarmut oder gar kein Job, weil alle nur die Kinder sehen und nicht die Arbeitskraft dahinter? Nur: wie kommt man bzw. eher frau da raus? Wird sich das Problem von allein lösen, allein durch die Demographie? Sollte man ein Schwarzbuch aller Unternehmen anlegen, die Frauen mit Kindern unter fadenscheinigen Begründungen kündigen, auf popelige Stellen versetzen oder gar nicht erst einstellen? Bringen Gesetze zur Wiedereingliederung ins Arbeitsleben Erfolg? Wäre eine vernünftige Kinderbetreuung eine Lösung, oder sollten wir endlich mal aufhören, unser ganzes Leben nach dem Willen der Wirtschaft auszurichten? Ich gebe zu: ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann. Manchmal kann ich verstehen, dass junge Frauen in einem Land keine Kinder bekommen möchten, in dem qualifizierte Frauen beim Discounter Regale einräumen, eine Fortbildung nach der anderen besuchen und trotzdem keine Stelle finden und eine Scheidung für Frauen mit Kindern in den meisten Fällen Armut bedeutet, weil für sie die tolle Steuerklasse III natürlich nicht gilt und Vollzeitarbeit unmöglich ist. Zeit nicht für Gejammer, sondern einen #aufschrei. Und danach?

Das Mama-ABC

Nach einer Idee von mama-arbeitet.de, in einem Zustand der Geistlosigkeit zwischen Kuchen und Deutschbuch verfasst.

A wie angespannt. Bin ich manchmal, wenn ich mit drei Kindern Orte aufsuche, an denen man sich gut benehmen, ruhig sein und nicht kleckern darf. (nicht, dass sie das alles nicht könnten, nur der zweckpessimistische Murphy in mir verhindert, dass ich mit Kindern tiefenentspannt klassische Konzerte, Erwachsenengottesdienste und feine Restaurants besuche)

B wie Butter. In diesem Haushalt nicht nur als Geschmacksträger und Speisefett geschätzt, sondern auch zur Veredelung von Kleinkindlippen, Spiegeln auf Kinderhöhe, Türklinken und Wasserhähnen.

C wie Cello. Demnächst aus dem Zimmer des Großen zu hören. Mal schauen, wie es um die Übungsdisziplin bestellt ist.

D wie Dosenmilch. Mag hier niemand.

E wie Erbsenzählen. Eigentlich müsste ich die Lego-Sets der Kinder mal sortieren. Angesichts meiner nur begrenzten Lebenszeit entscheide ich mich im Zweifelsfall lieber fürs Eisessen.

F wie Fasten. Kann ich nicht. Liegt vielleicht daran, dass ich sowieso an der Grenze zum Untergewicht entlangschrappe. Fasten macht mich, auch nach mehreren Tagen, gereizt und müde und führt zu merkwürdigen Schwindelgefühlen.

G wie Gastlichkeit. Ich lade sehr gern Menschen zum Essen, Trinken, Lachen und Quatschen ein. Früher war das einfacher. Heute muss man alles organisieren.

H wie Hummus. Eines meiner Lieblings-Sommergerichte.

I wie Ich-Botschaften. Immer mal wieder zu hören, auch von den Kindern. „Ich möchte das nicht!“ „Mir geht das jetzt zu weit!“ „Bei mir kommt das jetzt so an, als ob …“ Ich-Botschaften machen niemanden zum Egoisten, aber viele Aussagen verständlicher.

J wie Jugend. Die Zeit, in der man selten zufrieden mit sich und seinem Leben ist, obwohl man von außen oder rückblickend betrachtet allen Grund dazu (gehabt) hätte.

K wie Krieg. Nicht hier. Aber wie wäre es, wenn alles anders wäre? Janne Teller hat ein Buch darüber geschrieben. Ein aufrüttelndes Gedankenexperiment.

L wie Liebe. Ein verrücktes Ding. Lässt so ziemlich alles ertragen. Manchmal nicht so robust, wie sie ausschaut. Man muss gut auf sie achten.

M wie Maaaamaaaaa. Bevorzugt dann mit großem Impetus vorgetragen, wenn man sich für 30 Sekunden allein in einer sanitären Einrichtung bewegt, ein ernsthaftes Telefonat führen möchte oder sich gerade wichtige Dinge zu merken versucht. Satzeinleitung, der bevorzugt verklausulierte Imperative wie „kannst du mal …“ oder Fragen wie „wo ist mein/e …“ folgen, die zum unmittelbaren Handeln auffordern.

N wie Nase. Bei Schulkindern meist sauber geputzt und ohne Schnodder. Schön, wenn man nicht mehr jeden Schnupfen des Kindes auftragen muss.

O wie Ostsee. Seit der Frühlingsurlaub in meterhohem Schnee und Eis endete, stehe ich mit der Region im Osten Deutschlands etwas auf dem Kriegsfuß. Für mich seit April 2013 der südliche Ausläufer Sibiriens.

P wie Papa. Für die Kinder der Mann, der abends nach Hause kommt und arglos Dinge erlaubt, die ich wenig vorher verboten hatte (so die Eltern vorher nicht die Gelegenheit hatten, sich abzusprechen) Ansonsten: Wenn er da ist, das Pendant zu „Maaamaaaa!“ Für mich: Lebenselixier.

Q wie Quark. Mag ich nur in der Sahnevariante und eingebacken in Kuchen. Ansonsten bekomme ich beim Verzehr Gänsehaut am Rücken. Ob das als allergische Reaktion gilt, wage ich zu bezweifeln.

R wie Rosa. Eine Phase im Leben fast aller Mädchen. Wächst sich ab Kleidergröße 104/110 aus.

S wie Suppen. In pürierter Form eine der besten Tarnungen für kleinkindliche Gemüse-Aversionen. Große Kinder essen Gemüse auch, wenn man Farbe, Geruch und Gestalt auf dem Teller eindeutig identifizieren kann.

T wie Tee. Irgendwie nicht so meins. Ich schätze, ich bin zu ungeduldig. Manchmal, im Winter, in Form von aromatisiertem Rooibos-Tee dann doch ganz lecker.

U wie Ungeduld. Ich arbeite daran. Ebenso am Aushalten von Unsicherheit. Die Us sind mir unheimlich. Uuuu …

V wie Vase. Gibt es hier im Haushalt nicht genug. Und die, die es gibt, riechen im Inneren manchmal gar nicht lecker. Auch wenn ich sie nach der Nutzung mit heißem Wasser ausspüle.

W wie Wut. Auch bei und mit großen Kindern ein Thema. Die Art und Weise, damit umzugehen, ändert sich, und ich bin froh darüber. Wütende Kleinkinder auf Bürgersteigen in Verbindung mit neugierig schauenden Passanten erzeugen nämlich wiederum A wie Anspannung.

X wie Xylophon. Weil Kinder es oft malträtieren, bin ich manchmal erstaunt, welch schönen Klang ein geübtes Spiel auf dem Instrument erzeugen kann.

Y wie Yacht. Habe ich nicht. Stattdessen drei Kinder. Ich bin ein glücklicher Mensch.

Z wie zuckerfrei. Leben wir nicht. Auch nicht low-slow- oder sonstwie karb. Manchmal frage ich mich, ob ich eines Tages der letzte Mensch sein werde, der noch Kuchen mit Zucker backt. Vielleicht sollte ich mal ein paar Packungen auf Vorrat kaufen, bevor der Gesundheitsminister eine Genusssteuer darauf erhebt.

 

 

Danke fürs Aufschreiben

Ausgerechnet die WELT wartet mit einem recht lesenswerten Artikel zum Thema Ganztagsbetreuung – eine Mogelpackung auf, den ich nur unterschreiben kann. Mit Kindern im Kindergarten lässt sich prima arbeiten. Qualifizierte Schulkindbetreuung ist hingegen Mangelware. Und so hat man die Wahl zwischen drittklassigen Aufbewahrungsanstalten („Müssen deine Eltern wirklich arbeiten? Ach du armes Ding!“), zeitweiligem Alleinlassen der Kinder am Nachmittag mit Mikrowelle und Handy und der Suche nach einer qualifizierten Kinderfrau.

Subjektiv: Eindrücke

Seit zwei Tagen habe ich Ferien. Das liegt daran, dass die Elternzeitvertretung, die ich übernommen habe, genau eine Woche vor den Ferien endet. Mit allen Konsequenzen, als da wären: kein Geld in den Ferien, kein Versicherungsschutz usw … Egal, darüber wollte ich nicht klagen, schließlich habe ich ab September eine feste Stelle. Was in mir nachklingt, ist der Kontrast zwischen den Schulen, die ich erlebt habe, und den Kindern, die sie besuchen. Meine Ausbildung am Gymnasium im ländlichen Raum, Kinder und Jugendliche, die ohne materiellen Mangel aufwachsen, durch ihre Familie ein hohes Maß an Leistungs- und ein doch immer noch ausreichendes Maß an Wertebewusstsein mitbringen, die Möglichkeit, in den Unterrichtsstunden nicht nur ein paar soziale und methodische, sondern eben auch kognitive Lernziele zu erreichen, sprich neben der Erziehungs- auch Bildungsarbeit zu leisten. Im Gegensatz dazu die Gesamtschule: Weil alle Haupt- und Förderschulen der Umgebung nach und nach dichtgemacht haben, ist dort ein Gleichgewicht verschiedener Leistungsniveaus gar nicht mehr gegeben – d.h. eine Alibi-Inklusion mit nicht mehr Lehrerstellen als vorher. Die Ergebnisse kann man sich ausmalen: frustrierte Lehrer, die von einem Tag auf den anderen wochenlang fehlen, Klassen, in denen kaum noch jemand von den Leistungsstärkeren lernen kann, weil alle der Förderung bedürfen, die aber wiederum nicht geleistet wird, weil (s.o.) das nötige Personal fehlt. Kinder, die von ihren Eltern aufgegeben wurden, die mit Chipstüten und Colaflaschen bewaffnet in die Schule kommen, manchmal arg ungeduscht, häufig ohne Schulsachen. Kaputte Tische und Stühle, Steckdosen, deren Innenleben aus den Wänden quillt, und immer wieder Gewalt. Auf dem Schulhof, vor der Schule, nach der Schule. Der örtliche Polizist ist fast wöchentlich in der Schule. Er ist gelassen und tut, was er kann. In meinem Sprachförderkurs sitzen Kinder, die sich nur rudimentär in der Sprache ihres neuen Heimatlandes verständigen können. Was mich bedrückt ist vor allem, dass sie nirgendwo zu Hause sind. Sie kennen weder die Feiertage ihres ursprünglichen Kulturkreises noch die ihres neuen. Wie kann man sprachlich und kulturell völlig entwurzelt leben? Ist da eine riesige Frustration nicht beinahe vorprogrammiert? Und mittendrin die Lehrer. Beim Erarbeiten von Regeln und Beharren auf Konsequenzen. Beim Reden, Erklären, Scheitern, bei Telefonaten mit Eltern. Mütze ab, Kaugummi raus, brennende Papierflieger aus dem dritten Stock stoppen, Schulsachen beim Klingeln auf den Tisch legen, Tisch von obszönen Schmierereien befreien. Schülergespräche wegen antisemitischer Äußerungen, Sachbeschädigung, Mobbing. „Weißt du“, seufzt eine Kollegin, „eigentlich hätte ich mir das mit dem Fachstudium auch sparen können. Eine solide Erzieherausbildung hätte völlig gereicht. Zumindest bis zur zehnten Klasse.“ Danach nämlich wird es besser. Die Schüler, die sich entschließen, ihr Abitur zu machen, tun es aus freien Stücken. Weil sie es können und weil sie es wollen. Nicht so sehr, weil ihre Eltern sie dazu drängen. Und da gibt es Traumkurse: intrinsisch motiviert, sehr gut mitarbeitend, in voller Verantwortung für den eigenen Lernprozess. Und ich freue mich: sehe, wie viele Jugendliche mit Migrationshintergrund im Kurs sitzen, höre von ihren Studienplänen und denke: genau so muss gelungene Integration aussehen. Leider bleiben 8 bis 9 von 10 auf der Strecke. Das Ganze soll kein Jammerpost werden, und ich weiß, dass Gymnasium nicht Gymnasium und Gesamtschule nicht Gesamtschule ist – wobei auch das ein Grund zum Jammern wäre: warum sind unsere Bildungseinrichtung nach Stadtteil, Einzugsgebiet, Leitung u.ä. so unterschiedlich? Und: ist Schule nicht der einzige Ort, an den man so etwas wie Bildungsgerechtigkeit herstellen könnte? Wenn man aber gar nicht zum Bilden kommt, weil die sozialen, die sprachlichen, die emotionalen Defizite mit dem vorhandenen Personal nicht ausgeglichen werden können? Wenn Klassenfahrten ausfallen müssen, weil 80% der Kinder die 100 Euro nicht zahlen können und sich niemand (Stadt, Land, ARGE) in der Lage sieht, einen Zuschuss zu leisten? Wenn Fünftklässler „Das doppelte Lottchen“ für einen Porno halten? Die meisten kein Lieblingsbuch, dafür aber eine Playstation oder einen eigenen Fernseher im Zimmer stehen haben? Aus Sicht Außenstehender jammern Lehrer gern. Manchmal jammern sie auch gern auf hohem Niveau. Ich hätte mich in den letzten Wochen gern neben manche Schüler gesetzt und geweint. Aus Mitleid über ihre verfahrene Situation. Weil ich nicht wusste, wo ich anfangen und wo aufhören sollte mit der Arbeit. Weil ich mich ernsthaft gefragt habe, ob Schule zu 100% in der Lage ist, einen Ausgleich für verfahrene Erziehungsarbeit in Familien zu leisten, wenn das Ideal der Erziehungspartnerschaft auf Elternseite dadurch angekratzt wird, dass Lehrer als natürliche Feinde gelten, jedes Schuleschwänzen mit fadenscheinigen Entschuldigungen toleriert wird, Erziehungsmaßnahmen wie Ausschluss aus dem eigenen Unterricht und stundenweise Beschulung in der Parallelklasse als völlig überzogen gewertet werden usw … Bildung ist etwas, das man nicht braucht. Leistungsmotivation, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz wird völlig überbewertet. (Die Geissens haben schließlich auch völlig ohne Karriere gemacht.) Das Ganze lässt mich hilflos und mit großen inneren Fragezeichen zurück. (passend dazu vor einigen Wochen der ZEIT-Artikel „Die Straße der Ungerechtigkeit„, auch hier steht am Ende neben kleinen Erfolgen das große „Hmm“)

Akku leer

Aber sowas von. Und die nächste Steckdose weit entfernt. Nach Referendariat, Jobsuche, kurzfristigem Wechsel, Vertretungsunterricht, kurzfristiger Übernahme noch einer Schwangerschaftsvertretung, der zwar sehr netten, aber zeitraubenden Idee, an diversen Schulbüchern mitzuarbeiten und dem üblichen Eigene-Kinder-Schuljahres-Endzeitwahnsinn (als da wären: wir feiern gemeinsam einen grünen Abend, bitte bringen Sie grünes Essen mit, wir übernachten in der Schule, bitte erscheinen Sie morgens um 08.00 Uhr zum Frühstück, wir wandern von X nach Y, Sie können uns gern begleiten, könntest du am Montag die Nachprüfung übernehmen, die Frau X hat ihren freien Tag, wir feiern ein Turnfest, bitte melden Sie sich als Freiwillige, wir würden Sie gern einladen zu unserem Klassenfest, magst du vielleicht mal über die Homepage gucken, auch wenn du jetzt nicht an dieser Schule arbeitest, bitte kommen Sie schon mal zum Elternabend Ihrer zukünftigen Klasse, es wäre schön, wenn Sie im Planungsausschuss für den Auslandsaufenthalt für das kommende Schuljahr mitwirken könnten, kommen Sie doch zum Sommerfest, bitte, danke, uns ist ein Autor abgesprungen, möchtest du nicht bis nächste Woche noch etwas über Spracherwerbstheorien schreiben, die Kinder sind zu Geburtstagen eingeladen und die Geschenkekörbchen stehen in Spielwarenläden quer durch die Bundesrepublik verteilt.) Ich mag nicht mehr. Mein Kopf brummt, und meine Seele leidet unter einem mentalen Jetlag. Meine Sehnsucht danach, einfach nur zu sitzen und zu schauen, egal ob in die Sonne oder in den Regen, wächst von Tag zu Tag. Welcher komische Mensch hat die Ferien eigentlich so spät in den Sommer verlegt?

Von Kindern und Büchern

Meine Kindheit ist geprägt von Büchern. Seit ich lesen kann, versinke ich gern in Buchstaben und vergesse die Welt um mich herum, lerne neue Menschen, andere Zeiten, ferne Räume kennen. Lesen war ein Stück weit Flucht vor meiner alkoholkranken Mutter, meiner zerrütteten Familie, und wohl gleichzeitig das Sprungbrett in etwas gänzlich Neues. Als ich die Bücher der kleinen Pfarrbücherei durchgearbeitet hatte, las ich mich durch die Bücherregale der Cousins und Cousinen. In meiner Familie fehlte das Geld und Bewusstsein dafür, dass Bücher Seelenleben retten können. Für unsere Kinder ist es selbstverständlich, dass überall Bücher stehen, sitzen und liegen, aufgeschlagen, gestapelt, gerade und schief in Regale gestellt, auf Fensterbänken im Badezimmer, manchmal auch im Gartenhaus vergessen. Oder im Auto. Das große Kind verschwindet mit einem guten Buch manchmal für Stunden in seinem Zimmer, und das kann auch schon mal ein gut aufgemachtes Schulbuch sein. Das mittlere Kind liest seit ca. einem halben Jahr, momentan noch vorzugsweise Bibi Blocksberg und Co., ansonsten liebt es Hörspiele. Das kleine Kind wiederum ist wie das große Kind – ohne lesen zu können, kann es sich ausdauernd mit Bilderbüchern beschäftigen, das rettet so manchen frühen Sonntagmorgen. Heute, als wir ins Auto stiegen, erklärte es mir: „In unserem Auto kann man wohnen!“ Mir leuchtete nicht ganz ein, warum wir als fünfköpfige Familie in einem Renault Kangoo wohnen sollten. Das Kind deutete auf drei vergessene Bücher auf der Rückbank und sagte: „Na, hier gibt es doch Bücher!“ Seit ein paar Wochen habe ich den Sprachförderkurs einer schwangeren Kollegin übernommen. Weil ich nicht nur Grammatik und Rechtschreibung üben wollte, habe ich die Kinder gebeten, dass sie abwechselnd am Anfang der Stunde ihr Lieblingsbuch vorstellen und eine besonders schöne/witzige/traurige/wichtige Textstelle daraus vorlesen. Könnt ihr euch denken, wie es ausging? Nur vier von dreizehn Kindern haben überhaupt ein Lieblingsbuch. Darunter befand sich eines für Leseanfänger aus dem zweiten Schuljahr, ein anderes Kind las einen Comic vor.  Ja, ich hätte es wissen müssen: Die Zeit, die Kinder mit Büchern verbringen, nimmt kontinuierlich ab. Klar, Kinder lesen woanders. Im Internet beispielsweise. Aber ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, sagt Frau Kreis, und stampft trotzig mit den Füßen auf, schleppt Kinderbücher in die Schule, liest vor, leiht aus und freut sich über jede neue Freundschaft eines Kindes mit einem Buch.

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