Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: August 2013

in memoriam

Wolfgang Herrndorf. Sein Tod war für die Leser seines Blogs absehbar und erschüttert mich trotzdem. Selten ist mir ein Jugendbuch wie „Tschick“ in die Hände geraten, das so erfrischend unpädagogisch und authentisch daherkommt. Selten lesen schwache Schüler ein ganzes Buch bis zum Ende durch. Bei „Tschick“ war es der Fall. Selten auch hatte ich das Bedürfnis, ein Buch mehr als einmal zu lesen und darin alles Mögliche zu finden: Trost, Lachen, Weisheit, Aufrichtigkeit. Vom prallen Leben zu schreiben mit dem Tod im Auge.

 

Der halbe Hase

Katerchen

Seit drei Wochen sind wir stolze Katzeneltern. Lange hatten wir die Kinder vertröstet: wenn das Referendariat vorbei ist, darf eine Katze bei uns einziehen. Und wozu eignen sich Ferien besser, als Tierheime abzuklappern, sich Katzen anzuschauen, traurige Geschichten zu hören und schließlich eine mit nach Hause zu nehmen. Lenni heißt unser Jungkater, er wurde uns als langmütiger, familientauglicher Kater vorgestellt, der leider von den anderen Katzen im Tierheim gemobbt würde und darum dringend ein neues Zuhause bräuchte. Die Kinder riefen: „Wir retten dich, Katerchen!“, und das Schicksal Lennis war besiegelt. Das Tierheim hat nicht zu viel versprochen. Unser neues Familienmitglied ist äußerst pflegeleicht, sehr verschmust und äußerst mitteilsam. Obwohl der Mann, als wir uns kennen lernten, eine Katze hatte, bin ich erstaunt über die Vielzahl an fragenden, sagenden und klagenden Mauzgeräuschen, die das Katerchen von sich geben kann.

Seit einer Woche nun darf Lenni tagsüber in den Garten. Und geht auf die Jagd. Mäuse, Libellen, Motten, Ameisen, Kellerasseln. So weit, so gut. Gestern Abend aber, da hat er unser Abendessen gesprengt. Das jüngste Kind, das mit Blick auf die Terrassentür am Tisch sitzt, schrie entsetzt auf und zeigte Richtung Tür. Das Mittelkind brach umgehend in Tränen aus und flüchtete unter die Decke aufs Sofa. Das größte Kind ward leichenblass. Die Eltern schauten Richtung Fenster. Da stand der Tiger und aus seinem Mund schauten zwei plüschige Beine und ein Stummelschwänzchen. Oh my God. Mein erster Impuls war: Raus mit dem Hasen aus dem Maul. Während der Mann dem Tiger seinen Futternapf füllte, knöpfte ich ihm den Hasen ab und stellte dabei fest: es war nur ein halber und noch winzig kleiner Hase. Und so säuberlich durchtrennt, dass es mich gruselte. Ziemlich. Aber auch halbe Hasen haben einen würdevollen Abschied verdient, und so beerdigten wir das Hasenkind unter vielen Tränen. Essen mochte danach niemand mehr. Als wir darüber nachdachten, wo um alles in der Welt der Kater halbe Hasen findet, fiel uns ein, dass die Wiese hinter dem Haus vor kurzem gemäht worden war. Vermutlich war das Hasenkind Opfer einer Mähmaschine geworden. Frage ist nur: wo ist die andere Hälfte hin? Bekommen wir die in den nächsten Tagen geliefert? Und irgendwie will mir diese Hasenhälfte nicht mehr aus dem Kopf. Uaaaah …

Mir ist langweilig …

… nein, nicht im Wortsinne. Ich müsste noch zwei Schulbuchkapitel schreiben, den Unterricht vorbereiten (wenn ich denn mal meinen Stundenplan hätte), den Keller aufräumen und so weiter. Aber digital ist mir langweilig. Aber so was von. Redet ja keiner mit mir. Nicht auf Facebook, nicht im Blog, nicht auf Skype. Vielleicht sollte ich meine digitale Existenz einfach aufgeben und einfach nur noch analog weitermachen, etwa so:

Im Zweifelsfall: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Das jüngste Kind sagt abends irgendwann seufzend: Vielleicht müsst ihr mir doch mal in der Apotheke ein SCH mitbringen (man muss dazu wissen: das jüngste Kind hat noch ein kleines Problem, das SCH deutlich auszusprechen). Da das Kind mit einer sehr speziellen Art von Humor ausgestattet ist, hatte ich zunächst keine Hintergedanken. Als wir das nächste Mal in die Apotheke gingen, fragte das mit einem sehr guten Gedächtnis ausgestattete Wesen, ob wir nun bitte ein SCH kaufen könnten. Der Apotheker verneinte lächelnd. Draußen, nach einem kleinen Gespräch mit dem Kind, ging mir ein Licht auf. Es hatte Apotheke und Logopäde verwechselt. (aus der Rubrik: Die abenteuerliche Verwendung von Fremdwörtern bei Vierjährigen)

Heute vor 52 Jahren

13. August 1961 – Bau der Berliner Mauer. (Ein Klick führt zu fundierten Hintergrundinformationen sowie Audios und Videos)

Was mich erschüttert: Das jüngste Kind war gerade mal ein Jahr älter als unser Größter.

Mit dem Internetz verheiratet …

… bin ich quasi. Und das jetzt schon seit mehr als 10 Jahren. Ich vergesse es nur ab und an. Als ich gestern auf der Suche nach einem ganz anderen Dokument einen Ordner durchwühlte, fiel mir unser erster gemeinsamer Mietvertrag in die Finger. Die für die Formalitäten zuständige Sekretärin, die mit dem Beruf des Mannes („Web-Producer“) damals herzlich wenig anfangen konnte, änderte nämlich kurzerhand seine Berufsbezeichnung im Mietvertrag in „Webbrowser“. Mittlerweile ist der Mann kein Webbrowser mehr. Es war ihm einfach zu anstrengend, ganz allein für alle User die schier undurchdringbaren Datenberge zu durchforsten und im Nullkommanichts eine Benutzeroberfläche zu generieren.

 

Diskriminierung, aber sowas von …

Ich sitze und schäume. Hintergrund ist die Ablehnung meiner Verbeamtung. Ich habe das Pech, bei Prüfung genau 6 Monate über der Höchstbeamtungsgrenze von 40 gelegen zu haben. Hätte ich 2010 mein Referendariat zu Ende geführt und nicht abgebrochen, wäre alles kein Problem gewesen. Nun muss ich akribisch für jeden Monat meines Lebens darlegen, dass ich meine Kinder halbtägig betreut und immer nur unterhälftig gearbeitet habe, denn Kindererziehungszeiten werden nur angerechnet, wenn man täglich nur vier Stunden gearbeitet hat. Leider habe ich keine Belege mehr aus der Zeit vor der Jahrtausendwende, und ich weiß nicht mehr, ob es 20 oder 25 Stunden waren, für die ich damals bezahlt wurde. Die Rechnungen mit Projekten aus jener Zeit, an denen ich gearbeitet habe, gelten nicht, weil keine Stunden darauf stehen, sondern nur vereinbarte Endsummen für Lektorate, Artikel u.ä.

Ideal wäre es nach Gesetz, ich hätte überhaupt nicht gearbeitet. Dummerweise hatte ich damals mit Kind 1 und 2 nicht die Möglichkeit, nicht zu arbeiten, ich hätte Hartz IV beantragen müssen, um zu überleben. Meine Herkunftsfamilie ist arm, hat mich finanziell nie unterstützt und mein Mann hatte seinen ersten Job gestartet. Ich habe die Familie mit meiner Arbeit unterstützt. Genau das wird mir jetzt zum Verhängnis. Und noch blöder: das Archiv der Uni hat meine Personalakte vernichtet, und mein altes Unternehmen ist aufgelöst. Und da ich nicht nachweisen kann, dass ich mit drei kleinen Kindern nur eingeschränkt gearbeitet habe, sitze ich wie ein Depp da und ärgere mich. Fühle mich doppelt diskriminiert, weil ich in der Wirtschaft mit den Kindern finanziell auf dem Abstellgleis gelandet bin und im öffentlichen Dienst wegen Arbeit in der Wirtschaft nicht verbeamtet und damit wesentlich mieser bezahlt werde. Wie bekloppt ist dieses Land? Und eigentlich kann man es immer nur falsch machen, wenn man Kinder bekommt.

„Zum Geburtstag …

… wünsche ich mir eine Dauerwelle!“, rief das größte Kind beim Abendessen aus. „Ich weiß, die hatte ich bei meinem achten Geburtstag, und das war ganz toll!“ Während ich überlegte, ob das größte Kind zu wenig gegessen oder getrunken habe und mich auf den Weg zum Medizinschrank machte, um das Fieberthermometer zu holen, fragte ich sicherheitshalber nach: „Kind, eine Dauerwelle, das ist etwas, bei dem man sich mit viel Säure und Chemie beim Friseur eine Lockenmähne machen lassen kann. Glaubst du, das macht Sinn, bei 3 cm kurzen Haaren?“ Das Kind insistierte: „Nein, nein, das war eine Dauerwelle zum Essen!“ Mir dämmerte, was er meinte. Na, was wohl?

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