Im Studium traf ich auf eine kluge Frau. Sie war Ärztin und viel herumgekommen in der Welt. Australien, Neuseeland, Kanada, Afrika. Manchmal gingen wir zusammen essen. Sie hatte eine interessante Art, Speisen und Getränke zusammenzustellen, und manchmal aß sie einen grünen Salat, manchmal eine Kalbshaxe, manchmal trank sie ein Wasser und manchmal ein riesiges Glas Hefeweizen. Sie las die Speisekarte, hörte in sich hinein, bestellte, genoss. Irgendwann erklärte sie mir, die beste Ernährungsform sei, genau das zu essen, was einem der Körper in der jeweiligen Situation vorschlage. Eigentlich banal, aber irgendwie auch nicht. Schon gar nicht für jemanden, der Jahre seines Lebens damit verbracht hat, Kalorien zu zählen und den Genuss gegenüber einem vermeintlichen Idealgewicht hinten anzustellen. Ich habe mich mühselig von mir im Nachhinein merkwürdig erscheinenden Ernährungsphilosophien gelöst. Meine Kinder haben diesen Vorgang beschleunigt, denn mit ihnen habe ich gelernt, in mich hineinzuhören. Essen ist so viel mehr als nackte Nahrungsaufnahme. Essen spendet Wärme, beruhigt, macht wach oder schläfrig, stimmt glücklich und tröstet. Nun werden mich Ernährungswissenschaftler steinigen und sagen, seht her, genau aus dieser Haltung resultiert Übergewicht. Stimmt aber nicht. Auch eine warme Gemüsesuppe tröstet ungemein. Ein Rohkostsalat, wenn ich durchgefroren mit den Kindern heimkehre, mag ernährungsphysiologisch sinnvoll sein, aber er wärmt nicht meine Seele. Manchmal sehe ich meine Kinder, wenn sie strahlend und mit roten Wangen vor dampfenden Tellern sitzen und von Gott und der Welt reden. Ich sitze gern gemeinsam mit ihnen am Tisch, zwischen uns schokoladige Brownies oder buttriger Streuselkuchen. Es gibt aber auch Tage, da wird ein Apfel nach dem anderen zerteilt, die Kinder häufen Mandarinenschalen auf den Tisch und ernähren sich von Gurkensalat mit Joghurtsoße. Und ich habe manchmal ein großes Bedürfnis nach Fleisch. Rindergulasch mit Orange und Paprika zu Weihnachten, Königsberger Klopse am Sonntag. Mein Bauchgefühl sagt, vollständig vegetarisch leben kann ich nicht.

Niemand von uns hat Gewichtsprobleme. Und wenn es so etwas wie Grundregeln gibt, dann nur die, dass die Mehrzahl unserer Nahrungsmittel nicht weit gefahren und so unbehandelt wie möglich sein sollte. Dass die Tiere, die ich esse, ein Leben haben sollten, bevor sie sterben. Dass die Eier und die Milch, die ich konsumiere, ein Wert an sich sind. (Dafür, nicht jeden Dreck zu essen, verzichte ich auf den Zweit- und Dritturlaub mit Flugzeug.)

Will eigentlich nur sagen: der Körper sagt, was er braucht. Leider ist es im Getöse der Lebensmittel(industrie) und in Anbetracht verschiedener Ernährungslehren, die wie goldene Kälber alljährlich neu (und gern zum Jahresbeginn) durchs mediale Dorf getrieben werden, manchmal schwer, seine Stimme zu hören. (Supermarktabstinenz wirkt da manchmal Wunder ;-)) …