Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Januar 2014 (Seite 1 von 2)

Geht wählen, Kinder ;-) …

Neulich hörte ich einen Radiobeitrag zur Altersstruktur der Wähler, die die große Koalition gewählt haben. Die Bundestagswahlen, so hieß es, seien durch die Generation 60+ gewonnen worden, weil diese Generation wählen gehe, immer mehr werde und die Jüngeren noch dazu seltener zur Wahl gingen. Die jüngere Generation hätte mehrheitlich grün gewählt. Mich stimmt diese Entwicklung nachdenklich mit einem kleinen Hang zur Empörung. Stellt die Regierung angesichts der rasanten demografischen Wandels noch ein valides Abbild des Wählerwillens dar? Und schafft man mit Wahlgeschenken wie der Absenkung des Rentenalters für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht wiederum Realitäten, die auf Kosten der jüngeren Wähler gehen, die diese Regierung wiederum mehrheitlich gar nicht wollten? Wäre es  nicht allmählich Zeit,

a) das Wahlalter generell auf 16 Jahre abzusenken und

b) ein Familienwahlrecht zu schaffen?

Wie denkt ihr darüber?

 

Besichtigen, Privatsphäre und so weiter

Heute war im Hause Kreis Tag der offenen Tür. Die Maklerin, die unseren Hausverkauf betreut, hatte im Halbstundentakt Hauskauf-Interessenten eingeladen. Darunter gab es Menschen, mit denen ich mich auf Anhieb verstand, die sich in die große Linde im Garten verliebten, verträumt aus der Dachgaube schauten, von Amselnestern schwärmten und am liebsten gleich unter die Regendusche im Bad geklettert wären. Solche auch, die ankündigten, am liebsten drei oder mehr Kinder haben zu wollen (oder schon zu haben, nur eben bei Oma geparkt). Bei anderen wiederum dachte ich „herrje“ oder wahlweise „Finger weg!“. Ehrlich, wenn Sie ein Haus besichtigen, öffnen Sie mal nebenbei Schränke, prukeln Löcher in Tapeten oder versuchen eine Fußleiste hochzuziehen, ohne zu fragen „Darf ich mal?“ Gehen Sie davon aus, dass Waschmaschine und Trockner beim Hauskauf in der Wohnung verbleiben? Fragen Sie ungehemmt, ob die Nachbarn auch so gern und laut feiern wie Sie? Und besichtigen Sie Häuser auch in Gruppen mit acht und mehr Mitgliedern (Nein, keine Kinder, dafür hätte ich ja noch Verständnis, nein, Oma, Opa, Tante, Onkel, Freund der Familie)? (ja, da wirkt die Doppelhaushälfte auch mit ihren 140qm etwas eng)

Es ist spannend zu beobachten, dass manche Paare eine halbe Stunde darüber diskutieren, wo die Schmalseite des Ehebettes zum Stehen kommen soll, und ebenso spannend, dass manche Männer aufblühen, sobald es in den Keller geht. Da läuft jemand 30 Minuten schweigend durchs Haus, sagt nur „hmmm, ja“, wenn seine bessere Hälfte ihm etwas zeigt, und kaum öffnet sich die Kellertür, geht ein Strahlen über vieler Männer Gesicht. „Boah, was für ein Keller!“, „Eine Heizung. Ein Schaltkasten für die Elektrizität!“ Nun sitzen der Mann an meiner Seite und ich erschossen auf dem Sofa und fragen uns, ob Sympathien gleichzusetzen sind mit Kaufinteressen. Und wen wir im Falle eines Falles am liebsten im Haus hätten.

Am besten gefallen hat mir dabei eigentlich der geschäftstüchtige Vierjährige, der sich vor mir aufbaute und sagte: „Also, dein Haus, da müssen meine Eltern drüber beraten! Aber ich möchte den Spielplatz da draußen kaufen (zeigt auf Garten mit Rutsche, Schaukel und Sandkasten). Was kostet der? Und hast du ein paar Kekse für mich?“

 

Tschakka!

„Wir können Ihnen die Mitteilung geben, dass die Verbeamtung noch vorgenommen werden kann. In Absprache (….) werden Sie mit Wirkung vom 01.03.2014 in einem Beamtenverhältnis auf Probe weiterbeschäftigt werden.“

call me Spießer – ich freu  mich trotzdem!

Dieses Bauchgefühl …

mancher Momente … irgendwo zu stehen und zu denken: „Dass ich jetzt hier bin und das, was ich mache, das ist gut. Und es hat einen Sinn“, dieses Bauchgefühl tut gut und macht ruhig, zufrieden und beflügelt. So fühlt sich Glück an. Im Augenblick, ganz im Kleinen, nicht immer von Dauer, aber allein zu wissen, dass es diese Momente gibt, dafür lohnt es sich zu leben.

Maßnahmen zur Entschleunigung

Ungeordnet und stichpunktartig aufgelistet:

– abends alle Brote schmieren und am nächsten Morgen stattdessen zehn Minuten Zeit für einen Milchkaffee mit Frühstückbrot nehmen.

– das Gespräch mit dem Kollegen zu Ende führen, auch wenn ich zwei Minuten zu spät in den Klassenraum komme.

– wenn die Pause wegen Pendelns zwischen Schulstandorten ausfiel, an den Anfang der Stunde eine zweiminütige themenorientierte Murmelphase stellen, das führt die Schüler zurück zum Stoff und mir gibt es Zeit, Luft zu holen.

– delegieren. delegieren. delegieren.

– darauf achten, dass 60 Minuten am Tag nur mir und dem Mann an meiner Seite gehören.

– im größten Chaos ein Bilderbuch vorlesen.

– Abstand vom Perfektionismus nehmen (und sich nicht dafür entschuldigen!)

– einfach mal nach Schulbuch unterrichten

– immer wieder: Einatmen und ausatmen 😉

– Dinge nicht tun

– einer Putzfee diejenigen Dinge überlassen, die einen selbst an den kostbaren Wochenendstunden fast zum Wahnsinn treiben

– nicht jede pädagogische Entscheidung hinterfragen, weder zu Hause noch in der Schule

– AGs schwänzen

Ein Rechenexempel aufstellen: Bei 28 Unterrichtsstunden, vier Präsenzstunden Schule pro Woche (Konferenzen, Kollegengespräche, Material kopieren u.ä.), zwei Korrekturfächern, zehn Tagen Exkursion Klassenfahrt pro Jahr, Elterntelefonaten und Co. bleiben bei einer fiktiven 42-Stunden-Woche mit 30 Tagen Urlaub im Jahr (Maßstab eines durchschnittlichen Arbeitgebers) im Schnitt 10 Stunden Zeit für Unterrichtsvorbereitung pro Woche. Das ist wenig – ich staune darüber. Konsequenz könnte entweder sein: permanent Überstunden machen oder aber ökonomisch planen. Ich übe mich in letzterem. Gerade wieder auf Kosten des Samstags, aber dafür mit entspannteren Wochentagen.

– den Sonnenschein genießen, die Vögel singen hören und sich auf den Frühling freuen. Irgendwann wird er kommen.

 

Für schlechte Zeiten II

Freitagmorgen, erste Stunde. Wir erarbeiten anhand von Rio Reiser und den Prinzen den Konjunktiv II. Schön, dass sich in Liedtexten so viele Konjunktive verbergen, die vom Wünschen und Wollen handeln. Ich habe keine differenzierenden Arbeitsblätter mitgebracht, sondern setze auf interne Helfersysteme, strukturiertes Arbeiten und meine Wenigkeit als Lehrer. Einer meiner I-Schüler, der ansonsten mit der Grammatik auf dem Kriegsfuß steht, läuft mitten in der Stillarbeitsphase strahlend nach vorn und ruft: „Frau Kreis, Frau Kreis, kann man den Sinn vom Konjunktiv II eigentlich als so was wie den kleinen Bruder des Futur bezeichnen?“

Einen Moment lang bin ich platt, denn der Junge hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Von der Form her Präteritum, von der Bedeutung her Zukünftiges, noch nicht Seiendes. Und das mit dem kleinen Bruder des Futur, das merke ich mir. Und denke, daraus sollte ich viel öfter meine Lebenszufriedenheit speisen.

Diese Dunkelheit …

… soll bittedanke mal zu Ende sein. Ich mag den Winter nicht. Schon gar nicht, wenn er wie ein verkappter Frühling daherspaziert. Und ich hasse es, morgens im Stockdüstern zur Arbeit zu fahren, über dunkle Schulhöfe und durch dunkle Gänge zu schleichen, ich mag es nicht, in Klassen mit Neonlicht zu stehen und ich mag es nicht, wenn es um halb fünf schon wieder dämmert. Mir schlägt der Winter aufs Gemüt. Schokolade, Kerzen und Punsch helfen da auch nur bedingt. Ich will Sommer. Oder Frühling. Oder wenigstens Schnee, auch der hellt die Landschaft auf. Und da wir eh gerade dabei sind, irreale Konditionalgefüge zu üben:

„Wenn ich einmal reich wär'“ – ich zöge im Winter in den Süden. Im November führe ich los  und irgendwann Anfang Mai kehrte ich zurück. Eher hat in unseren Breitengraden eh keinen Zweck. „oje widi widi widi widi widi bum“ 😉

Für schlechte Zeiten

ein paar Momentaufnahmen:

1. und 2. Stunde: EF 1. Bildbetrachtung mit Oberstufenschülern kann richtig viel Spaß machen. Bei ihnen paart sich Intuition mit zunehmendem Wissen.

3. und 4. Stunde: EF 2. Faszinierend, dass zu Beginn der Moderne ähnliche Dinge diskutiert wurden wie in der Gegenwart. Fortschrittsglaube auf der einen, Zivilisationskritik auf der anderen Seite. Zitat einer Schülerin: „Und dann sitzen wir in den gut beheizten Wohnstuben der Großstadt und lesen die ‚Landlust‘, weil sie für uns ein Ort der Sehnsucht geworden ist. Und können doch nicht ohne Facebook, WhatsApp und Bananen ganzjährig.“

5. Stunde: Sechste Klasse. Kind 1: Was ist ein Philosoph? Kind 2: Das ist ein netter Mann, da kann man hingehen, wenn man z.B. ADHS hat. Der redet dann mit einem.

6. Stunde: Achte Klasse: Ein Mädchen lädt mich zu seiner Hochzeit ein. „Du darfst doch noch gar nicht heiraten!“ „Ja, ich weiß, aber ich bin so glücklich und ich dachte, bevor ich es vergesse.“ Nach der Stunde werde ich mit Fragen gelöchert: Welche Farbe mein Hochzeitskleid hatte, was für eine Rede, was für eine Kirche. Ach Mäuschen …

7. und 8. Stunde: Achte Klasse. Vollpubertät. Ich kündige meinen Vorsatz an, in diesem Jahr meine Stimme zu schonen, nur noch ganz leise zu sprechen und nur noch schöne Stunden mit ihnen verleben zu wollen. Klappt komischerweise erst einmal.  Möglicherweise denken sie jetzt, ich habe eine Meise oder habe ein Anti-Burnout-Training gemacht oder so. Fünf Minuten vor Stundenende meldet sich jemand, um freiwillig zu fegen.

9. Stunde: Eine Sonderpädagogin. steht. vor. mir. Möglicherweise fängt sie zum nächsten Halbjahr an, meine Klasse stundenweise zu begleiten. Ooooooh.

Ich sammle Farben für den Winter. Er könnte ja schon morgen wieder vor der Tür stehen.

Das Kabinett des Grauens

In meiner sechsten Klasse muss ich im Fach Geschichte mit einem Schulbuch arbeiten, bei dem sich mir in der täglichen Arbeit die Fingernägel aufrollen. Sowohl die Texte als auch das Bildmaterial wie die Aufgabenstellungen sind so grotesk, dass ich mich ab und an frage, ob bei der Erstellung jemand saß, der Shisha rauchte und dabei Lehrer zum Narren halten wollte. Beispiele gefällig?

a) „Die Ägypter fuhren mit Booten über den Nil. Aus der Herrschaft über das Wasser entwickelte sich die Herrschaft über die Menschen.“ Häh, wie? Und warum? Und herrschten am Ende die Boote über die Menschen?

b) Thema Mumifizierung: Aufgabenstellung „Wickelt euch von Kopf bis Fuß gegenseitig (sic!) in Toilettenpapier ein und spielt Mumie.“ (erstens weiß ich nicht, wie man als Mumie jemand anderen mumifizieren soll, zweitens ist das Papierverschwendung, drittens ist der Lernertrag gegenüber dem Aufwand zu vernachlässigen)

c) Wir lernen das Interpretieren von Schaubildern. Nun kann man wunderbare Schaubilder nutzen, beispielsweise zur Gründung von Städten im Mittelalter, zur sozialen Schichtung der Land- und Stadtbevölkerung, zur Verfassung des Römischen Reichs. Nein, alles Banane, wir üben das Lesen historischer (sic) Schaubilder an der Wasserverschmutzung der Emscher 2010. Im Geschichtsunterricht.

d) „Das Gebiet der Römer umfasste u.a. das heutige Jugoslawien“. Meines Wissens wurde Jugoslawien 2003 aufgelöst. Sollte man in der 10. Auflage 2010 vielleicht mal mitbekommen haben.

e) In Quellenangaben stehen Daten, die so nicht stimmen können, weil die betreffenden Philosophen mehrere hundert Jahre vorher starben.

f) Um einen bildhaften Zugang zum Thema zu gewährleisten, wurden zahlreiche Zeichnungen eingefügt. Diese Zeichnungen haben aber leider den Charakter von Wimmelbildern. Nun kann man Wimmelbilder recht gut beschreiben, weil sie meist Alltagssituationen darstellen. Wie man anhand eines Wimmelbilder ohne Zuhilfenahme von Texten/Textfragmenten die Gewinnung von Erz in der Metallzeit beschreiben soll, übersteigt selbst die Fähigkeiten verbal sehr ambitionierter Schüler.

g) Ganz zu schweigen von Zeitstrahlen, in denen die Proportionen nicht stimmen, methodischen Hinweisen, die ihren Sinn verfehlen, weil sie nicht zu den Inhalten passen – und diesen Kindernamen: Welche Kinder heißen bitteschön heute noch Ingeborg, Fritz, Peter, Sabine und Jörg?

Muaaah … (ich geh dann mal kopieren, zusammenkleben und kopieren)

Ich.will.das.nicht!

Die Textilarbeiterinnen in Bangladesch können nicht fair bezahlt werden, weil damit die Preise pro T-Shirt um hochgerechnet 10 Cent steigen könnten. Das können wir nicht leisten, weil der Verbraucher günstige Kleidung möchte.

Schweine, Hühner und Puten können nicht artgerecht gehalten werden. Damit würde das Fleisch viel zu teuer, und das können wir uns nicht erlauben, weil der Verbraucher billiges Fleisch kaufen möchte.

Cornflakes, Nuss-Nougat-Cremes, Kekse und jedes popelige Aufbackbrötchen müssen mit Zucker, Mono- und Diglyceriden und langen Listen an Zusatzstoffen versehen werden, weil das dem Geschmack dient und weil der Verbraucher es so will.

Tomaten, Gurken und Co. wachsen im winterlichen Spanien in Gewächshäusern unter Einsatz von unnötig viel Strom und Wasser, um danach unter Einsatz von unnötig viel Treibstoff zu uns in den Supermarkt gekarrt zu werden, weil der Verbraucher Tomatensalat essen möchte. Ganzjährig.

Ja, hallo, ich bin Verbraucherin. Mich hat in meinem ganzen Leben nie jemand gefragt, ob ich das denn so will. Meine Nachbarin auch nicht. Möglicherweise könnte der Verbraucher ja gar nicht wollen, was die Industrie tut, um den eigenen Gewinn (nicht den des Verbrauchers) zu steigern. Wollen in der Konsumentendemokratie geht offenbar nur durch Kaufboykott.

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