Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Februar 2014

Missverständnisse

„Boah ey, das ganze Wochenende habe ich daran gesessen und habe mein Gesicht neu gemacht. Und der, ne, der hat nicht einmal hingeschaut! Boah, bin ich sauer!“

(nein, keine Schönheits-OP, nur eine ärgerliche Schülerin, die ihr Selbstporträt ohne Kenntnisnahme des Kunstlehrers nachbearbeitet hat)

Ostwestfälischer Karneval

Ich habe es ja berufsbedingt teilweise mit Menschen zu tun, die für Otto Normaldenker nicht leicht nachvollziehbare Dinge sagen oder tun. Manchmal gehe ich, wenn ich denn mal 30 Minuten frei und keine Mittagsaufsicht habe, kein Pflaster kleben und keinen kleinen oder großen Dramen in fünf Minuten eine glückliche Wendung geben soll, zum Bäcker um die Ecke und hole mir einen leckeren Latte Macchiato. Und eine Rosinenschnecke. Oder einen Nougatring. Wie auch immer. Heute vor mir in der Schlange ein völlig unauffälliger Mann. Er bestellte – große Kunstpause – gar nichts, sondern äußerte seinen Wunsch folgendermaßen: „Ich möchte mich als Lebkuchenmann verkleiden.“ Die Verkäuferin ließ ihren Handschuh fallen. Die Mitverkäuferin vergaß ihren Kunden. Es entspann sich folgender Dialog: „Und was genau wollen Sie von uns?“ „Na ja, das Kostüm natürlich. Kann man das nicht backen?“ „Ähm ja, oh, nein, also der Ofen, zu klein, *nüschel* also ich weiß nicht!“ Und nach einer etwas längeren wortlosen Pause: „Aber mir fällt da etwas ein. Der Bäcker XY in der Z-Straße, der backt so Lebkuchen-Oblaten. Große. Vielleicht gehen Sie da mal hin. Wenn Sie sich *rechnetimkopfnach* ca. 10 bis 15 von diesen Lebkuchenplatten kaufen und die mit Schnüren rundherum befestigen, müsste das eigentlich hinhauen!“

Lebkuchenmann in spe freut sich wie ein Kind, lässt sich erklären, wo er ein Loch in die Lebkuchenplatten bohren muss, damit das mit der Gewichtsverteilung klappt und verlässt den Bäckerladen. Ich überlege kurz, mich als Bernd das Brot zu verkleiden, verwerfe diesen Gedanken aber angesichts der hinter mir wartenden Schüler schnell wieder. Karneval ist nicht so meins.

Geschnipseltes

– Ein Tag und eine Nacht Gastroenteritis bei der Jüngsten haben mich daran erinnert, dass ich eigentlich ganz froh bin, die Kleinkindphase allmählich abschließen zu dürfen. Mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit sich Mageninhalte durch Rauminneres bewegen können, ist faszinierend bis erschreckend.

– NRW ist das Land mit den wenigsten Ferientagen. Fällt mir immer wieder in der Saure-Gurken-Zeit zwischen Weihnachts- und Osterferien auf. Besonders dann, wenn der einzige freie Tag zwischendrin (Rosenmontag) noch durch eine schulinterne Fortbildung belegt wird.

– Wenn man sich gedanklich mit Palästina beschäftigt, kann es schon mal passieren, dass man seine Kündigung bei der gesetzlichen Krankenkasse nicht mit „Kündigung BKK“, sondern mit „Kündigung P.KK“ betitelt. Ähm ja.

– Nach Möhren im Nusskuchen, Zucchini im Zitronenkuchen heute Rote Bete im Schokoladenkuchen. Ich gebe zu, ich war skeptisch. Das Ergebnis ist aber lecker und saftig.

– 2014: Hundert Jahre ist es her, seit der Erste Weltkrieg begann. Viele neue Publikationen sind erschienen, und wehmütig schaue ich auf meine halbvollendete Promotion mit dem Thema „Kriegskindheiten“ – ob ich je die Zeit haben werde, sie zu beenden?

– Gestern Abend wiedergesehen: „The Hours“ – drei Frauen, drei Leben. Virginia Woolf 1923 in einem Vorort von London, eine einsame Hausfrau mit Kind 1951 in Los Angeles und eine lesbische Lektorin 2001 in New York, die den Tod ihres HIV-positiven Freundes miterlebt. Alle Frauen werden geliebt und fühlen sich dennoch eingesperrt, eingeengt durch Rollenerwartungen und verfehlte Gelegenheiten, unfähig, das Glück zu spüren. Spannend miteinander verwobene Schicksale und Erzählstränge. Am Abend dann erzählt mir der große Sohn beim Kuscheln von einem Ostseeurlaub – damals, als alle drei Kinder noch klein waren. Ich sei, so er erinnerte er sich, weit ins Meer hinausgeschwommen, und der Mann habe auf seine Frage, wohin ich wolle, geantwortet: „Da hinten, zu den Bojen!“ Da der Sohn damals noch nicht wusste, was Bojen sind, ging er davon aus, ich wolle in ein fremdes Land oder zu einer fremden Insel schwimmen. Lofoten oder so ;-). „Ich dachte, du schwimmst weg! Und was war ich froh, als du nach einer Weile zurückkamst.“ Mich hat dieses Gespräch daran erinnert, dass es Zeiten im Leben mit drei kleinen Kindern gab, in denen ich ähnlich gefühlt habe wie die Frauen in „The Hours“ – da war zu wenig Luft, Raum, zu viel Rolle und zu wenig Selbst für mich. Seltsam, dass der Sohn das gespürt hat.

 

*unterzeichnet*

Wir haben am Freitag gemeinsam mit unseren Käufern die Unterschrift unter den notariellen Kaufvertrag gesetzt. Ich freue mich. Die beiden sind schwanger, planen noch ein Kind, haben eine solide berufliche Basis und große Pläne mit unserer Haushälfte. Ich komme gedanklich noch gar nicht so recht hinterher – ich meine: ein Haus innerhalb von 14 Tagen verkaufen ist ähnlich rasant wie eines ins Herz schließen und innerhalb von drei Wochen kaufen (so geschehen im letzten Herbst mit unserem neuen „alten“ Haus). Ab und an schleichen wir auf Spazierwegen am neuen Haus vorbei, freuen uns auf den großen Garten, planen Obstbäume und genießen die Ruhe direkt am Wald. Einerseits ist es für ungeduldige Menschen wie mich sehr schwer, jetzt noch bis zu den Sommerferien warten zu müssen (der Kaufvertrag ist auf den 1.7. datiert), andererseits bin ich sehr froh, noch Zeit zu haben – neben der Schule wird die Zeit zum Entrümpeln, Sortieren und Packen sowieso arg knapp. Ab und an denke ich, wir müssen verrückt sein – und dann wiederum, dass wir einfach die Gelegenheit genutzt haben. Die Zinsen sind enorm günstig, unsere Jobs lassen den Kauf zu, die Kinder brauchen Platz und ich die Ruhe und den Weitblick (das Haus liegt am Berg, und zwei von vier Seiten ermöglichen einen Blick weit ins Tal – besonders schön, wenn abends die Lichter funkeln). Ich sehe den Mann und mich auf der Bank neben der Haustür, mit einem Glas Wein, und merkwürdigerweise denke ich, dort könnte ich alt werden. Ob das nun an meinem fortgeschrittenen Alter liegt oder am Gefühl, angekommen zu sein – ich weiß es nicht.

Daumen drücken …

… wenn alles gut geht, unterzeichnen unsere Käufer am kommenden Freitag den notariellen Kaufvertrag. Ich bin beeindruckt von der Geschwindigkeit (innerhalb von knapp 14 Tagen Haus ins Internet gestellt, besichtigt und verkauft) und ein ganz klein wenig nostalgisch. Schließlich habe ich die letzten zehn Jahre hier gewohnt, gelacht, geweint, zwei von drei Kindern bekommen und so manche Weichen in meinem und unserem Familienleben neu gestellt. Da ich aber gar keine Zeit für lange, sentimentale Blogbeiträge habe, bleibt es bei einer Randnotiz.

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