Wie werden aus normalen jungen Männern Massenmörder? Wie organisiert man einen Genozid? Welche Mechanismen führen dazu, dass die Tötungshemmung, die bei uns allen vorhanden ist, irgendwann aussetzt? Warum ist Gruppendruck so viel stärker als die eigene Moral? Warum kann Morden so zum alltäglichen Geschäft werden, dass man es zwischen Zahnarztbesuch und fröhlichem Umtrunk „erledigen“ kann? Und warum entzogen sich so wenige, obwohl kein Fall von Todesstrafe für die Verweigerung von Erschießungsbefehlen bekannt war? Wenn ich mit Schülerinnen und Schülern über die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich rede, stehen wir unweigerlich vor diesen Fragen. Und unweigerlich fragen wir uns: Was hätten wir getan? Wo stünden wir? Wie weit reicht unsere Moral in der Praxis? Heute war ich mit den Schülern im Kino. In einem deutsch-österreichischen Dokumentarfilm – möglicherweise auch eher ein Dokumentar-Essay, der weniger mit Bildern als mit Worten operiert, Psychologen, Historiker und vor allem die Täter zu Wort kommen lässt. Auch wenn wir es seit Eichmann in Jerusalem wussten – die Normalität, ja Banalität des Bösen erschüttert  immer wieder. Und die abwegig kranke Moral, die innerhalb des völlig unmoralischen Systems aufgebaut wurde, ja, die hat mich – und noch einige andere Schüler um mich herum – zum Weinen gebracht. „Ich habe extra nur die Kinder erschossen. Weil ich gedacht habe, die haben ja eh keine Zukunft ohne ihre Eltern.“ Ein Film, der nachgeht. Mit Sätzen, die sich ins Gedächtnis brennen. Unwirklich, am Ende des Films mitten in der Stadt im strahlenden Sonnenschein zu stehen. Dankbar dafür, zu den Nachgeborenen zu zählen.