Quadrat im Kreis

just an ordinary life

Monat: Oktober 2014

So What?!

Der vielleicht größte Vorteil am Älterwerden ist die zunehmende Gelassenheit. Möglicherweise ist es auch Zeitnot, oder es sind Abnutzungserscheinungen, ich weiß es nicht. Als unser ältestes Kind zur Welt kam, entdeckte ich das Internet. Und stellte fest, es gibt keine Rede ohne Gegenrede. Ob Stillen, Papierwindeln oder Breikost – zu allen Dingen des Alltags hatten überwiegend Frauen eine Meinung, und die wurde rhetorisch militant verteidigt. Ab und an lief mein Fass über und ich beteiligte mich am verbalen Schlagaustausch. Meist aber blieb ich still und staunte. Das Blog wurde meine Nische. Und auch hier schrieb und schreibe ich nicht alles, was mir durch den Kopf geht. Mal ist es der Alltag, mal sind es die Kinder, mal ist es die Politik und mal das selbst gebackene Brot. Wenn  man mein Blog liest, kennt man nicht mich, sondern einige Facetten meines Lebens. Und ich gehe davon aus, dass es bei anderen Bloggerinnen genau so ist. Wenn ich ein Backblog im Design der 50er- und 60er lese, nehme ich die eine oder andere Inspiration mit, bedanke mich und gehe weiter. Wenn es mich langweilt, dass manche Frau nur übers Häkeln von Nachttischdeckchen schreibt, zwingt mich niemand, dieses Blog zu lesen. In der Regel denke ich nicht darüber nach, ob Frauen, die vom Handarbeiten oder Kochen schreiben, apolitische Wesen sind. Für mich sind Blogs kleine Fensterscheiben – die einen mit netten Gardinen und Topfblumen vorm Fenster, die anderen haben schonungslos Tür und Tor geöffnet für alle, die vorbeikommen, damit man sieht, welche politischen, philosophischen und feministischen Fragen am großen Esszimmertisch gewälzt werden. Ich halte es für müßig, Handarbeitsbloggern eine fehlende feministische Grundorientierung allein auf der Basis ihrer Netzpublikationen vorzuwerfen. Ebenso wenig lässt sich aus einem feministischen Blog darauf schließen, dass sich dahinter völlig verkopfte, unemotionale und geschlechtsneutrale Wesen verbergen. In den Ferien habe ich den Fehler gemacht, ein wenig tiefer und weiter in den Blogwirren zu lesen als sonst – und ich dachte mir, Leute, ihr habt doch alle ne Meise. Da streitet ihr unterhalb der Gürtellinie darüber, worüber Frauen in welcher Ausschließlichkeit schreiben dürfen, und statt mit Polemik lässig umzugehen, werden Morddrohungen ausgesprochen. In anderen Teilen der Welt sterben Menschen an Ebola, reduziert die UNO ihre Hilfslieferungen wegen Geldmangel, hier verprügeln Wachmannschaften Flüchtlinge und die Bürgermeisterin fordert mehr Polizeipräsenz bei Nacht – wegen der kulturellen Differenzen. Andere streiten um die korrekte Füllung der Butterbrotsdose und erläutern in langen Beiträgen, warum genau diese Frage ein Politikum ist.

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Wenn mich am Frauenbloggen (das ist jetzt nicht chauvinistisch gemeint, sondern nur das kürzeste Kompositum, das mir einfällt) etwas nervt, ist es ein Mangel an gewünschter Kontroversität, der akklamatorische Charakter so vieler Blogs und Kommentare. Frau schreibt etwas, 53 Menschen schreiben „toll“, „super“, „prima“, „wie recht du doch hast“. Der 54. Mensch, der eine kritische Nachfrage stellt, wird entweder von der Blogbetreiberin beschimpft oder von den 53 anderen. Wenn ich einen Text für Millionen LeserInnen publiziere und die Kommentarfunktion nicht deaktiviere, muss ich damit rechnen, dass Menschen anderer Meinung sind als ich. Solange sie in der Lage sind, diese Meinung freundlich und sachlich vorzutragen, freue ich mich – das Schwimmen in der eigenen Sippe Suppe ist mir auf Dauer zu langweilig.

Ich denke, das wahre gesellschaftliche Problem sind nicht die Blogs. Das Problem ist zum einen eines mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung unbezahlter Arbeit. Das Netz ist da wesentlich freundlicher als die eigene Familie, das Kompliment für die fremde Bloggerin geht einfacher über die Lippen als das für die Nachbarin vor Ort. Das nächste Problem: Frauen, die Kinder bekommen, werden häuslich. Eine Zeit lang ist das in Ordnung. Me, myself, das Baby, der Breitopf, die Nähmaschine – und parallel dazu gibt es eine Außenwelt, die alles tut, die Frauen möglichst lange in diesem Zustand zu lassen: durch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Degradierung in Teilzeitjobs, Kündigung oder Abfindung in Elternzeit u.ä. Bücher ließen sich füllen und sind gefüllt worden damit.

Liegt es nicht nahe zu sagen, ich mache haushalts- und elternnahe Dienstleistung (Stricken, Kochen, Nähen, Wohnungsaufhübschen, Tragen) zu „meinem“ Projekt und verdiene Geld damit? (Die einen mehr, die anderen weniger …) – und wenn ich Geld damit machen kann, wäre ich ja schön blöd, ich täte es nicht. Dass es weniger ist, dass es vielfach nicht in der rauen Außenwelt, sondern in kuschliger Heimarbeit geschieht – so what?!

Ein wichtiger Indikator dafür, dass eine Frau echte Wahlfreiheit hatte bei ihrem Lebensentwurf, besteht für mich darin, dass sie diesen Entwurf nicht ständig mit Beißen und Klauen verbal verteidigt, rechtfertigt und zelebriert, dass sie nicht missioniert, sondern darin lebt.

Vom Konsequentsein, Krankenhäusern und dem Tod Michael Jacksons

Alles fing damit an, dass das große Kind vorgestern mit Gummistiefeln im matschigen Garten stand und darüber sinnierte, ob man bei solch einem Regen einen Kaninchenstall reinigen könne. Es siegte – wie so oft – der innere Schweinehund, und das Kind stapfte mit dreckverkrusteten Gummistiefeln die Treppe zur Haustür hoch, um mir diesen Entschluss mitzuteilen. Ich wies das Kind dezent darauf hin, dass da eine Mega-Dreckspur entstanden sei, die es dann bitte danke mal wegfegen müsse. Nach einer Nacht Bedenkzeit fügte sich das Kind in sein Schicksal und begann die Treppe zu reinigen – mit Gießkanne, Besen und Schrubber. Plötzlich hörte ich ein „Au“, nicht irgendein „Au“, sondern eines, das ich in dieser Schärfe noch nicht gehört hatte. Das Kind stand schluchzend vor mir, und der kleine Finger, der saß dank eines formvollendeten Loopings auf der selbst geschaffenen Putz-Rutsch-Rampe irgendwie nicht dort, wo er hingehörte. Laiendiagnostisch betrachtet war der Sachverhalt einfach: glatter Bruch. In der Kinderunfallchirurgie war Hochkonjunktur: Offenbar sind die Herbstferien eine Zeit des Stürzens und Brechens. Kleine Menschen aus aller Herren Länder redeten aufeinander ein, während die Eltern vertieft ins Smartphone schon mal den Aufruf ins Sprechzimmer verpassten. Da die Notaufnahme des nahe gelegenen Armeekrankenhauses geschlossen hatte, sammelten sich nach und nach immer mehr Militärangehörige in Uniform im Warteraum (Frage einer Unwissenden: Müssen Militärs immer und jederzeit Uniformen tragen? Mich irritiert das). Nach dreieinhalb Stunden Wartezeit (warum müffeln Wartezimmer im medizinischen Bereich eigentlich so fürchterlich süßlich-eklig? Und warum klebt alles, was dort herumliegt, so widerlich? Warum hat das Spielzeug braune Ränder?) und drei Röntgenbildern bestätigte sich meine Erstdiagnose: Fingerbruch. In einem seltsamen minimalen Anflug von Humor (oder Unterzuckerung?) murmelte der übermüdete Arzt etwas von „jetzt mal etwas Lachgas zur Beruhigung“ und „Fixierung mit Drähten“, „OP frei?“  Das Kind, bis dato nüchtern, entwickelte einen filmreifen Nervenzusammenbruch, der für niemanden vorhersehbar war. „Sie dürfen mich hier jetzt nicht so einfach operieren. Sie haben mich ja gar nicht gefragt! So ging das mit Michael Jackson auch los, mit Lachgas, das ist doch so eine Droge, oder? Und am Ende war er tot!“ Tiefes Schluchzen und betretenes Schweigen in der Notaufnahme. Während ich überlegte, ob das Kind möglicherweise nicht doch auf den Kopf gefallen und mir dieses verschwiegen hatte, räusperte sich der Arzt: „Also, meines Wissens hatte sich Michael Jackson vorher nicht den Finger gebrochen.“ Die Kollegin kam ihm mit einer Packung Kekse zur Hilfe: „Iss mal was, Junge, sicher bist du nur unterzuckert!“ (Ich mag ja so pragmatische Menschen … ) Nach dem Verzehr einer halben Packung Butterkekse war das Kind wieder das alte. Jetzt: fescher Gips und OP in einer Woche – möglicherweise aber auch nicht. Lehrerkinder kriegen das immer ganz gut hin mit dem Kranksein in den Ferien …

Ferien!

Wird offenbar ein Ferienblog, dieses Dings hier. Und hier sitze ich, vor 28 Klassenarbeiten und 25 Klausuren, genieße die Ruhe und übe mich in Prokrastinationsstrategien de luxe. Die letzten Tage waren übervoll mit Eltern-Psychologen-Klinikgesprächen, mit Klassengrößen von 48 Kindern (die Kollegin sprach: „Neeein, bei mir sollen die Austauschschüler nicht sitzen, ich kann ja gar kein Englisch, nimm du die mal!“ Notiz am Rande: Alles geht. Bilingualer Deutschunterricht ist spannend. Man wächst mit seinen Herausforderungen und sollte sich ihnen stellen), mit Fachkonferenzsitzungen, Rudern gegen den Strom, Kampf gegen fiese Gastroenteritisviren und so weiter. Ich habe vor ein paar Wochen einen neuen Weg zur Schule entdeckt und fahre nur noch 20 statt 30 Minuten, schöne Landschaften am Rande inclusive.

Ich koche mir einen Kaffee, suche meine roten Lamy-Patronen und beginne zu arbeiten. Jetzt. Sofort. Nun los!

 

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