Alles fing damit an, dass das große Kind vorgestern mit Gummistiefeln im matschigen Garten stand und darüber sinnierte, ob man bei solch einem Regen einen Kaninchenstall reinigen könne. Es siegte – wie so oft – der innere Schweinehund, und das Kind stapfte mit dreckverkrusteten Gummistiefeln die Treppe zur Haustür hoch, um mir diesen Entschluss mitzuteilen. Ich wies das Kind dezent darauf hin, dass da eine Mega-Dreckspur entstanden sei, die es dann bitte danke mal wegfegen müsse. Nach einer Nacht Bedenkzeit fügte sich das Kind in sein Schicksal und begann die Treppe zu reinigen – mit Gießkanne, Besen und Schrubber. Plötzlich hörte ich ein „Au“, nicht irgendein „Au“, sondern eines, das ich in dieser Schärfe noch nicht gehört hatte. Das Kind stand schluchzend vor mir, und der kleine Finger, der saß dank eines formvollendeten Loopings auf der selbst geschaffenen Putz-Rutsch-Rampe irgendwie nicht dort, wo er hingehörte. Laiendiagnostisch betrachtet war der Sachverhalt einfach: glatter Bruch. In der Kinderunfallchirurgie war Hochkonjunktur: Offenbar sind die Herbstferien eine Zeit des Stürzens und Brechens. Kleine Menschen aus aller Herren Länder redeten aufeinander ein, während die Eltern vertieft ins Smartphone schon mal den Aufruf ins Sprechzimmer verpassten. Da die Notaufnahme des nahe gelegenen Armeekrankenhauses geschlossen hatte, sammelten sich nach und nach immer mehr Militärangehörige in Uniform im Warteraum (Frage einer Unwissenden: Müssen Militärs immer und jederzeit Uniformen tragen? Mich irritiert das). Nach dreieinhalb Stunden Wartezeit (warum müffeln Wartezimmer im medizinischen Bereich eigentlich so fürchterlich süßlich-eklig? Und warum klebt alles, was dort herumliegt, so widerlich? Warum hat das Spielzeug braune Ränder?) und drei Röntgenbildern bestätigte sich meine Erstdiagnose: Fingerbruch. In einem seltsamen minimalen Anflug von Humor (oder Unterzuckerung?) murmelte der übermüdete Arzt etwas von „jetzt mal etwas Lachgas zur Beruhigung“ und „Fixierung mit Drähten“, „OP frei?“  Das Kind, bis dato nüchtern, entwickelte einen filmreifen Nervenzusammenbruch, der für niemanden vorhersehbar war. „Sie dürfen mich hier jetzt nicht so einfach operieren. Sie haben mich ja gar nicht gefragt! So ging das mit Michael Jackson auch los, mit Lachgas, das ist doch so eine Droge, oder? Und am Ende war er tot!“ Tiefes Schluchzen und betretenes Schweigen in der Notaufnahme. Während ich überlegte, ob das Kind möglicherweise nicht doch auf den Kopf gefallen und mir dieses verschwiegen hatte, räusperte sich der Arzt: „Also, meines Wissens hatte sich Michael Jackson vorher nicht den Finger gebrochen.“ Die Kollegin kam ihm mit einer Packung Kekse zur Hilfe: „Iss mal was, Junge, sicher bist du nur unterzuckert!“ (Ich mag ja so pragmatische Menschen … ) Nach dem Verzehr einer halben Packung Butterkekse war das Kind wieder das alte. Jetzt: fescher Gips und OP in einer Woche – möglicherweise aber auch nicht. Lehrerkinder kriegen das immer ganz gut hin mit dem Kranksein in den Ferien …