Quadrat im Kreis

just an ordinary life

So What?!

Der vielleicht größte Vorteil am Älterwerden ist die zunehmende Gelassenheit. Möglicherweise ist es auch Zeitnot, oder es sind Abnutzungserscheinungen, ich weiß es nicht. Als unser ältestes Kind zur Welt kam, entdeckte ich das Internet. Und stellte fest, es gibt keine Rede ohne Gegenrede. Ob Stillen, Papierwindeln oder Breikost – zu allen Dingen des Alltags hatten überwiegend Frauen eine Meinung, und die wurde rhetorisch militant verteidigt. Ab und an lief mein Fass über und ich beteiligte mich am verbalen Schlagaustausch. Meist aber blieb ich still und staunte. Das Blog wurde meine Nische. Und auch hier schrieb und schreibe ich nicht alles, was mir durch den Kopf geht. Mal ist es der Alltag, mal sind es die Kinder, mal ist es die Politik und mal das selbst gebackene Brot. Wenn  man mein Blog liest, kennt man nicht mich, sondern einige Facetten meines Lebens. Und ich gehe davon aus, dass es bei anderen Bloggerinnen genau so ist. Wenn ich ein Backblog im Design der 50er- und 60er lese, nehme ich die eine oder andere Inspiration mit, bedanke mich und gehe weiter. Wenn es mich langweilt, dass manche Frau nur übers Häkeln von Nachttischdeckchen schreibt, zwingt mich niemand, dieses Blog zu lesen. In der Regel denke ich nicht darüber nach, ob Frauen, die vom Handarbeiten oder Kochen schreiben, apolitische Wesen sind. Für mich sind Blogs kleine Fensterscheiben – die einen mit netten Gardinen und Topfblumen vorm Fenster, die anderen haben schonungslos Tür und Tor geöffnet für alle, die vorbeikommen, damit man sieht, welche politischen, philosophischen und feministischen Fragen am großen Esszimmertisch gewälzt werden. Ich halte es für müßig, Handarbeitsbloggern eine fehlende feministische Grundorientierung allein auf der Basis ihrer Netzpublikationen vorzuwerfen. Ebenso wenig lässt sich aus einem feministischen Blog darauf schließen, dass sich dahinter völlig verkopfte, unemotionale und geschlechtsneutrale Wesen verbergen. In den Ferien habe ich den Fehler gemacht, ein wenig tiefer und weiter in den Blogwirren zu lesen als sonst – und ich dachte mir, Leute, ihr habt doch alle ne Meise. Da streitet ihr unterhalb der Gürtellinie darüber, worüber Frauen in welcher Ausschließlichkeit schreiben dürfen, und statt mit Polemik lässig umzugehen, werden Morddrohungen ausgesprochen. In anderen Teilen der Welt sterben Menschen an Ebola, reduziert die UNO ihre Hilfslieferungen wegen Geldmangel, hier verprügeln Wachmannschaften Flüchtlinge und die Bürgermeisterin fordert mehr Polizeipräsenz bei Nacht – wegen der kulturellen Differenzen. Andere streiten um die korrekte Füllung der Butterbrotsdose und erläutern in langen Beiträgen, warum genau diese Frage ein Politikum ist.

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Wenn mich am Frauenbloggen (das ist jetzt nicht chauvinistisch gemeint, sondern nur das kürzeste Kompositum, das mir einfällt) etwas nervt, ist es ein Mangel an gewünschter Kontroversität, der akklamatorische Charakter so vieler Blogs und Kommentare. Frau schreibt etwas, 53 Menschen schreiben „toll“, „super“, „prima“, „wie recht du doch hast“. Der 54. Mensch, der eine kritische Nachfrage stellt, wird entweder von der Blogbetreiberin beschimpft oder von den 53 anderen. Wenn ich einen Text für Millionen LeserInnen publiziere und die Kommentarfunktion nicht deaktiviere, muss ich damit rechnen, dass Menschen anderer Meinung sind als ich. Solange sie in der Lage sind, diese Meinung freundlich und sachlich vorzutragen, freue ich mich – das Schwimmen in der eigenen Sippe Suppe ist mir auf Dauer zu langweilig.

Ich denke, das wahre gesellschaftliche Problem sind nicht die Blogs. Das Problem ist zum einen eines mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung unbezahlter Arbeit. Das Netz ist da wesentlich freundlicher als die eigene Familie, das Kompliment für die fremde Bloggerin geht einfacher über die Lippen als das für die Nachbarin vor Ort. Das nächste Problem: Frauen, die Kinder bekommen, werden häuslich. Eine Zeit lang ist das in Ordnung. Me, myself, das Baby, der Breitopf, die Nähmaschine – und parallel dazu gibt es eine Außenwelt, die alles tut, die Frauen möglichst lange in diesem Zustand zu lassen: durch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Degradierung in Teilzeitjobs, Kündigung oder Abfindung in Elternzeit u.ä. Bücher ließen sich füllen und sind gefüllt worden damit.

Liegt es nicht nahe zu sagen, ich mache haushalts- und elternnahe Dienstleistung (Stricken, Kochen, Nähen, Wohnungsaufhübschen, Tragen) zu „meinem“ Projekt und verdiene Geld damit? (Die einen mehr, die anderen weniger …) – und wenn ich Geld damit machen kann, wäre ich ja schön blöd, ich täte es nicht. Dass es weniger ist, dass es vielfach nicht in der rauen Außenwelt, sondern in kuschliger Heimarbeit geschieht – so what?!

Ein wichtiger Indikator dafür, dass eine Frau echte Wahlfreiheit hatte bei ihrem Lebensentwurf, besteht für mich darin, dass sie diesen Entwurf nicht ständig mit Beißen und Klauen verbal verteidigt, rechtfertigt und zelebriert, dass sie nicht missioniert, sondern darin lebt.

3 Comments

  1. wunderbar geschrieben! danke.

    was frau alles konstruktives anstellen könnte mit der energie, die sie in diese kontroversen steckt (internet oder 1.o)! mensch könnte meinen, das wäre gelenkt, um uns von wichtigen dingen abzuhalten…

  2. Frauenblogs (an „Frauenbloggen“ angelehnt) sind meiner Meinung nach durchaus problematisch, allerdings nicht im Einzelnen, sondern als Massenphänomen.

    Kurzer historischer Rückblick:
    Frauen wurden im Verlauf des 18. Jahrhunderts auf die Dreifachrolle Ehefrau-Hausfrau-Mutter festgeschrieben. Am Anfang war durchaus noch bewusst, dass mit damit eine sehr hohe Belastung für die Frauen verbunden ist und dass Frauen jeden Grund haben, mit dieser neuen Rolle unzufrieden zu sein. Darum appellierte zum Beispiel Joachim Heinrich Campe in „Väterlicher Rath für meine Tochter“ an die Vernunft der Mädchen, die gesellschaftliche Notwendigkeit dieser Rolle doch bitte einzusehen.
    Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde dann die Last, die die Frauen für die Familien zu tragen hatten, wegromantisiert. Was Frauen im Haus leisteten, war keine Arbeit mehr – und damit auch nichts, das Anerkennung verdiente.

    Sprung ins 21. Jahrhundert:
    Blogs sind harte Arbeit, vor allem die frauentypischen DIY-Blogs, die neben dem Büroalltag befüllt werden. Das wird allerdings an keiner Stelle reflektiert, weder von den Verfasserinnen, noch von den Kommentatorinnen. Damit sind wir wieder im 19. Jahrhundert angelangt: Was Frauen da leisten, ist keine echte Arbeit, sondern einfach „Voll schön!“.
    An sich ist es noch nicht schlimm, dass Frauen Dinge herstellen und der Welt zeigen, die in erster Linie schön sind. Whatever floats your boat! Gesellschaftlich besteht allerdings durchaus die Gefahr, dass dies zur Norm wird, weil sich hochgelobte Ideale in Gesellschaften einfach gern zur Norm weiterentwickeln. Das letzte Mal, als die Arbeit von Frauen komplett verklärt wurde, war die große Entdeckung der weiblichen Hysterie die Folge – und da hatten die Frauen „nur“ die schönen DIY-Dinge zu schultern (nur dass das früher noch nicht so hieß) und nicht noch zusätzlich eine 40h-Woche im Büro.

    Ein Problem ist auch die Wahlfreiheit. Es gibt erwachsene Bloggerinnen, die ganz bewusst die Entscheidung treffen, einen Frauenblog zu führen – aus welchen Motiven auch immer. Ich nehme an, dass dies auf die meisten dieser Bloggerinnen zutrifft, also dass sie tatsächlich proaktiv etwas für sich gewählt haben.
    Auf der anderen Seite stehen die Leserinnen, teilweise deutlich jünger, die sich erst noch in der nun deutlich weiter gefächerten Frauenwelt orientieren müssen – und die haben eigentlich keine Wahl. Entweder landen sie auf einem Frauenblog, merken aber, dass daraus ein Politikum gemacht wird, oder auf einem Femiblog, dem aber auch jede Menge Hass entgegenschlägt. Es gibt diese zwei großen Lager und egal, für welche Seite sich eine junge Frauen entscheidet, ihre Entscheidung wird nie korrekt sein. Es gibt keine gemäßigten Blogs, in denen Frauen zeigen, dass eine so harte Entscheidung zwischen Lebensstilen überhaupt nicht nötig ist – oder zumindest kenne ich keins.
    Das ist allerdings nicht die Schuld der einzelnen Bloggerinnen, sondern auch wieder der Gesellschaft. Und darum finde ich, dass wir davon weggehen sollten, den einzelnen Bloggerinnen Vorwürfe zu machen, Frauenbloggen als gesellschaftliches Phänomen aber nicht unter den Teppich kehren sollten.

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