Einen Tag nach Weihnachten schrieb Anna Papathanasiou in der ZEIT unter dem Titel „Ach du Schreck, so viele Schneewittchen!“ über das Phänomen der gut ausgebildeten Hausfrau und Mutter. Weil ich den Text für lesenswert hielt und er meine Erfahrungswelt spiegelt, habe ich ihn getwittert. Für mich nicht nachvollziehbar waren zum einen die Kommentare unter dem Artikel, die sich vorrangig aus vorgestrigen Ansichten von zumeist Männern über die natürliche Bestimmung der Frau speisten, zum anderen musste ich mir den Protest innerhalb meiner Timeline erklären lassen. Einen Großteil dessen, was ich zum Thema zu sagen hätte, hat Journelle in ihrem Blogbeitrag zum ZEIT-Artikel zusammengefasst, den ich einfach so unterschreiben könnte, inclusive der Zweifel daran, ob das selbst gewählte Modell das richtige ist, und des gelegentlichen Haderns damit, dass wochentags wenig bis keine Zeit für mich selbst bleibt.

 

Da ist nur ein Punkt, der mich stört: Die Entscheidung für die Schneewittchengrube ist keine private, sondern eine, der von Politik und Gesellschaft  die Weichen gestellt werden. Da wäre zum einen das deutsche Steuersystem, das durch das Ehegattensplitting die Nichterwerbstätigkeit des geringer verdienenden Elternteils bezuschusst, oder, wie manche Männer sagen, meine Ehefrau ist mein größter Steuervorteil. Ein Steuernachlass von bis zu 15.000 Euro pro Jahr für die Nichterwerbstätigkeit eines Ehepartners müsste durch Arbeiten erst einmal erwirtschaftet werden. Nun mag man noch argumentieren, dass der Staat damit ja die Erziehungsarbeit zumeist der Mütter bezuschusse. Dieses Argument ist aber hinfällig, wenn  man sich die Zahlen anschaut und feststellt, dass viele Ehefrauen mit erwachsenen und/oder gar keinen Kindern durch dieses aus der Adenauer-Zeit stammende Steuerprinzip bevorzugt werden.  Gleiches gilt für die kostenlose Mitversicherung der nicht arbeitenden Ehegatten in den gesetzlichen Krankenkassen. Platt formuliert: die Steuergemeinschaft finanziert Schneewittchens Leben im Privaten mit den sieben Zwergen mit. Auch wenn die Zwerge längst aus dem Haus sind.

Weiterhin: Kindergarten, Schule, Sozialverbände und Kirche leben gut damit, die Arbeitsleistung von Frauen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, zu beanspruchen. An unserer Schule gibt es Vorlesemütter, Einmaleinsmütter, Bibliotheksmütter, Busmütter, Schwimmmütter und Bastelmütter. Wer vor Weihnachten keine Zeit hat, den wochenlanden Bastelexzessen in der Grundschule beizuwohnen, wird von den Lehrerinnen schief angeschaut, das eigene Kind, das die anderen Mütter als Maßstab nimmt, lässt sich auch nicht recht vom eigenen Lebensentwurf überzeugen usw … Eine Erleichterung für das eigene Muttergewissen, nur im Minijob oder gar nicht zu arbeiten, um den Ansprüchen der Gesellschaft als Supermutter gerecht zu werden. Insofern: Auch hier oftmals keine private Entscheidung, sondern eine, in die aktiv geschoben wird. Dass es in all diesen Jobs wenig bis gar nichts zu verdienen gibt, dass niemand in die Rentenkassen dieser Frauen zahlt, ist für mich skandalös, steht aber auf einem anderen Blatt. Mein Verdacht ist ja, dass das Dasein als berufstätige Mutter in Deutschland eben deshalb so anstrengend ist, weil wir den Anspruch hegen, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden (oder aber einfach mit gehörig viel Spott drüber zu stehen, aber besser zu leben).

Und zuletzt: Wenn wir nicht losgehen, werden wir nicht ankommen. Das Lamentieren darüber, dass die Arbeitswelt groß, fies, böse, gemein und kinderunfreundlich ist. Ja, ich könnte hier auch mein Liedchen singen von Konferenzen, die um 18 Uhr noch nicht vorbei sind, von zehntägigen Klassenfahrten, für die es keine einzige Entlastungsstunde gibt, von Fortbildungen, die auf meinen kurzen Tag fallen. Lasse ich aber. Wenn ich etwas ändern möchte, muss ich dabei sein, will heißen, mit dem Kollegen um 16 Uhr aufstehen und wegen Kita-Schließungszeiten die Sitzung beenden oder aber die Woche vorher so gut absprechen, dass der andere Elternteil die Kinder abholen kann (denn auch bei dem muss sich was ändern), es bedeutet auch, mal gehen zu dürfen, wenn das Kind Ohrenschmerzen oder eine Weihnachtsfeier hat, aber auch, wenn alle Kollegen viral bedingt am Stock gehen und man selbst noch sprechen kann, Zusatzstunden zu übernehmen. Die Arbeitswelt ändert sich nicht durch Rückzug ins Private.

Und insofern gilt für mich weiterhin das, was ich anfangs auf Twitter schrieb: Papathanasious Artikel ist für mich weniger ein Pamphlet gegen nicht arbeitende Mütter, sondern eher ein Zeitdokument für die Resignation vieler Frauen vor politischen und gesellschaftlichen Realitäten. Eine Resignation, die ich an manchen Tagen nachvollziehen kann, der ich mich aber niemals nie hingeben werde. Und ketzerisch verlinke ich darum zum Schluss mal auf Frau Brüllens Artikel „Ich hab die Nase voll„.