Quadrat im Kreis

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Trauerarbeit

Seit ich aus Polen wieder da bin, schlafe ich schlecht. Einer der Träume, der mich regelmäßig einholt, ist der vom großen Nichts. Ich stehe inmitten einer grauen Fläche, vor mir ist nichts, hinter mir nichts. Das alles wäre auszuhalten, wüsste ich noch meinen Namen, wo ich herkomme oder wo ich hinwill. Aber da ist – nichts. Als ich den Traum zum ersten Mal geträumt hatte, schweißgebadet wach geworden war und Minuten brauchte, um mich zu verorten, dachte ich an einen Schlaganfall. Wenn der Traum ein gutes Ende nimmt und ich nicht wach werde, gibt es so etwas wie eine sachte Ahnung, dass hinter dem Nichts ein Neuanfang stecken könnte.

Ein anderer Traum betrifft Panzer. Panzer, die über Lagergelände rollen. Sie sind laut und unbarmherzig, sie halten nicht an, und statt wegzulaufen stehe ich schreckstarr und warte, dass sie über mich rollen. Ich weiß, dass ich ihnen nicht entkommen kann, denn rundum bin ich von Stacheldraht umgeben.

Heute Nacht war ich auf der Suche nach einer Urne, die ich irgendwo vergessen hatte. Ich wusste nicht, wessen Asche sich in der Urne verbarg. Nur, dass sie so wichtig war, dass ich nicht in meinen Alltagsbeschäftigungen fortfahren konnte, bevor ich die Urne gefunden hatte. Nach einer endlosen Zeit schließlich fand ich die Urne – neben einer der Gaskammern in Majdanek.

Wenn ich nicht unruhig schlafe, versuche ich mich in der Rückkehr in den Alltag. Bei Gesprächen, in denen Wörter wie „Schusslinie“, „Bad“, „Desinfektionsmittel“, „Selektionskriterien“, „Güterzug“ und „Waggon“ fallen, zucke ich zusammen, und irritiert blicke ich aus dem Fenster auf die Tochter, die im Hof laut bis 100 zählt. Reagiere übermäßig wütend, als der Sohn die Jüngste ärgert und ich meine, ein diabolisches Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen, als sie zu weinen beginnt.

Parallel dazu arbeite ich mich durch Berge an jüngster Literatur zur Täterforschung, fräse mich durch Quellen zu den Einsatzgruppen in Polen und Russland. Hoffe, eine Antwort auf Fragen zu finden, die ich noch nicht formuliert habe. Backe einen Kuchen und vergesse die Eier, starre in den Frühlingshimmel, statt Klausuren zu korrigieren.

„Hier muss man den Schalter sofort umlegen“, sprach die 20 Jahre weisere Kollegin bei der Ankunft in Sobibor. „Wissenschaftlich analysieren, nicht nachdenken!“. Die Jugendlichen stiegen nach der Führung über das Gelände von Birkenau in den Bus, aßen und tranken und spielten Karten. Sinnvolle Mechanismen, um nicht unmittelbar den Verstand zu verlieren.

Früher hatte ich bei dem Begriff Trauerarbeit schwarz gekleidete Menschen vor Augen, die auf Friedhöfen Kränze ablegen. Als meine Mutter starb, habe ich begriffen, dass Trauerarbeit etwas anderes ist. Sie beansprucht Zeit, Kraft, sie berührt eigene Tabus, führt zu Emotionen, die nicht unmittelbar einzusortieren sind, auch solchen, die nicht mit salbungsvollen Worten benannt und großen Gesten getarnt werden können. Sie führt an die eigenen Grenzen, und sie ist eine 24-Stunden-Beschäftigung. Man mag sich ihr durch Rationalität und Alltagszerstreuungen entziehen, entgehen kann man ihr nicht. Die größte Herausforderung für mich dieser Tage: Geduld und Nachsicht mit mir selbst.

 

 

1 Kommentar

  1. Dazu fällt mir leider kein sinnvoller Kommentar ein. Ich wünsche dir „einfach“, dass du die Trauerarbeit gut schaffst und es dir bald wieder besser geht.

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