Neulich hatte ich in einer entzückenden sechsten Klasse Vertretungsunterricht. Die Kinder arbeiteten an der von der Politiklehrerin verordneten Aufgabe, ihre Zukunft auf A3 zu malen. Ich habe mir mittlerweile abgewöhnt, innerlich zusammenzubrechen, wenn sich zwölfjährige Mädchen als Mütter und Teilzeitkräfte im Büro malen und zwölfjährige Jungs im Mercedes und Nadelstreifenanzug. Nur eine Zeichnung fiel mir auf: Ein Mädchen hatte sich als Archäologin in einer antiken Grabungsstätte gemalt, mit breitem Grinsen im Gesicht, und am Rand stand ein Mann mit zwei kleinen Kindern an der Hand. Auf die Frage, wer das sei, antwortete das Mädchen „Na, das ist mein Mann, und das sind unsere beiden Kinder. Ich gehe davon aus, dass mein künftiger Beruf eine Menge Zeit in Anspruch nehmen wird, und ich will Kinder, und das geht nur mit einem Mann, der diese Kinder mit mir erzieht.“

Warum ich diese Geschichte hier erzähle? Weil sie für mich symptomatisch für unsere Gesellschaft ist. Jedes Vierteljahr wieder geistern durch die Medien Berichte über Altersarmut, die Teilzeitfalle, Einstellungs- und Rückkehrprobleme junger Mütter. Medial wird uns der Eindruck vermittelt, die Welt sei mütter- und kinderfeindlich. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Wir haben meines Erachtens allzu lange den Fehler gemacht, Frauen mit Kindern als Objekte, Opfer der Personalpolitik patriarchaler Firmenstrukturen zu betrachten, die man staatlicherseits durch eine komplizierte Schutzgesetzgebung sowohl vor dem rauen Arbeitsalltag als auch den Härten des Kapitalismus behüten müsse. In einer Zeit, in der Frauen 12-14 Stunden in Fabriken stehen und danach Haushalt und Nebenerwerbslandwirtschaft bewältigen mussten, hatte dieser Schutz durchaus sehr viel Sinn, und auch ich bin dankbar, dass ich mein Wochenbett zu Hause verleben durfte.

Mütter sind aber auch und immer Subjekte und Regisseure ihres eigenen Lebensentwurfs. Nicht platt und im Sinne von „Selber schuld, wenn dich keiner einstellen will“, sondern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Alle Menschen, Frau und Mann, sind in Deutschland frei und gleich an Rechten. Bis das erste Kind kommt. Da geht es mit der Freiheit und Gleichheit den Bach herunter. Männer arbeiten mehr, Frauen nicht oder mit einer Wochenstundenzahl, die Vollzeitkräfte locker an einem Tag wuppen. Manchmal kommt das nächste Kind und der oben skizzierte Zustand verfestigt sich. Ich kenne zwar keine Zahlen, nehme aber an, dass diese Modelle in den einzelnen Partnerschaften auf freiwilliger Basis zwischen Mann und Frau ausgehandelt werden und nicht unter Zwang – und wenn, dann unter ökonomischem, wodurch sich aber – vicious circle – die Einkommensunterschiede zwischen beiden Geschlechtern vertiefen.

Es sind die Teilzeit arbeitenden Mütter, die nicht an Meetings und Konferenzen teilnehmen können, weil sie ihr Kind aus dem Kindergarten, der Schule abholen oder am Laternenbasteln teilnehmen müsse. Sie bleiben im Falle von Windpocken aller Kinder vier Wochen am Stück zu Hause und halsen allen anderen Kollegen sehr viel Zusatzarbeit auf. Und nein, bei all diesen Beispielen handelt es sich nicht um alleinerziehende Mütter, sondern Frauen, die mit gut verdienenden Männern zusammenleben. Jüngst fragte mein Chef eine Kollegin, die sich wegen eines Eltern-Kind-Grillens spontan eines wichtigen Treffens entziehen wollte, etwas sorgenvoll und durchaus ernst gemeint: „Aber Sie sind doch nicht alleinerziehend, oder? Könnte vielleicht auch mal Ihr Mann zu dieser Veranstaltung gehen?“ Diese Nachfrage löste im Kollegium einen Aufschrei unter den jungen Müttern auf. Vom familienfeindlichen Chauvinisten war da die Rede, wie man denn so etwas fragen könne – und so weiter. Man kann auch analoge Shitstorms veranstalten. Bitte Frauen, wer ist hier der Chauvinist? Der, der die Väter in die Pflicht nimmt oder all die Väter, die ihre Frauen mit dem ganzen Vereinbarkeitsscheiß psychisch und physisch allein lassen?

Nein, ich kann sie nicht mehr hören, weder die Klagen darüber, dass das alles nicht klappt mit den Kindern und dem Job, noch die Fragen, wie ich das denn alles schaffe mit den drei Kindern, dem Vollzeitdeputat und Zusatzaufgaben. Ich vereinbare nicht, ich arbeite und lebe einfach mit den Menschen, die meine Familie sind. Nicht mal nach einem Masterplan. Ja, meine Kinder erleben mich als Menschen, der nicht über grenzenlos viel Zeit verfügt, der sie auch mal vor die Tür des Arbeitszimmers katapultiert, weil konzentriertes Arbeiten nötig ist. Und nein, ich nähe nicht die Kostüme für die nächste Theateraufführung und ich lese auch nicht in der Grundschule vor. Ich fülle meine Tage nicht damit, dass ich stellvertretend für sie ihr Leben lebe, ihre Hausaufgaben mache, ihre Freizeitaktivitäten durchplane und ihre Butterbrote kunstvoll zurechtschnitze. Aber meine Kinder erleben mich als erfüllt mit dem, was ich tue. Und diese Zufriedenheit ist eine gute Basis für unser Verhältnis zueinander.

Vielleicht besteht das Geheimnis nur darin, dass ich meine Kinder nicht parthenogenetisch auf die Welt gesetzt habe, sondern unter Beteiligung eines anderen Menschen, und dass sich dieser Mensch nicht – womit die Brücke zur Nachwuchs-Archäologin aus der sechsten Klasse geschlagen wäre – nur als Erzeuger, sondern als Elternteil versteht, der Kinder in Betreuungseinrichtungen bringen und abholen, Kinderkrankentage ein- und Kotzeimer anreichen kann, das Essen kocht und Geburtstagsgeschenke kauft. Ich kann das auch. Wenn er es macht, sieht es anders aus als bei mir. Aber das ist okay. Wir haben elterliche Mindeststandards definiert ;-).

Und nein, der Mann hat einen ebenso verantwortungsvollen Job. Und wo ich gerade dabei bin: Der oft gehörte Satz „Bei uns wäre das aber nicht möglich. Mein Mann darf nicht eher von der Arbeit nach Hause, sein Chef will das nicht“, dieser Satz gehört in die Mottenkiste. Wege entstehen dadurch, dass Mann sie geht. Oder aber dadurch, dass Frau sitzen bleibt: zum Beispiel im Meeting, und das Telefon ausstellt. Gut, letzteres ist die brachialere Methode. Aber manchmal hilft nur der Betonpfeiler.

Und was mir noch fehlt in der Liste der Totschlagargumente: Die Wahlfreiheit. Das ist doch etwas Feines. So viele Frauen sitzen zu Hause, weil sie es so wollen. Dinkelkekse backen und den Ziegenkäse selber herstellen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Nur drei Dinge:

Erstens: Manchmal macht man sich zu wenig Sorgen darum, wie dieses Leben aussehen könnte, wenn der Verdiener krankheits- oder lebensphaseninnovationsbedingt wegfällt. Plötzlich sind sie weg, das Haus, die Kekse und die Ziegen, und jenseits der Komfortzone lauert das Leben, das viel milder sein könnte, hätte man sich früher mit ihm angefreundet.

Zweitens: Wer die Wahlfreiheit für sich beansprucht, darf sie anderen nicht absprechen. Wer Toleranz einfordert, muss sie leben. Auch denen gegenüber, die es anders machen. Das gilt auch für mich ;-).

Drittens: Wer ein Ziel hat, findet Wege, wer etwas nicht will, findet Gründe.