Inspiriert durch Pirmin Stadlers 44 sehr sinnvolle Fragen an Schule, Lehren und Lernen, deren Wurzel wiederum auf einen Blogbeitrag Martin Gaedts zurückgehen, meine Fragen an das Leben. Wild, ungeordnet, subjektiv, also wie immer:

1. Warum legen LehrerInnen bei den Schülerinnen und Schülern viel Wert darauf, dass sie kooperativ lernen und sozial handlungsfähige Wesen sind, sind aber kaum in der Lage, sich im Lehrerzimmer jenseits der ritualisierten Klagen über Lernende und Lehrpläne auf gemeinsame Ziele, Inhalte und Qualitätsmerkmale guten Unterrichts zu verständigen, geschweige denn, bei der Unterrichtsentwicklung zusammenzuarbeiten?

2. Warum meinen LehrerInnen, dass sie ihre SchülerInnen auf die Welt von morgen vorbereiten, fragen sie aber viel zu selten, wie die Welt von morgen aus der Perspektive von morgen überhaupt aussieht und welches Rüstzeug die SchülerInnen aus eigener Sicht benötigen?

3. Warum fällt das Ehegattensplitting in Deutschland unter familienpolitische Leistungen, obwohl es nur zu einem Bruchteil Kindern zugute kommt?

4. Warum erstellen Schul- und Bildungsministerien digitale Agenden, verraten aber nicht, woher Kommunen und private Schulträger das Geld nehmen sollen, um manche Kinder überhaupt in die Nähe eines PCs zu bringen?

5. Warum haben Eltern keine Lobby?

6. Warum interessiert viele Eltern nur, was in der Schule läuft, wenn es mit den Noten nicht stimmt?

7. Was wäre, wenn man die Zeit, die in Lehrerkonferenzen versickert, um über bewegliche Ferientage und das Verbot des Toilettengangs in der Schulordnung zu streiten, stattdessen für echte Kollaboration in kleinen Teams nutzen könnte?

8. Warum soll jedes Kind in seinem eigenen Tempo und nach Interessenschwerpunkten lernen, wenn es am Ende zum gleichen Zeitpunkt und mit den gleichen Prüfungsfragen seine Schulkarriere beendet?

9. Wie lange waren manche Redakteure und Journalisten, die von der permanenten Überforderung im Lehrerberuf reden, schon nicht mehr in der Schule?

10. Warum sagen LehrerInnen so selten „Ich weiß es nicht. Lasst es uns herausfinden!“?

11. Warum ist es an deutschen Schulen völlig egal, ob man guten oder schlechten Unterricht macht, sich für die Schule engagiert, Fortbildungen besucht oder nicht? Warum gibt es keine Personalentwicklungsgespräche? Warum werden Beförderungen von Berufsjahren statt Leistung abhängig gemacht?

12. Warum dauern schulische Entscheidungsprozesse so lange, dass von der Beschlussfassung bis zur Ausarbeitung und konkreten Umsetzung mindestens eine Generation SchülerInnen die Schullaufbahn durchläuft?

13. Warum haben unsere Prüfungen Formate, die lebensfern, wenig motivierend und mittlerweile sogar nicht mehr durch die neuen Curricula vollständig gerechtfertigt sind?

14. Warum verlieren wir so viel Zeit im „klein-klein“, statt uns auf wirklich wichtige strategische Bildungsfragen zu konzentrieren?

15. Glauben die Kollegen, die im Geschichtsunterricht dem nationalen Meisternarrativ anhängen und es so vortragen und abfragen, auch daran?

16. Warum geben wir uns der Illusion hin, dass Schule und Unterricht Antworten auf alle Fragen wissen, statt Fragen zu formulieren, mit denen die Schülerinnen und Schüler an ihr Leben herantreten?

17. Warum hat Bildung gegenüber Ausbildung so einen bemerkenswert geringen Stellenwert?

18. Warum schmücken sich Kollegen vor Schülern damit, nicht intellektuell wirken zu wollen? Ist Dummheit eine pädagogische Kardinaltugend?

19. Warum hören LehrerInnen ihren SchülerInnen so selten zu?

20. Warum ist das normale Stundendeputat von LehrerInnen in Deutschland so bemessen, dass dabei qualitativ guter Unterricht (fachdidaktisch motiviert, fordernd und fördernd, schülerorientiert, auf Heterogenität Rücksicht nehmend, diagnostisch scharf) nur möglich ist, wenn man seine freie Zeit auf ein Minimum reduziert?

21. Warum erwartet man von LehrerInnen 24×7 Stunden Altruismus, um sie gern im selben Atemzug als viel zu gut bezahlte faule Säcke zu beschimpfen?

22. Was wäre, wenn plötzlich alle Mütter, die unbezahlt in Grundschulen ihren Dienst in Bibliotheken, an PCs, beim Schwimmunterricht u.ä. versehen, ihren Dienst niederlegten oder eine angemessene Bezahlung verlangten?

23. Warum ist dem Staat Ausbildung so viel wert, dass er jedes Jahr wieder Tausende nicht festangestellter LehrerInnen in den Sommerferien in  die Arbeitslosigkeit schickt?

24. Warum gelingt Schulen die gesunde Balance aus Enkulturation und Innovation eher selten?

25. Was ist schlimm daran, wenn Schülerinnen und Schüler manchmal mehr wissen als ihre LehrerInnen?

26. Was wäre, wenn wir plötzlich wieder ein Jahr mehr Zeit zum Lernen hätten?

27. Gibt es Untersuchungen darüber, wann und aus welchem Grund manche Kinder und Jugendliche im Lauf ihres Lebens nicht mehr gern zur Schule gehen?

28. Warum funktioniert Ganztag so oft nach dem Motto „Wir nehmen die vertraut-verkrustete Schulstruktur und prolongieren sie bis 17 Uhr?“ Warum sprechen wir Kindern und Jugendlichen den Bedarf nach Rückzug, Privatheit, Anarchie ab?

29. Warum verkaufen ReferendarInnen nach ihrer Ausbildungszeit ihre Fachbücher?

30. Warum kommt in NRW auf 4000 Kinder ein einziger Schulpsychologe?

33. Was würde sich ändern, wenn alle Kopierer über Nacht ihren Dienst aufgäben?

34. Gewöhnen wir unseren Kindern mit äußerst kleinschrittigen Aufgabenapparaten (für „lernschwache SchülerInnen“) nach und nach das selbständige Denken und Fragen ab?

35. Kann man aus schulischen Glücksmomenten (in der Regel sind es die, in denen sich SuS als selbstwirksam erleben und dabei Zeit und Raum aus den Augen verlieren) allgemeine Formeln ableiten?

36. Warum denken LehrerInnen so selten laut?

37. Was wäre, wenn LehrerInnen nicht nur mehr lernen, sondern Praktika in verschiedenen Berufsfeldern absolvieren müssten/dürften?

38. Sind LehrerInnen, die sich der Digitalisierung verweigern, die Hipster von morgen?

39. Nimmt das Bedürfnis, Fragen zu stellen, mit der Anzahl an Berufsjahren eines Lehrers ab?

40. Sähe Schule anders aus, wenn Geld keine Rolle spielte?

41. Warum haben viele Schulen keine/n Gleichstellungsbeauftragten?

42. Wie kann man Deutsch unterrichten, wenn man nicht gern liest?

43. Warum ist LehrerInnen oft zu warm und Schülern oft zu kalt? Was sagt das Temperaturempfinden über den Aktivierungsgrad des Unterrichts aus?

44. Wie überlebt man Schule ohne Twitter?