Kein Tag vergeht ohne Schlagzeilen über der Deutschen liebsten Sündenbock – den gemeinen Lehrer. Jeder war einmal Schülerin, jede kennt einen Lehrer, da kann man mitreden, selbstverständlich, gern.

Da lässt sich eine Autorin, die 22 Jahre lang als Vertretungslehrerin gearbeitet hat, im SPIEGEL darüber aus, dass nirgendwo so viel geheult werde wie im Lehrerzimmer und beklagt pauschalisierend die Praxisferne, Phantasielosigkeit und Negativpsychologie des Lehrerstandes. Der Tagesspiegel zitiert eine Studie, nach der Lehrer schlecht auf die Zuwanderung vorbereitet seien. Andernorts las ich in Überschriften meinen persönlichen Trigger: „Überforderung“. Lehrerinnen sind scheints mit allem überfordert: Migration, Inklusion, Notengebung, Eltern, verhaltensauffälligen Kindern, individueller Förderung, Bundesjugendspielen, dem Alltag, der Zukunft, den digitalen Medien, den Lehrplänen … (Hier darf beliebiger Bullshit ergänzt werden.)

Es hat den Anschein, als seien Deutschlands Lehrer neurotische Waschlappen, die mit den alltäglichen Anforderungen ihres ach so trivialen, überbezahlten Halbtagsjobs nicht klarkämen.

Mit Frau Drehumdiebolzen   stelle ich auf Twitter fest, dass auch andere Menschen in ihren Jobs weinen, manche auf dem Klo, andere ins Kopfkissen. Heulen im Lehrerzimmer fällt vielleicht deshalb so sehr auf, weil im schlimmsten Fall 122 Leute drumrum stehen und es von 8-17 Uhr keinerlei Privatsphäre gibt. You never walk alone. Was macht so eine gemeine Lehrerin eigentlich den ganzen Tag. Und warum streckt sie manchmal erschöpft alle Viere von sich? Reden sollte sie lieber nicht darüber, sonst – siehe oben – you know the Waschlappen myth. Ich mache es trotzdem einmal.

Das Land NRW skizziert sechs Handlungsfelder, in denen Lehrerinnen und Lehrer professionell agieren (lernen / sollen).

1. Unterricht gestalten und Lernprozesse nachhaltig anlegen

Ein Handlungsfeld, das Lehrerinnen und Lehrern erfahrungsgemäß Freude bereitet, sind sie doch da in ihrem Fach, im besten Fall begeisterungsfähig, pädagogisch und psychologisch geschult, lesen Fachliteratur und fachdidaktische Zeitschriften, nehmen sich am Wochenende (wann auch sonst im Ganztag?) Zeit für Reihen- und Sequenzplanung, zäumen das Pferd von hinten auf, indem sie fragen, was das einzelne Kind am Ende können soll und wie es Schritt für Schritt dorthin gelangt. Motivierende Einstiege, Schüler- und Gegenwartsorientierung, die Frage nach der Nachhaltigkeit: Wie sichere ich ab, dass was hängen bleibt, wo verankere ich neues Wissen, wie mache ich es fluide und abrufbar?

Moment, sagen Politiker, Journalisten, Arbeitgeberverbände. Das reicht uns nicht. Fächer, Lehrer, Lernen, am besten noch ab und an zweckfrei – das ist doch vorgestrig. In der Schule als Legitimationsinstanz nationaler ökonomischer und politischer Interessen sollen junge Menschen gefälligst auch lernen, wie man Steuererklärungen erstellt, chinesische Karten des 15. Jh. liest, seine Brote schmiert und den Kohlehydratgehalt von Cola mithilfe der aufgedruckten Nährstofftabelle ermittelt. (Auch hier darf beliebiger Bullshit ergänzt werden)

2. Den Erziehungsauftrag in Schule und Unterricht wahrnehmen

Rücken gerade, Kopf hoch, mit beiden Füßen auf dem Boden im Klassenzimmer stehen. Lehrer sind Erzieherinnen, heute mehr denn je. Und Schüler nehmen es dankbar wahr, wenn Regelklarheit herrscht, weil Konsequenzen nichts mit Liebesentzug zu tun haben, sondern die absehbare Folge von Fehlverhalten sind. Dieser Erziehungsauftrag erfordert Energie. Acht Stunden am Tag, auch in der Pause, auf Klassen- und Kursfahrten, Tag und Nacht. Er erfordert ein dickes Fell, ein Sich-Immer-Wieder-Neu-Einlassen auf jede Schülerin, eine professionelle Trennung von Person und Funktion. Konfliktfähigkeit, wenn es darum geht, die eigenen Verhaltensmaßstäbe mit denen des Elternhauses abzugleichen.

Ab und an lese ich von Gerichtsurteilen, die mich irritieren, die ich aber nicht kommentiere, weil ich keine Details kenne. Nur das: die Klagewut der Eltern nimmt zu, die Idee einer Erziehungspartnerschaft ist etwas, deren Implementierung in den Köpfen mancher Eltern nur mittels NLP möglich ist.

3. Leistungen herausfordern, erfassen, rückmelden, dokumentieren und beurteilen

Leistungen fordern ist etwas, was viele Lehrer gern tun. Kindern Herausforderungen zumuten und ihnen dabei helfen, sie zu bewältigen. Weichgespült durch Eltern und Politik werden wir beim Fordern häufiger ausgebremst als uns lieb ist. „Das Kind soll im Deutschunterricht ein ganzes Buch lesen?“ „Für das Referat soll das Kind in eine Bibliothek gehen? Reicht nicht die Wikipedia?“ „Seien Sie vorsichtig mit den Hausaufgaben! Der Runde Tisch NRW möchte auch hier eine Verschlankung“

Und der Rest – wer nicht Sport und Religion unterrichtet, kennt den Klausurmarathon an Sonn- und Ferientagen, wertschätzende Kommentare, Zwischengespräche zum Leistungsstand, die sich häufig hin zu Lebensberatungsgesprächen entwickeln, das Eintragen von Tausenden Noten in diverse Systeme, begleitet von seitenlangen Förderempfehlungen, die der Lehrer, sobald er sich erdreistet, Noten zu vergeben, die schlechter als ausreichend sind, ausfüllen muss, obwohl mit jeder Klassenarbeit und Klausur fördernde Hinweise gegeben werden. Böse Stimmen munkeln, das Land mache diese Auflagen, um die Quote an mangelhaften Noten zu senken.

4. Schülerinnen und Schüler und Eltern beraten

180 Schülerinnen haben 360 Eltern. All diese Menschen möchten mit Lehrerinnen und Lehrern kommunizieren. Glücklicherweise nicht gleichzeitig, aber regelmäßig. Das sind häufig richtig gute Gespräche, manchmal weniger gute. Fingerspitzengefühl, ein Gespür für Non- und Paraverbales, die Fähigkeit, auch nach einem langen Tag abends um 21 Uhr noch zuhören zu können und niemanden mit seinem Rat totschlagen.

5. Vielfalt als Herausforderung annehmen und Chancen nutzen

Hier sind sie verortet, die Überforderungsmythen der Gegenwart – allen voran Inklusion und Migration. Erstere im Deutschen verengt verstanden nur im Hinblick auf die gleichberechtigte Partizipation von Menschen mit Behinderungen in den Schulalltag, während der Begriff vor allem im angloamerikanischen Raum universal begriffen wird. Nach drei Jahren in einer inklusiv arbeitenden Klasse sage ich, es ist eine tolle Erfahrung, und es hat mein Spektrum an „So kann ein Mensch sich auch verhalten und so kann ich professionell reagieren“ enorm erweitert. Inklusion stärkt Sozialkompetenz von Lehrerinnen und Schülern. ABER: Inklusion braucht Raum, Zeit und – Vorsicht: auch Geld! Für Förderlehrkräfte, für Inklusionshelfer, die ein Kind im Unterricht begleiten, für zusätzliche Räume, Geräte, die Menschen die gleichberechtigte Partizipation am Unterricht überhaupt erst ermöglichen, und ja, es braucht auch Schülerinnen und Schüler, die von Haus aus so geerdet sind, dass sie über auffälliges Verhalten hinwegsehen oder es mit Humor nehmen können. Und sicher, es braucht die Lehrerinnen und Lehrer, die die Inklusion tragen. Das bedeutet neben der Auseinandersetzung mit verschiedenen Besonderheiten auch: Gespräche mit Psychologen, Therapeuten, Eltern, Begleitern, Kliniken. Es braucht Besonnenheit und Geduld. Es braucht Arbeitszeit. Und zwar viel, denn im Sinne der Förderung von Vielfalt werden nicht eine, zwei oder drei Klassenarbeiten auf verschiedenen Niveaus geschrieben, sondern wesentlich mehr, denn jede diagnostizierte Auffälligkeit trägt eine besondere Form der Leistungsüberprüfung in sich. Gleiches gilt für die Stunden- und Hausaufgabenplanung. Diese Arbeitszeit wird nicht gegeben. Man muss sich nehmen. Von seiner Freizeit. Seiner Familienzeit. Seinem Nachtschlaf.

Die Flüchtlinge haben die Klassen bunter gemacht. Wenn, wie in unserer Schule, Schülerinnen und Schüler nach einer Zeit der intensiven Sprachförderung auf die bestehenden Klassen verteilt werden, haben sie gute Chancen auf einen Schulabschluss. Nichtsdestoweniger bedeutet Unterrichtsvorbereitung zusätzlich: für den jeweiligen Sprachstand angemessenes Material mitbringen, kontrollieren, im Unterricht ein bis zwei Fremdsprachen sicher sprechen, um sicher zu gehen, dass das Verstehen umfassend ist.

6. Im System Schule mit allen Beteiligten entwicklungsorientiert zusammenarbeiten.

Lehrerkonferenzen, Fachkonferenzen, Teambesprechungen, AGs. In meinem früheren Job habe ich viel und gern an Meetings teilgenommen. Die waren zielführend. An Schulen ist das häufig anders. Lehrer reden gern, aber manchmal auch wenig zielführend. Und wenn man versucht, so merkwürdige Dinge wie Projektpläne mit Deadline und Verantwortlichen zu erstellen, gilt man als „pushy“ und „Frau Kollegin mit zu hoher Drehzahl“.

Meines Erachtens ein Desiderat. Viele Lehrerinnen und Lehrer arbeiten nicht gern zusammen, lassen sich ungern in die Karten gucken und empfinden jedes Gespräch über Unterricht als Angriff auf das eigene Lehrerhandeln. An dieser Stelle jammere ich gern einmal, belasse es aber nicht dabei, sondern versuche die Arbeithaltung und -kultur zumindest der Lehramtsanwärterinnen zu ändern. Ach ja, die gibt es auch noch. Ausbildungsunterricht ist toll, weil da junge Menschen sind, die über Unterricht reden und an sich arbeiten wollen. Nix Waschlappen.

Nicht in den Handlungsfeldern inbegriffen ist übrigens das Wechseln von Kathetern und Windeln, das komplette Tourismusmanagement für ein- bis zweiwöchige Klassenfahrten, die Reparatur defekter Hardware und Rollstühle, psychosoziale Beratung für die ganze Familie, umfassendes Fundraising für wichtige Projekte (nein, nicht Straßenbau!), Maler- und Lackiererarbeiten im Klassenraum, Fahr- und Putzdienste. (auch hier: Beliebig zu ergänzen)

Typische Lehrertage beginnen um 07.30 in der Schule vor einem defekten Kopierer für 150 Lehrer, enden am ersten Arbeitsplatz in der Schule häufig genug erst um 17 Uhr und am heimischen Schreibtisch gegen 22 Uhr. Dazwischen liegen im schlimmsten Fall keine Pausen, weil da Schulstandorte gewechselt werden, Schüler und Kollegen ihr Herz ausschütten, der Kopierer repariert werden muss oder Bücherstapel von A nach B getragen werden müssen. Es gibt Tage, da esse ich wenig und trinke noch weniger, einfach weil es nicht hineinpasst. Was für mich fehlt ist m.E. ein Modul „Selbstachtsamkeit“ während der Lehrerausbildung.

Puh. Jetzt habe ich mich in Rage geschrieben. Vielleicht ist der Außenblick meiner Leserinnen auf das Lehrerleben wiederum das eines langen Lamentos. Das war nicht intendiert. Ich mag meinen Job, und in den Sommerferien beginne ich meine Schüler zu vermissen. Ich denke häufig daran, was ich ihnen erzählen möchte, schnippele Zeitungsartikel aus, schreibe Mails. Ich tanke beim Unterrichten Energie, und die ist es wohl, die mich häufig wie unter Speed weitermachen lässt, auch wenn der Tag schon mehr als zwölf Stunden hatte. Junge, manchmal störrische Menschen, strahlende Augen, ungewöhnliche Ideen, Fragen, die ich mir so nie gestellt hätte, soziale Interaktion, die kein Lernprogramm ermöglicht, Lachen, gemeinsam lernen, herumalbern, selbst täglich dazulernen dürfen. Frau Brune hat das in diesem ZEIT-Artikel ganz wunderbar zusammengefasst.

Langer Rede kurzer Sinn: Quatscht den Lehrern nicht täglich ins Handwerk, liebe Journalisten, Politiker und Menschen, die ihr es von Berufs wegen immer besser wisst. Akzeptiert Professionalität.

Und redet um alles in der Welt nicht ständig von Überforderung. Oder aber tut es, nachdem ihr einige Monate lang in einer Schule mit einer sehr heterogenen Schülerklientel in Vollzeit gearbeitet habt. Benennt die Herausforderungen, macht es detailliert, legt auch den Finger auf Missstände, aber kippt das Kind nicht mit dem Bade aus.

* Der reflektierteren Lesbarkeit halber verzichte ich auf das generische Maskulinum und variiere planlos.