Auf Twitter tobte dieser Tage ein Streit um die rechte Art und Weise, mit kindlicher Schusseligkeit auf schulischer Ebene umzugehen. Disziplinierung und Sanktionierung sind im System Schule häufig, wenn pädagogische Maßnahmen ausgereizt sind, die letzten Wege mancher LuL, mit Vergesslichkeit, Nachlässigkeit u.ä. umzugehen.

Schnell ging es aber gar nicht mehr um vergessene Hausaufgaben und Hefte, sondern um die Kompetenzen von LuL, aber auch Eltern in ihrer Erziehungsfunktion, die angezweifelt wurden. Mittlerweile lese ich großzügig über all diese Tweets hinweg, weil sie mich nicht betreffen, so sage ich mir, ärgere mich aber doch. Ich habe in meiner Rolle als Lehrerin bislang kein einziges persönlich kränkendes Gespräch mit Eltern führen müssen, und ich muss auch keine Eltern kleiner reden, um mich größer zu fühlen. Vielleicht habe ich das große Glück, dass ich sechsmal im Jahr auf der anderen Seite sitzen darf – als Eltern – und darum viele der Sorgen und Fragen nachvollziehen kann. Die Menschen, die vor mir sitzen, wollen das Beste für ihre Kinder, und manchmal bedarf es eines längeren Gesprächs herauszufinden, was dieses Beste ist, und dabei helfen unterschiedliche Perspektiven ungemein: Ich lerne Seiten von Kindern und Jugendlichen kennen, die mir im Unterricht verborgen bleiben, ebenso aber erfahren Eltern Dinge über Lern-, Leistungs- und Sozialverhalten, die ihnen vorher fremd waren. Will sagen: Eltern- und Schülersprechtage können eine Bereicherung für beide Seiten darstellen, vorausgesetzt, die Basis stimmt: Schule und Elternhaus stehen neben dem Kind, begleitend, als Rückenwind, jeder auf seiner Seite, Mehrperspektivität bereichert, wenn man sie annimmt und respektiert.

Respekt, das ist es, was ich in manchen Diskussionen (merkwürdigerweise aber fast ausschließlich digital) vermisse: Ich habe meine Unterrichtsfächer studiert, ich lerne, lese und liebe lebenslänglich, was ich tue, von und mit Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen, plane, reflektiere und evaluiere meinen Unterricht und kann darüber Rechenschaft ablegen, warum ich wann in welchem Schuljahr und in welcher Reihenfolge die Schülerinnen und Schüler bestimmte Themenbereiche erarbeiten. Und wenn ich merke, so läuft es nicht, mache ich es anders. Wer viel macht, macht auch Fehler. Gottseidank.

Respekt ist aber offenbar auch das, was Eltern seitens mancher LuL vermissen: Auf dem Gebiet des Lehrens, Lernens und Fachwissens Experte zu sein gibt keinen Freibrief, es besser zu wissen, sondern eine Brücke zu schlagen zwischen dem eigenen Wissen und dem Informationsbedarf der Eltern, zu erklären, warum ich es für sinnvoller halte, in der 9. Klasse „Andorra“ zu lesen als „Die Räuber“ und im Geschichtsunterricht im Umgang mit der Shoa nicht die moralische Keule des Heulens und Zähneknirschens herauszuholen, sondern lieber über verschobene Referenzrahmen zu forschen, die Nazitäter in autobiografischen Quellen offenbaren.

Und dann frage ich mich manchmal, wie diese Bias zustande kommt: Im Alltag, mit Eltern und Schülern, sind meine Begegnungen von gegenseitigem Respekt geprägt, und in Gesprächen sehe ich oft die Fähigkeit, sich auch in meine Rolle hineinzuversetzen („Und Sie müssen 160 Klausuren pro Halbjahr korrigieren? Wann machen Sie das? Gibt es dafür Überstundenzulagen?“), und in der Anonymität des Netzes nehmen die (durchaus auch gegenseitigen) Beschimpfungen ein Maß an, dass ich zusammenzucke. Das gilt übrigens – auf einem wesentlich höheren Niveau – auch für mediale Darstellungen von (jetzt kommen sie wieder, meine Lieblingsattribute: überforderten und verunsicherten) Lehrern und den obligaten fachdidaktischen Rundumschlag, der sich gern in gepflegten akademischen Diskursen gegen die vermeintlich miserable Qualität des Unterrichts, die dummen Lehrer und ihre Unfähigkeit, von Schulbuchwissen zu abstrahieren, richtet. Gern ausgesprochen von Menschen, die außer einem Referendariat wenig Unterrichtspraxis vorzuweisen haben, wenn überhaupt.

In einer lustigen Aktion habe ich vor ein paar Jahren gemeinsam mit einer Journalistin ein Experiment unternommen: Sie hat Deutsch in maximal pubertierenden 8. Klassen unterrichtet und danach darüber geschrieben. Meine Didaktikseminare in Deutsch haben ein Jahr lang immer abends nach 18 Uhr stattgefunden, weil mein Prof es wissen wollte, wie es sich anfühlt, in Vollzeit zu unterrichten. Am Ende war bei beiden viel Müdigkeit, aber wichtiger: Verständnis für die Perspektive, Sachzwänge, Launen, auch Fehler und Deformationen des anderen.