(der Titel ist der gerade erschienenen und für mich eher aus historischer denn literaturwissenschaftlicher Perspektive spannenden Edition der Briefsammlung von Christa Wolf entnommen, gefällt mir aber ausnahmslos gut.)

Es ist manchmal nicht einfach mit der Kommunikation im Netz. Schon gar nicht, wenn der eigene Horizont auf 140 Zeichen eingedampft wird. Gestern, da gab es eine – teilweise hitzige – Diskussion zum Thema Grundschulpädagogik, Fördern und Fordern, Umgang mit verhaltensoriginellen Kindern, sinkendem Niveau, Differenzierung. Auf Twitter erschienen mir die Fronten binär, doch das, was ich als Schulalltag erlebe, ist weitaus komplexer. Ich arbeite in einem Schulverbund aus Gymnasium und Sekundarschule, es gibt seit 2008 Klassen des gemeinsamen Unterrichts, die meisten Lehrerinnen und Lehrer arbeiten schulformübergreifend. Das heißt für mich: ich kenne die Lernvoraussetzungen an Gymnasien, Schülerinnen und Schüler, die sehr motiviert arbeiten, Eltern, die ihren Job als Eltern in der Mehrheit ernst nehmen und mit den Lehrerinnen und Lehrern kooperieren. Ich lebe und erlebe Unterricht auf fachlich sehr hohem Niveau, Diskussionen, in denen es um Demokratieverständnis, historisches Bewusstsein, den ästhetischen Wert von Literatur, um Ethik und Verantwortung geht. Mit Schülerinnen und Schülern, bei denen der Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule und Unterricht leicht einlösbar ist.

Ich erlebe aber auch den Zusammenhang von sozialer Herkunft und mangelhafter Schulleistung. Ich erlebe gute biografischen Entwicklungen, bei denen Kinder sich aus ihrer Ursprungsfamilie lösen können und den Ausstieg durch Bildung schaffen. Ich sehe auch, dass es vielen Kindern guttut, inklusiv beschult zu werden. Nicht nur denen, die wir gern mit ESE, Autismus, ADHS u.ä. etikettieren, sondern auch denen, die diese Kinder erleben, denn es weitet ihre Wahrnehmung von Vielfalt. Es gibt immer und immer wieder Momente, in denen ich denke, ich muss das jetzt bloggen. Wenn mir die Schülerin mit Autismus-Spektrumsstörung erklärt, wie sie Emotionen mit Plakaten lernt und einen Abgleich mit meinem Gesicht versucht. Wenn sie mir verständlich macht, dass der Toilettenabzug im Obergeschoss, den ich nicht einmal höre, sie unfassbar wütend macht, wenn er während der Unterrichtsstunde betätigt wird. Wenn sie mir sagt, dass es ihr hilft, wenn sie einfach mal auf den Hof gehen kann, wenn es ihr zu viel wird. Wenn wir zusammen im Freizeitpark unterwegs sind und die Mitschüler an der Kasse auf die Frage des Kassierers „Ist der behindert?“ antworten: „Klar, wir sind alle behindert, Sie nicht?“

Ich sehe aber auch die Grenzen dieses Systems: Wenn es in den für das Lernen auch nötigen Instruktionsphasen (ich rede nicht von stundenlangem Frontalunterricht) nur mit Mühe möglich ist, Ruhe zu schaffen, weil kleine Menschen mit notorischer Unruhe Lineale hinunterwerfen, meinen, jetzt und genau jetzt durch die Klasse laufen zu müssen oder zu singen, wenn 25 SchülerInnen zuhören und fünf etwas anderes tun möchten oder auch gar nicht anders können. Wenn aus organisatorischen Gründen 15 von 30 Kindern mit diagnostizierten Störungen nach Auflösung einer Förderschule in einer Klasse sitzen und die anderen 15 nach Gymnasialniveau beschult werden sollten. Förderschullehrer? Schwanger, in Elternzeit, nicht da. Fehlanzeige. Ich sehe mich und die KollegInnen in manchen Stunden scheitern, trotz aller wohlüberlegten Konzepte zur Binnendifferenzierung, weil es an Menschen mangelt, die sich mit Menschen auseinandersetzen, die mehr Zuwendung brauchen. In manchen Klassen nehmen die nachmittäglichen Gespräche mit Psychologen, Eltern, Sozialarbeitern und Therapeuten so viel Zeit weg, dass die Unterrichtsvorbereitung (die für mich einen zentralen Stellenwert einnimmt, schließlich ist guter Unterricht mein Kerngeschäft), in der Nacht stattfindet – oder, bei ausgebrannten Kollegen, gar nicht mehr.

Ich sehe die Grundschule meiner Kinder, in denen Lehrerinnen und Lehrer ähnlich allein dastehen, weil eine Förderpädagogin für 10 Klassen hinten und vorn nicht reicht, sehe auffällige Kinder in Einzelhaft im Lehrerzimmer sitzen, weil der Rest der Klasse auch beschult werden möchte. Ich sehe, dass sozial und emotional ausbalancierte Kinder wie meine Töchter gern als Puffer neben unruhige Kinder gesetzt werden und fortwährend im Kleinen Hilfe leisten. Kinder sind – bei allen Vorzügen kooperativen Lernens – keine kleinen Sozialarbeiter und Förderschullehrer, sondern vorrangig Kinder. Sie haben, egal ob sie nach oben oder nach unten von der sogenannten Norm abweichen, ein Recht auf Bildung und individuelle Förderung.

Was ich sagen wollte: ich sehe viel mehr als auf 140 Zeichen passt. Und ich bin mir sicher, das ist bei all den anderen in dieser Diskussion auch so. Womit niemandem geholfen ist: Lehrer als inkompetente und wahlweise konservative oder weichgespülte Weicheier zu bezeichnen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen arbeiten in Teilzeit, nicht, weil sie kleine Kinder haben, sondern weil sie die 80-Stunden-Wochen während der Schulzeit nicht mehr stemmen können. Und: Lehrer sind keine Kollektivversager, dazu sind zu viele unterschiedliche Menschen in diesem Job unterwegs, die zwischendurch an denselben systemischen Problemen scheitern (oder besser: dagegen kämpfen). Auch Eltern sind keine leistungsorientierten Lehrer- und Inklusionsfeinde. Sie lieben und wollen darum  das Beste für ihr Kind. Und das ist nun mal unterschiedlich: Die einen wollen, dass ihr Kind, das vielleicht irgendwann eine Diagnose erhalten hat, die es als „nicht Mainstream“ etikettiert, mit allen anderen gemeinsam beschult wird. Das verstehe ich sehr gut. Die anderen Eltern wollen, mit einem ebensolchen Recht, dass ihr Kind leistungsadäquat beschult wird. Und dazwischen steht – in der Regel ein einziger Lehrer, eine einzige Lehrerin. An den weiterführenden Schulen mit 180 bis 220 Schülern betraut, an den Grundschulen sind es zwischen 25 und 75. Kein Lamento, schlichtweg die Feststellung, reality bites.

Manchmal frage ich mich ja, wie es wäre, wenn die Fachärztin für Onkologie gleichzeitig Krankenschwester, Verwaltungsangestellte, Vorzimmerpersonal, Psychologin und Familientherapeutin wäre. Würde nicht vielleicht jemand von der Seite einwenden, da sei gar keine Professionalisierung mehr möglich? Würde man nicht misstrauisch ob der Qualität ihrer Kernaufgaben? Kann sie die überhaupt noch adäquat wahrnehmen? Nur an deutschen Schulen grassiert weiter unverzagt die Idee der eierlegenden Wollmilchsau Lehrer, gut bezahlt und mit genügend Ferien.

Was wir m.E. brauchen ist mehr Ehrlichkeit in dem, was schief läuft. Eine schuldzuweisungs- und ideologiefreie Diagnose, aus der heraus eine Analyse mancher Fehlentwicklungen möglich ist. Kleinschrittige Veränderungen, Prototypen, an denen Reformen getestet werden, bevor man ganze Länder damit überrollt.

Wir brauchen die Anerkennung, dass Menschen verschieden sind. Für die einen steht Leistung im Vordergrund, für die anderen soziales Miteinander. Die einen sind handwerklich begabt, die anderen kognitiv stark. Für all diese Menschen muss Schule ein Ort sein, an dem sie sich ihren Begabungen entsprechend entwickeln und Abschlüsse erzielen können. Das muss nicht das phantasiearme Abitur sein.

Aus alldem folgt, dass es mehr Menschen braucht, die sich mit Heranwachsenden im Schulsystem beschäftigen. Nicht nur Lehrer, sondern Psychologinnen, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Therapeuten. Multiprofessionelle Teams. Sind in allen anderen Bereichen des Lebens längst angekommen, aber Schule ist ja bekanntlich ein zähes und noch dazu chronisch unterfinanziertes System.

(Zum Ende des Referendariats schüttelte mir mein Kernseminarleiter die Hand und wünschte mir, dass ich mir meinen humanistischen Blick auf die Schule bitte bewahren solle, das Ganze sei an vielen Tagen ein knallhartes, desillusionierendes Geschäft politischer Eitelkeiten. Damals dachte ich „häh“? Heute denke ich manchmal „jaja“)