Nach einer Nacht, in der ich trotz Ende des Shabbat und der damit verbundenen Quirligkeit in den Straßen Jerusalems tief und traumlos schlief, waren wir heute in Jerusalem unterwegs. Nach einem koscheren Frühstück, das mit viel Weißkäse, Gemüse, Obst und unglaublich leckerem Süßkram für mich fast wie ein Mittagessen anmutet, starten wir auf dem Ölberg, von dem aus sich eine tolle Sicht auf die Altstadt und den Tempelberg bietet. Der Ölberg ist einer der Orte in Jerusalem, an dem ähnliche Narrative der drei Religionen nebeneinander stehen. Nach jüdischem Glauben wird der Messias über den Ölberg nach Jerusalem einziehen und unterhalb des Hügels das Jüngste Gericht abhalten. Darum gibt es am Hang des Ölbergs einen großen jüdischen Friedhof. Die Christen wiederum glauben, dass Jesus vom Ölberg in Jerusalem einzog und vor seiner Kreuzigung am Fuß des Berges im Garten Getsemani gefangengenommen wurde und vom Ölberg in den Himmel fuhr. Auch die Muslime glauben an ein endzeitliches Gericht am Ölberg und nennen das Tal, in das die Verdammten fallen, die es nicht schaffen, auf einem Seil den Weg zum Ölberg zu überqueren, das Tal der Gerechten. Aufgrund der großen Bedeutung des Ölbergs für alle monotheistischen Religionen ist der Ölberg reich an Kirchen: Neben der evangelischen Himmelfahrtskirche erwähnenswert ist die kleine römisch-katholische Kirche „Dominus flevit“ (der Herr weint), die 1955 auf den Fundamenten aus dem 6. Jahrhundert in Form einer Träne erbaut wurde. Ein vergittertes Fenster, das leider dauerhaft von Touristen belagert wurde, bietet ein Blick auf die Altstadt mit Grabeskirche und Felsendom. Besonders ins Auge fällt wegen ihrer vergoldeten Zwiebeltürme die russisch-orthodoxe Maria-Magdalena-Kirche – und wunderschöne Fresken bietet die römisch-katholische Kirche der Nationen im Garten Getsemani, die am Fuß des Berges in Erinnerung an das Gebet Jesu im Garten Getsemani errichtet wurde.

Der Ölberg ist Ort für Pilger aus aller Welt – so mischen sich die Gesänge griechisch-orthodoxer Gruppen mit denen katholischer Frauengruppen aus Indien,  während italienische Katholiken den Berg besteigen und Marienlieder singen.

Die Überlagerung unterschiedlicher und sehr lebendiger religiöser Narrative setzt sich für uns fort beim Besuch der Altstadt von Jerusalem. Vor der Klagemauer, die an die Zerstörung des Tempels und die jüdische Diaspora erinnert, versammeln sich israelische Soldatinnen und Polizisten, orthodoxe Juden, amerikanische Touristen in der Synagoge unter freiem Himmel. Wenige Meter weiter beginnt das arabische Viertel der Stadt, das durch seine Betriebsamkeit, Gerüche von Gerüchen und Süßspeisen anmutet wie ein großer orientalischer Bazar. Zwischen die Araber und Touristen mischen sich orthodoxe Juden, die teilweise mit geschlossenen Augen wie Luftgestalten durch die engen Gassen laufen. Die Zugänge zum Tempelberg sind strikt bewacht und nur für Muslime geöffnet. Um des Friedens und der öffentlichen Ordnung willen, sagt unser Guide.

Mir fällt auf, wie unaufgeregt wachsam Israelis im Alltag sind. Sie stehen, trinken Kaffee und scherzen, haben dabei aber sehr genau den Jungen im Blick, der mit einem kleinen Spieß in der Hand notiert, den Jugendlichen, der eine Neonröhre fallen lässt, und als eine Tür mit lautem Knall zufällt, steht sekundenlang die Welt still.

Unsere nächste Station in der Altstadt ist die Grabeskirche, in der armenische, russisch-, griechisch-orthodoxe, katholische und syrische Christen in unterschiedlichen Bezirken des Gebäudes beten. Auch hier begleitet mich die Musik der verschiedenen Pilgergruppen. Menschen berühren Reliquien, lächeln einander an, schieben einander zur Seite, und einige Nonnen fingern auf ihren Tablets herum. Am Ende des Tages bleibt die Stadt für mich ein Terrain fortwährenden Staunens, Beobachtens und Reflektierens. Ich erlebe in mir selbst eine Diskrepanz aus sehr vertraut – bedingt durch die theoretische Auseinandersetzung, demokratische Prinzipien für die eigene Bevölkerung, die eigene religiöse Sozialisation, durch die archaische Bilder wachwerden – und sehr fremd: Die Relevanzzuschreibung national-religiöser Mythen, Orte und Symbole und die daraus abgeleitete und praktizierte soziale, ökonomische und politische Ungleichheit macht es schwer, ungebrochen Ja zu sagen zu diesem Land. Es fühlt sich für mich an, als würden sich Mythos und Logos fortwährend dialektisch explizieren. Aufgehoben ist der Konflikt eigentlich nur beim arabischen Souvenirverkäufer in der Altstadt, der problemlos orthodoxe Ikonen, Rosenkränze, Gebetsketten, Menora und Palästina-Flaggen nebeneinander im Sortiment führt.