Ich bin ein Mittendrin. Wenn ich etwas zu tun habe, blühe ich auf. Wenn ich noch mehr zu tun habe, laufe ich zur Hochform auf. Am besten geht es mir, wenn ich mehrere Bälle gleichzeitig jonglieren kann. Nein, nicht Multitasking und nicht Workoholic, aber ein Tag, der gefüllt ist mit sinnvollen Dingen, vielfältigen Begegnungen, spannenden Einsichten, der ist so ganz nach meinem Geschmack. Sonntage auf dem Dorf machen mich ansatzweise nervös, und wenn ich wegen diverser Kinderkrankheiten tagelang in selbst gewählter Isolation lebe, werde ich depressiv. Meine Eltern werden nicht müde, mir von Familienfeiern zu erzählen, bei denen ich die ganze Tafel unterhielt, die Tanzfläche aufmischte und dem Zimmermädchen im Hotel beim Bettenmachen und Staubwischen half. An Gottesdiensten partizipierte ich ebenfalls gern. Singen, Beten, Nachdenken – prima. Predigten mochte ich auch, ich suchte den Dialog mit dem Pfarrer, der auf meine lautstarken Einwände und Fragen aus der dritten Reihe aber nie einging. Ein Studium ist in dieser Hinsicht toll: für Menschen, die viel Ruhe benötigen ebenso wie für die, die das pralle Leben lieben.

Irgendwann nach der Geburt des ersten Kindes (mit dem Baby allein zu Haus und ohne rechten Plan) war ich neben der Spur – das kleine Leben über- und unterforderte mich gleichzeitig. Ich sprach mit einer weisen Frau, die wissen wollte, wie mein Leben vor der Geburt aussah. Ich erzählte ihr – von 14-Stunden-Tagen, Konferenzen in London, Hamburg und Paris, nächtlichen Rückflügen, Ausflügen ins Freibad in der Mittagspause, dem Ehrenamt – ungefähr zehn Minuten lang – und endete damit, zusammenfassend zu sagen „Ganz schön voll war mein Leben vor der Geburt, oder? Klingt das jetzt sehr stressig?“ Mein Gegenüber sagte „Ja. Aber weißt du was? Ich glaube, das ist genau das Leben, das du brauchst. Mittendrin auf der Wiese, robust wie ein Gänseblümchen, drumherum der Rasenmäher, der dir aber nichts anhaben kann, weil du stark bist und rechtzeitig den Kopf einziehst. Liebe Frau Kreis, der einzige Ausweg aus deinem jetzigen Dilemma ist es, dir die Tage wieder voller zu packen!“

Schön, wenn einem ein vertrautes Gegenüber unvermittelt zu fundamentalen Einsichten über das eigene Leben verhilft. Damals war ich verwirrt. Ich hatte doch ein Kind, wollte einen Schritt zurücktreten, chillen, basteln, der holden Mütterlichkeit Opfer bringen, auf dem Sofa sitzen. Und doch: je mehr ich mich wieder ins pralle Leben wagte, desto besser ging es mir. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, dass es mir in meinem jetzigen Lebensabschnitt nicht so schlecht geht wie von vielen prophezeit: mein Tag ist voll, von morgens um sechs bis abends um 24 Uhr. Und ich mittendrin. 😉

(und wenn der Tag viel zu voll war, hilft es mir immer noch, irgendwann später einfach dazusitzen und debil grinsend und geistlos versonnen in den Himmel zu schauen)